SMS aus Chicago: „Das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ (Am 5,24) Millionen Gebete seien erhört worden, so schreibt mir Grete zur Amtseinführung Obamas. Typisch amerikanisch, könnte man denken, diese überschwängliche Begeisterung, die immerhin zwei Millionen Menschen in klirrender Kälte hinausgelockt hat.
Aber dass Millionen im Mutterland des American Dream darauf hoffen, dass endlich der Traum von „Recht und Gerechtigkeit“ wahr wird, macht doch nachdenklich. Hinter der Fassade demonstrativer Stärke und zur Schau gestellten Erfolgs tut sich ein Abgrund an sozialen Unterschieden und menschlichem Elend auf. Umso beeindruckender, dass sich da in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten eine Volksbewegung formiert, an deren Spitze ein Präsident die Enttäuschten, Benachteiligten, Verunsicherten auffordert, sich nicht in der Opferrolle zu gefallen, sondern die Ärmel aufzukrempeln und die Herausforderungen anzunehmen. Der die Selbstbedienungsmentalität in Chefetagen und Regierungskreisen geißelt und das Volk dazu aufruft, Verantwortung zu übernehmen.
Wäre das nicht auch ein Programm für uns in Deutschland? Dass wir das Soziale neu denken, uns anstecken lassen vom Virus des „Yes we can“: wo Nachbarschaftshilfe und Gastfreundschaft einen guten Klang haben; wo wir uns den Luxus der Großzügigkeit leisten und mit den Schwächeren und Langsameren Geduld aufbringen. Was nützt uns eine Leistungsgesellschaft, in der das Menschliche auf der Strecke bleibt?
Eigentlich hätte auch Grete, mit den Obamas persönlich bekannt, auf der Ehrentribüne sitzen sollen. Doch sie hat kurzerhand ihr Ticket für einen wohltätigen Zweck versteigert. Und während die historischen Bilder aus Washington um die Welt gehen, gibt sie in der Suppenküche der Franziskaner für 250 Obdachlose Essen und warme Getränke aus. „Das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Da wird die Hoffnung bereits Wirklichkeit.
Ruhrnachrichten, 26. Januar 2009