Kolumnen

Expedition ins Reich der Hoffnung

Manchmal muss man weit weggehen, um bei sich selbst, den eigenen Fragen, Problemen und Hoffnungen anzukommen. So geschehen vor wenigen Tagen, als ich mit der Kommende in Brasilien war: in einem abgelegenen (aber nicht gottverlassenen!) Provinznest unweit von Sao Paolo. Ziel unserer Expedition war nicht der Karneval in Rio, sondern die Fazenda da Esperanza – ein „Hof der Hoffnung“. Denn es gibt sie, diese Inseln der Hoffnung, auch inmitten einer von Armut, Drogen und Gewalt gezeichneten Welt. Ein deutscher Franziskaner, Frei Hans, hat damit angefangen, aus dem Glauben heraus Lebensräume zu schaffen, aus denen den vom Leben Gezeichneten Hoffnung erwächst. Moderne Wallfahrtsorte, wo selbst der Papst schon zu Besuch war.

Unvergesslich das Gespräch mit einer jungen Frau, ich nenne sie Eleonora, die schon als Zwölfjährige, von ihrem Vater missbraucht, auf der Straße landete: in Jungenkleidern, um sich zu schützen; mit feindseliger Härte, um zu überleben; ihrem Dealer „zur Verfügung“, um an den „Stoff“ zu kommen. Als sie schwanger wird, gibt ihr jemand den Tipp mit der Fazenda. Es dauert Wochen, um von der Droge loszukommen. Es braucht Monate, um sich selbst anzunehmen – und Gabriel, ihren Sohn, der bald ein Jahr alt ist. In der Gemeinschaft mit anderen Frauen, die sich hierher gerettet haben, findet sie zurück ins Leben.

Was für eine Geschichte! Und was für eine Hoffnung! Während Eleonore von ihrer Rückkehr ins Leben erzählt, kommen mir Bilder in den Sinn: Straßen und Plätze hier bei uns, Gesichter und Geschichten von Menschen in unserer Stadt, erniedrigt, gedemütigt, traumatisiert, oft unter Aufrechterhaltung des schönen Scheins. Es braucht sie auch bei uns, solche „Höfe der Hoffnung“ – und Gott Lob! Es gibt sie: Orte der Zuwendung und der Geborgenheit, wo Menschen ihre Würde wieder finden. Wo ihnen etwas zugetraut wird und sie selber neuen Lebensmut bekommen und eine Lebensperspektive entwickeln. Die Geschichte von Eleonore hat uns bewegt, und sie selbst hat uns gedrängt, alles zu tun, um junge Leute vor Abhängigkeit und Gewalt zu bewahren. Sie hat die Rückkehr ins Leben geschafft. Das gibt mir unglaublich große Hoffnung. Auch für uns.

Ruhrnachrichten 8. Februar 2010


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