„Angenehme Vorstellungen von Dingen, die noch nicht sind, aber sein werden. Zum Beispiel im März, wenn wieder einmal keine einzige Knospe zu sehen, kein Frühlingslufthauch zu spüren ist, während doch gegen Abend der Amselsturm sich erhebt.“ Es waren wohl solche Tage wie diese, immerhin Frühlingsanfang!, die Marie Luise Kaschnitz zu ihrem Amselsturm-Gedicht inspiriert haben. Auch wenn man es nicht sieht: es liegt etwas in der Luft, Vorboten einer Frühlingsoffensive, die unverhofft Lichtblicke hervorzaubern: „Sonne auf den Lidern. Sonne auf der ausgestreckten Hand“.
Ist es nicht überraschend, wie stimmungsabhängig wir sind? Da zeigt sich für nur wenige Stunden die Sonne, und alle machen gleich ein freundlicheres Gesicht. Da sagt jemand das Zauberwort „Ich mag dich“, und schon schmelzen alle Selbstzweifel dahin. Da geht jemand großzügig darüber hinweg, dass wir etwas verbockt haben: „ist schon gut“, und wir fühlen uns erleichtert. „Lauter Erfreuliches, was doch auch in … der Beziehung der Menschen zueinander eintreten könnte, Freude, Erkennen. Hinz liebt Kunz, Kunz umarmt Hinz, Hinz und Kunz lachen einander an.“ Frühlingsgefühle eben. Aber Gefühle sind flüchtig und brechen sich leicht an der Wirklichkeit. Wenn Unangenehmes ins Haus steht, kippt die Stimmung, und wenn Ärger droht, ist es mit der Leichtigkeit des Seins schnell vorbei.
Da ist es erstaunlich, dass in den Kirchen – allen Frühlingsgefühlen zum Trotz – gerade eine Zeit der Buße angesagt ist: aus aktuellem Anlass, wo Beschämendes zutage tritt. Aber auch ganz grundsätzlich, wo sich im Blick auf die Passion Jesu die Frage nach Schuld und Vergebung stellt, auch im eigenen Leben und persönlichen Umfeld. Solch ernste Gedanken versetzen zwar nicht gerade in heitere Stimmung und lösen auch keine Begeisterung aus. Es bleibt aber letztlich das gute Gefühl, näher dran zu sein an der Wirklichkeit, bei sich und bei anderen. „Und wer sagt, dass in dem undurchsichtigen Sack Zukunft nicht auch ein Entzücken steckt.“
Ruhrnachrichten 22. März 2010