Kolumnen

EINIG VATERLAND?

Berlin. Feuerwerk und Volksfeststimmung. Tag der Deutschen Einheit. Bilder der Vergangenheit drängen sich auf: jubelnde Menschen auf der Mauer, Fremde liegen sich in den Armen, Trabbis brechen zur Erkundungsfahrt in den Westen auf. Über allem die Ahnung, jetzt endlich könne zusammenwachsen, was zusammen gehört. „Deutschland einig Vaterland.“

Zwanzig Jahre später: Die Jugendlichen, mit denen ich gestern noch durch das Brandenburger Tor ging, waren noch nicht einmal geboren, als seinerzeit die Mauer fiel. Der „Tränenpalast“ von einst, Ort bewegender Abschiedsszenen, ist heute eine Baustelle. Neue Bürohäuser und Einkaufspassagen schießen aus dem Boden. Das Leben geht auch über die großen Momente der Geschichte hinweg. Auch über die großen Ideale? Haben wir heute noch einen Vorrat an Gemeinsamkeit, an Ideen, an Hoffnungen, die uns verbinden? Wie einig ist heute unser Vaterland? Hat nicht der Lagerwahlkampf der letzten Wochen gezeigt, wie verführerisch es ist, sich selbst ins rechte Licht zu setzen - auf Kosten der anderen?

Es ist an der Zeit, dass wir uns auf das große gemeinsame Erbe besinnen, gewachsen auf dem Boden des Christentums, aufbauend auf Werten wie Treue und Vertrauen, Anstand und gegenseitiger Achtung, Ehrlichkeit und Verantwortungsbereitschaft. Man „ist“ kein einig Vaterland, man „wird“ es: indem man sich dem anderen aussetzt, sich mit ihm auseinandersetzt, sich für das Miteinander einsetzt. Das wäre in der Tat ein konstruktiver Beitrag zum Mauerfall-Jubiläum.   

Was als romantisches Sehnsuchtsideal einst politische Kraft entwickelt und die nationalen Realitäten verändert hat, muss auch heute, zwanzig Jahre danach, immer noch kulturell und existentiell eingeholt werden: „Wir sind ein Volk“. Damit verbunden wäre die Einsicht, dass uns als Menschen immer schon mehr eint, als uns je trennen kann, und die Erkenntnis, dass wir in den Augen Gottes bereits das eine Volk sind, zu dem wir doch - nach irdischem Maßstab - ein Leben lang unterwegs sind. Es wäre der Mühe wert, auf diesem Weg entschlossen voranzuschreiten.

Ruhrnachrichten 5. Oktober 2009


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