Kolumnen

Machet die Türen auf


Es war noch zu DDR-Zeiten. Weihnachtskonzert im Magdeburger Dom. Eine ausgesprochen kalte Angelegenheit. Draußen lag bereits Schnee, und ich war erstaunt, wie viele Menschen trotz der Kälte geduldig anstanden. Der eisig kalte Dom war bis auf den letzten Platz gefüllt. Denen, die wie wir durchgefroren auf den harten Kirchenbänken aushielten, musste es schon einiges wert gewesen sein, die Lieder der Weihnacht zu hören. 

Da wurde von Engeln gesungen, nicht von „Jahresendgestalten“, wie es offizielle Sprachregelung war. Die verkündeten eine große Freude: dass der Welt der Heiland geboren sei - und nicht den Sieg des Sozialismus. Von Friede auf Erden klang die frohe Botschaft: ein Geschenk Gottes, und dass die Menschen bei Gott Gnade gefunden hatten, nicht weil sie es sich verdient, sie so hart an sich gearbeitet hätten, sondern sie schlichtweg dem Vertrauen entgegengebracht hatten, der sie von Schuld und aller Selbstbezogenheit befreien und aus ihrer Angst vor dem Tod erlösen konnte. Vom realsozialistischen „Beginn unserer Zeitrechnung“ war dagegen nichts zu hören, wohl aber davon, dass die Kunde von der Menschenfreundlichkeit Gottes immer weitere Kreise zieht.

Ich verstand: Was wir da bei frostigen Minusgraden hörten, war nichts weniger als das Kontrastprogramm für eine spirituell ausgehungerte Bevölkerung, der über Jahrzehnte der Glaube und das Vertrauen in die Wirklichkeit und Wirkmacht Gottes ausgeredet worden war. Und wie zum Beweis, dass seit Weihnachten die Menschen auch einander enger verbunden sind, hatte unsere Gastgeberin aus ihrer nahe gelegenen Wohnung alle verfügbaren Decken geholt, in die wir uns hüllten, wir so gewissermaßen unter einer Decke steckten.

Am meisten beeindruckte mich allerdings, als sich zum Schluss des Weihnachtskonzerts das große Westportal zur Stadt hin öffnete: sinnenfälliger Ausdruck, dass die Botschaft der Weihnacht unmöglich im engen Kirchenraum verbleiben kann, sondern der ganzen Welt gehört und in die dunkle Nacht gesungen werden muss. „Welt ging verloren. Christ ist geboren. Freue dich du Christenheit!“
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