Es scheint ihn also doch noch zu geben, den Fußballgott. In Zitterpartien und ausweglosen Situationen oft beschworen und angerufen; im Freudentaumel bei unerwartet glücklichem Spielausgang immer wieder gefeiert. Da sieht man selbst hartgesottene Männer inbrünstig die Hände falten, Rituale vollführend und glühende Gebete in einen ach so gleichgültig blickenden Fußballhimmel schickend. Menschliches Bangen und göttliche Magie, und für einen Sieg ist man nur zu gern bereit, auch göttliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Ob es so viel anders war, damals, in der Frühzeit der Religion, wenn Gott immer wieder bestürmt wurde, sich gegen die Feinde zu erheben und natürlich auf der „richtigen“ Seite zu kämpfen? Und war es nicht eine mühsam erlernte Lektion, dass Gott eben nicht parteiisch ist? Dass man ihm nicht einfach das Trikot der eigenen Mannschaft überziehen und ihn für sich vereinnahmen kann.
„Die einen sind stark durch Wagen, die andern durch Rosse, wir aber sind stark im Namen des Herrn, unsres Gottes.“ (Ps 20,8) Es war ein langer Weg bis zu dieser Erkenntnis, dass Gott nicht nur dann Gott ist, wenn er auf meiner Seite steht, mich über meine Feinde triumphieren lässt. Der Fußballgott darf nur solange herhalten, wie das Spiel läuft. Nach 90 Minuten, spätestens nach Verlängerung und Elfmeterschießen, hat er ausgedient.
Dabei sind im richtigen Leben noch ganz andere Schlachten zu schlagen: wo die eigene Existenz, die eigene Zukunft auf dem Spiel steht. Stark sein im Namen des Herrn: das kann sogar in der Niederlage gelingen, in der Enttäuschung über sich selbst, in der Erfahrung von Schwäche und Versagen, da man im Tiefsten weiß, dass Gott einen nicht verlässt und dass er auch dann zu einem hält, wenn alle anderen sich schon längst von dem vermeintlichen Looser abgewandt haben.
Es braucht oft lange Zeit, bis solcher Glaube reift. Aber der trägt auch dann, wenn das Spiel längst abgepfiffen ist und der Fußballgott wieder abgedankt hat. Denn unser Gott ist nicht nur ein Gott für die schönste Nebensache der Welt. Ihm geht es darum, dass wir das Leben gewinnen, und zwar auf der ganzen Länge. Da mögen dann auch ein paar Fußballfreuden mit dabei sein. Hauptsache, wir gehen am Ende unseres Lebens als Sieger vom Platz. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht.
Ruhrnachrichten, 30. Juni 2008