Es ist still in der Abflughalle in Wien. Die Gedanken wohl der meisten Passagiere gehen zu ihrem eigenen Flug. Ein mulmiges Gefühl, wenn die so lässige Selbstverständlichkeit, mit der man ein Flugzeug besteigt, unvermittelt dem Gedanken weicht, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt - nicht im Haushalt, nicht auf der Straße, nicht in der Luft. Die so cool nach außen getragenen Allmachtsgefühle zeigen unversehens feine Risse, und es kommt einem zu Bewusstsein, wie wenig wir unser Leben im Griff haben, wie sehr wir überall voneinander abhängig und aufeinander angewiesen sind: dass der andere einen guten Job macht, dass er verantwortungsvoll, vertrauenswürdig, rücksichtsvoll ist - nicht nur in der Luft. Und was man von anderen erwartet, das schlägt auch auf einen selbst zurück: die Verantwortung, die man selbst auch für das Wohl und Wehe anderer hat, angefangen bei Alltagsbeziehungen und Alltagspflichten.
Man mag sich fragen, was dem Piloten in der Kanzel, was den Passagieren in der Unglücksmaschine in jenen dramatischen Minuten durch den Kopf gegangen ist. Von einem anderen Helden, dem Piloten, der die Notwasserung auf dem Hudson River in New York gemeistert und das Leben aller Passagiere gerettet hat, weiß man es. Auf die Frage, ob er in jenen Schrecksekunden gebetet habe, sagte er: Ich musste mich in diesem Moment ganz auf die Notlandung konzentrieren, aber ich war sicher, dass hinten in der Kabine jemand für mich gebetet hat.
Ruhrnachrichten, 2. März 2009