Ein Bild, an das man sich erst gewöhnen muss - und an das man sich nicht gewöhnen darf: Zinksärge, bedeckt mit der deutschen Fahne, traurig-wehmütig dazu die Melodie „Ich hatte einen Kameraden“. Volkstrauertag 2008 - das ist nicht nur das Gedenken der Toten der beiden Weltkriege im letzten Jahrhundert. Soldaten, nicht nur deutsche, Opfer von Selbstmordattentaten, Opfer von Anschlägen und Sprengstofffallen, riskieren und lassen auch heute ihr Leben, um Menschenleben zu schützen. Nach dem Kalten Krieg ist es der ferne Krieg, der uns unerwartet so nahe kommt, Tribut an eine globale Welt, in der wir uns nicht einfach auf uns selbst zurückziehen können. Denn Menschlichkeit, Solidarität, ist unteilbar, und es steht uns, die wir seit über 60 Jahren auf der Sonnenseite der Welt, in Frieden und Freiheit, in Wohlstand und Sicherheit leben, gut an, uns mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln für Gerechtigkeit einzusetzen, wo immer andere Opfer von Gewalt und Unterdrückung, Demütigung und Terror werden.
Die geschundene weite Welt, medial uns so nahe gekommen, wirbt darum, dass wir das Schicksal so vieler nicht einfach gleichgültig wegzappen und uns statt dessen der Banalität geist- und belangloser Spielshows und TV-Soaps hingeben. Doch sind wir noch fähig zu trauern? Was muss noch passieren, um uns vom Leid, der Traurigkeit so vieler betreffen zu lassen, und sei’s wenigstens an einem Tag der Volkstrauer: Trauer über die sittliche Verrohung unmenschlicher Terrorsysteme; Trauer über die Skrupellosigkeit von Unrechtsregimes, die die eigene Bevölkerung als Manövriermasse in ihrem politischen Ränkespiel einsetzen; Trauer über die eigene Unfähigkeit zu trauern und uns zu wehren, wo menschenverachtendes Kalkül als geo- und wirtschaftspolitisches Machtmittel eingesetzt wird. Es braucht einen Tag der Volkstrauer: an dem unsere Sinne geschärft werden, um Unrecht zu nennen, was Unrecht ist, und denen, die auf Zeit und Vergessen spielen, die Gewissheit einer letzten Gerechtigkeit entgegenzuhalten: „Beim Stolz Jakobs hat der Herr geschworen: Keine ihrer Taten werde ich jemals vergessen.“ (Am 8,7)
Wenn Särge von Soldaten, von Entwicklungshelfern und Missionaren wohl auch in Zukunft in die in die Erde gesenkt werden, mag uns das mit Zorn und tiefer Trauer erfüllen. Aber auch mit stillem Dank: dass welche von uns die Rolle des unbeteiligten Zuschauers aufgegeben und sich eingemischt haben, auch um den Preis des Lebens, im Kampf für die Menschlichkeit. Ich bin sicher: Gott wird ihr Lohn sein.
Ruhrnachrichten, 17. November 2008