Kolumnen

Mensch, wo bist du?

Es ist schon bemerkenswert, dass der Gott der Christen – und Juden – mit einer Frage daher kommt. Noch dazu, dass er nach dem Menschen fragt, den er doch erschaffen hat und dessen Lebenswege ihm keineswegs unbekannt sind! Der Evangelische Kirchentag in Bremen, der gestern zu Ende gegangen ist, hat just in Zeiten von Wirtschaftskrise und  Werteverfall daran erinnert, dass Gott es ist, der sich auf die Suche nach dem Menschen macht, heute wie damals nach dem ersten Sündenfall: „Mensch, wo bist du?“.

Die Programmansage des Kirchentags liest sich wie die Kurzform eines Glaubensbekenntnisses: Wir glauben an einen Gott, der nach dem Menschen fragt. Gott hat ein Interesse am Menschen: dass er nicht geduckt und nicht verschämt durchs Leben geht, sondern dass er sich aufrichte und zu seiner wahren Größe finde - als Gottes Gegenüber. Und höchst bemerkenswert: Wo der Mensch nicht (mehr) nach Gott fragt und meint, auch ohne ihn zurecht zu kommen, ist es Gott selbst, der wie einst im Paradiesesgarten dem Menschen nachgeht, der sich in sich selbst verschließt, aus Angst und aus Scham.

„Mensch, wo bist du?“ Wäre das nicht auch ein Programm für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft, im privaten wie im öffentlichen Leben: dass vom Kirchentag der Impuls zu einer neuen Kultur des Miteinanders ausginge, geprägt vom aufrichtigen Interesse am anderen und dem Respekt auch vor der Andersheit des anderen?! Das wäre allemal zielführender, als mit erhobenem Zeigefinger auf (vermeintlichen) Schwachstellen des anderen zu beharren und ihn öffentlich bloßzustellen. Es wäre zudem ein zutiefst ökumenisches Signal: das Bemühen um Verstehen und Verständigung auch zwischen den Konfessionen und Religionen. Das illustrieren nicht zuletzt auch jene Bilder aus Jerusalem: ein Papst in weißen Socken im Felsendom; der Pontifex mit seinem Gebetszettel, verloren vor der Mauer der Klage in Jerusalem. Eine kleine, anrührende Geste, die doch genau unterstreicht, dass da ein Kirchenführer nicht mit dem Imponiergehabe weltlicher Potentaten auftritt, sondern als demütiger Pilger daherkommt, der einen Bruder und Freund aufsucht, einen Menschen, mit dem ihn immer schon mehr verbindet als trennt.

Ruhrnachrichten 25. April 2009


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