Kolumnen

armes Dortmund - so reich!

Grüße aus Skopje. Eine bunte Ansichtskarte lag dieser Tagen in meiner Post. Ein Kartengruß von Spase, einem jungen Theologiestudenten aus Mazedonien, den ich wenige Wochen zuvor kennen gelernt hatte. Er hatte an einem internationalen Seminar in der Kommende teilgenommen. Für ihn war es bewegend, nach über 30 Jahren in genau jener Stadt zu sein, in der sein Großvater vor über 30 Jahren auf dem Bau gearbeitet hatte. Die Familien in seinem Dorf waren so arm, dass die Männer als Gastarbeiter im fremden Deutschland Geld verdienen mussten, das sie monatlich nach Hause schickten.

Da muss es dem Gast vom Balkan seltsam vorgekommen sein, dass auf dem Dortmunder Katholikentag so viel vom „armen Dortmund“ die Rede war. Deutschland war ihm in den Erzählungen des Großvaters immer als das Wirtschaftswunderland begegnet, und mit Dortmund verband er immer jene Stadt, in der Migranten willkommen waren, in der sich jeder aus kleinen Verhältnissen hocharbeiten kann. Begriffe wie Kinder- und Altersarmut, prekäre Beschäftigung, soziale Brennpunkte, erst recht Bilder von verhärmten Menschen, die in der Straßenbahn leere Flaschen sammeln und im Abfall verschämt nach Verwertbarem suchen, passten nur schwer zu den Vorstellungen, die er sich von jenem Land gemacht hat, das zu den reichsten der Erde zählt und stolz ist auf seine kulturellen und wirtschaftlichen Erfolge.

Armes Dortmund! So hatte er empfunden und war doch zutiefst beeindruckt von dem, was in der Stadt bewegt wird, wie groß die Zahl derer ist, die sich in ihre Freizeit für andere engagieren, ob in sozialen Einrichtungen oder karitativen Organisationen, in persönlichen Kontakten wie bei kirchlichen Projekten. Allein über 30.000 registrierte Ehrenamtliche, so empfand er, sind ein ungeheures Potential, das im eigentlichen Sinn den Reichtum dieser Stadt ausmacht.

In seinem Gruß erwähnte Spase die leuchtenden Augen seines Großvaters, als er ihm von seinen Eindrücken aus Deutschland berichtete: „Armes Dortmund - so reich!“ Bei allen ungelösten Problemen und gewaltigen Herausforderungen ein Grund, Danke zu sagen - und auch ein bisschen stolz zu sein

Ruhrnachrichten, 8. September 2008


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