„Lieber zuviel als genug“: eine lässig hingeworfene und doch hintersinnig formulierte Beschreibung des Lebensgefühls des modernen Menschen, dessen Urwort schlicht „mehr“ lautet: „Ich will mehr“. Es ist erstaunlich, mit welcher Verve die klassische Todsünde der Gier gleichsam über Nacht an den medialen Pranger gestellt wird. Sie gilt heute als die Wurzelsünde raffgieriger Börsianer und maßlos zockender Banker, die uns in die schwerste Finanzkrise seit den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts geritten hat. Doch handelt es sich dabei nur um verdrehte Fixierungen einiger irregeleiteter Finanzmakler und Wirtschaftskapitäne, Vertreter eines in sich unmoralischen Raubtierkapitalismus und Marktliberalismus? Oder hat die Selbstsucht möglicherweise System?
Ich fürchte ja. Die „Raffke“- und „Geiz ist geil“ - Mentalität ist nicht nur, vielleicht sogar nicht primär in den Chefetagen der Finanzwirtschaft zu Hause - sicher auch dort. Aber sie trifft der Lebensgefühl und den Zeitgeist einer Gesellschaft von Ich-AG’s. „Rausholen, was drin ist“, ist mittlerweile zu einem Volkssport geworden, und in einer Zeit, in der jeder nimmt, was er kriegen kann, darf man sich nicht wundern, wenn es dabei nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer gibt. Dass nun die ganz große Blase an der Börse und in den Finanzinstituten geplatzt ist und sich im Domino-Effekt auf die gesamte Weltwirtschaft legt, legt nur offen, dass da offenbar einiges aus dem Ruder läuft.
„Gibt es auf Erden ein Maß?“ Diese schlichte, von Hölderlin schon vor rd. 200 Jahren aufgeworfene Frage stellt sich auch heute mit Macht. Wer oder was könnte uns hindern, den größtmöglichen Gewinn zu machen - und sei’s auch auf Kosten anderer? Dürfen wir, was wir können? Äußere Regelsysteme mögen den Rahmen vorgeben, Kontrollen können zur Sicherung eingebaut sein. Aber woher nimmt der Mensch für sein Handeln Maß, an welchen Werten und Prinzipien orientiert er sich? Für unser Denken und Handeln brauchen wir Wertmaßstäbe, die uns im Gewissen binden und die uns helfen, unsere Entscheidungen mit „Augenmaß“ zu treffen: indem wir den (realen oder virtuellen) Nächsten und sein Wohl nicht ausblenden, sondern im Gegenteil einbeziehen. Das fordert zu einer Kultur der Verantwortung heraus: gegenüber dem eigenen Gewissen, unserer Mit- und Umwelt (und Nachwelt!) - und, ja, auch gegenüber Gott.Ruhrnachrichten, 13. Oktober 2008