Das war’s! Das Jahr ist so gut wie gelaufen. Wieder ein Jahresring mehr (für manchen auch sichtbar um die Hüfte). Abgehakt und vorbei. Manch einer wird froh sein, dass 2009 überstanden ist: das Jahr mit den großen und kleinen Krisen, mit persönlichen Erfolgen und schmerzenden Niederlagen, mit Gewinn und Verlust, erfüllten Hoffnungen und geplatzten Träumen.
Aber war’s das wirklich? Kann man das Vergangene, im Guten wie im Schlechten, einfach so abschütteln und zur Tagesordnung übergehen? Was in der Hektik des Tagesgeschäfts störend ist und ausgeblendet wird, meldet sich, wenn wir zur Ruhe kommen, oft umso beharrlicher wieder: Begegnungen, die nachklingen; Verletzungen, die wehtun; Schuld, die nicht einfach wieder gut gemacht werden kann. Bei denen, die bis in die Fußspitzen aktiv sind, kommt das vielleicht nur vor dem Einschlafen oder in den Träumen hoch, bei anderen, die plötzlich oder endlich viel Zeit haben, ist das Gewesene und scheinbar Vergessene umso gegenwärtiger, manchmal auch bohrender. Was bleibt von all dem, was man getan, worum man sich gesorgt, was man geliebt hat? Was kann man mitnehmen von all dem, wenn die Kinder aus dem Haus, die Berufstätigkeit zu Ende, der Lebenspartner gegangen ist?
Wenn meine Eltern von früher erzählen, dann kommen dort immer wir, die Kinder, vor. Die glücklichsten Jahre meiner Eltern, so scheint es, waren ausgerechnet jene, wo sie sich am meisten für uns Kinder krumm gelegt, Zeit und Geld und vor allem Nerven geopfert haben. Eine ganz erstaunliche Lebensbilanz, wie ich finde: Was gegeben ist, bleibt. Was an Liebe investiert ist, kommt mit Zinsen zurück. Amo ergo sum – „ich liebe, also bin ich“: Lebensglück hängt letztlich davon ab, ob und wie ich mich für etwas oder jemanden eingesetzt habe.
Ich wünsche uns, dass das nun zu Ende gehende Jahr uns nicht ärmer macht an Lebenszeit, sondern reicher an Lebensglück. Dass all das bleibt und mit Zinsen zurückkommt, was wir an Liebe investiert haben. Und wo wir auf dem Lebenskonto ins Minus gerutscht sind, bleibt die Aussicht auf ein neues Jahr – wenn wir so wollen: auf eine Zeit, die bleibt.
Ruhrnachrichten 28. Dezember 2009