Kolumnen

Katholiken suchen das Weite

Weite! Wer hätte gedacht, dass das einmal (wieder!) zum Markenzeichen des Katholischen würde: Aufbruchsstimmung statt Rückzugsmentalität, Neugier statt Nabelschau, mutiges Ausschreiten statt ängstliches Festhalten.

Der Osnabrücker Katholikentag dürfte in die Geschichte eingehen als der jüngste Kirchentag aller Zeiten, und die Veranstalter waren wohl selbst überrascht, dass ihr programmatischer Weckruf – Weite statt Enge! - annähernd doppelt so viele Dauerteilnehmer anzog wie erwartet. Nicht mitgerechnet zigtausende Tagesgäste, die einfach mal reinschnuppern wollten, was Katholiken bewegt, sich aus der Enge sattsam bekannter Klischees zu befreien und sich als zukunftweisende Kraft zu präsentieren. Da passte selbst das herrliche Sonnenwetter zum Lebensgefühl eines neuen, selbstbewussten, lebensfrohen Katholizismus, der – in ökumenischer Verbundenheit - zugleich der Versuchung widerstand, lediglich sich selbst zu feiern.

Drangvolle Enge herrschte nur auf den Straßen und Plätzen, wo man sich mit der Menge treiben ließ oder geduldig ausharrte, wenn Gottesdienste und Foren wegen Überfüllung geschlossen waren. Doch diese Enge nimmt man gerne in Kauf, wenn man an die oft lähmende Erfahrung leerer Kirchen und überalterter Gemeinden denkt. Nein, Gott führt seine Kirche auch heute ins Weite, oft jenseits festgefahrener Vorstellungen und quer zu überkommenen Erfahrungen und düsteren Prognosen. Das neue Interesse an inhaltlichen Themen wie  religiöser Orientierung zeigt an, dass Wahrheit und Werte, Profil und Positionen auch heute mehr denn je gefragt sind – und dass man offensichtlich auch von den Kirchen Auskunft erwartet, wie der Aufbruch gelingen kann und wohin er führt, wenn Gott dabei im Spiel ist.

Denn Weite des Denkens und Offenheit für Neues stehen keineswegs für Beliebigkeit und Profillosigkeit. Im Gegenteil. Zukunft braucht Herkunft, und nur wer sich selbst kennt und im eigenen Leben die Handschrift dessen erkennt, der ihn bis hierher geführt hat, kann auch den Aufbruch ins Ungeahnte wagen: im Vertrauen auf Gott, der nicht einengt, sondern befreit. Denn sein Weg führt in die Weite.

Ruhrnachrichten 26. Mai 2008 


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