Weihnachtsfeier. Herbergssuche. Krippenspiel der Kinder. Mit feierlichem Ernst ziehen Maria und Josef in den improvisierten Stall, umgeben von Schafen, Hirten, Engeln. Die Erwachsenen verfolgen mit einem entspannten Lächeln das alte und immer wieder neue Spiel, vielleicht auch mit Wehmut in Erinnerung an längst vergangene Kindertage. Keiner achtet auf die beiden Kleinen, die, noch unsicher auf den Beinen, irgendwie dazugehören. Und während Maria ihr Kind in den Armen wiegt, haben die beiden ihre ganz eigene Krippe gefunden, direkt unter dem Altar, sich eingerichtet in ihrer Höhle, in der sie sich verstecken und in der sie geborgen sind.
Die Suche nach einem Zufluchtsort, in der nachgestellten Herbergssuche wie in der Bemächtigung des Krippenplatzes: sie erscheint mir wie eine Parabel des Lebens des modernen Menschen, immer aktiv und immer unterwegs, ohne doch je anzukommen und bei sich daheim zu sein. Sinnbild der Unbehaustheit und zugleich der Sehnsucht nach Geborgenheit und Sicherheit, nach einem Ort menschlicher Annahme und mitfühlender Anteilnahme - wie in unbeschwerten Kindertagen.
Für die beiden Kleinen ist die offene Konstruktion des Altars ein Segen, sie finden ganz unbekümmert hinein in das Sacrum, den Ort des Heiligen, in dem sie sich einrichten und den sie bewohnen. Warum ist das für uns Erwachsene so schwer, die wir unsere „erste Naivität“ (Ricoeur) verloren haben und ein Leben lang auf der Suche sind nach unserer eigenen Identität? Wir finden sie nur in den Augen dessen, der uns mit Liebe anschaut und uns Vertrauen schenkt. Da dürfen wir erahnen, dass alles gut ist. Da müssen wir uns nicht selbst inszenieren und aufplustern, um unsere Bedeutsamkeit unter Beweis zu stellen. Menschliches Imponiergehabe, das andere beeindrucken mag, uns selbst aber nicht täuschen kann.
Auch das ist für mich Weihnachten: ein Zuhause haben, angekommen sein - dort, wo Gott schon längst bei uns angekommen ist, unspektakulär und unscheinbar. Wo wir sein dürfen, die wir sind und wie wir sind. Und im Tiefsten wissen, dass wir mit all unseren Unzulänglichkeiten und Oberflächlichkeiten angenommen sind, auch ohne dass es uns jemand sagen müsste. Weihnachten, das wäre ein Ort, der uns heilig ist - wie jene Zufluchtsburg der beiden Kleinen unter dem Altar. Mag dieser Ort auch eine Höhle sein, ein Provisorium auf offenem Feld, in dunkler und zugiger Nacht. Unser Leben - ein Krippenspiel, und wir mittendrin.
Ruhrnachrichten, 22. Dezember 2008