Kolumnen

Damit ihr Hoffnung habt …

Wohin steuert unser Land? Wie es auf der politischen Bühne weitergeht, haben die Wähler gestern in Nordrhein-Westfalen entschieden, auch wenn noch viele Fragen offen bleiben. Die wirtschaftlichen Folgen aus Banken- und Finanzkrisen, die jetzt auch unsere Eurozone ins Taumeln bringen, werden uns wohl noch auf Jahrzehnte beschäftigen. Am tiefsten  aber wird unsere Gesellschaft derzeit in ihren moralischen Fundamenten erschüttert, mit unabsehbaren Folgen und Verwerfungen: eine traumatisierte Gesellschaft, die das ganze Ausmaß und die verheerenden Auswirkungen sexueller Gewalt an Kindern – ihren eigenen Kindern! – noch gar nicht erfasst hat. Was es bedeutet, wenn Opfer oft erst nach Jahrzehnten leidvollen Verdrängens und quälender Selbstzweifel darüber sprechen können, dass sie im Kindesalter ihrer physischen und psychischen Unversehrtheit beraubt wurden. Dass dies bis heute jedem vierten Mädchen und jedem zehnten Jungen widerfährt, ausgerechnet von Vertrauenspersonen im familiären Umfeld und im Schutzraum von Sport, Schule und Kirche, ist schier unerträglich und zutiefst beschämend.

 Wohin steuert eine Gesellschaft, wenn keinem mehr zu trauen ist? Wenn man sich der Integrität selbst moralischer Autoritäten nicht mehr sicher sein kann? Mit jeder Enthüllung wächst die Enttäuschung, und der Fehltritt auch nur eines einzelnen offenbart schmerzlich die Fehlbarkeit einer ganzen Institution. Die Kirche - meine Kirche - hat in diesem Zusammenhang viel Kredit verspielt und an „Glaub“-Würdigkeit verloren. Doch auch wenn wir schmerzhaft erfahren, wie weit auch Kirchenleute hinter ihren Idealen zurückbleiben, dürfen wir an der christlichen Wertorientierung keine Abstriche machen, aber wir sollten es ohne jeden Anflug von Besserwisserei oder im Dünkel moralischer Überlegenheit tun, sondern demütig und im Bewusstsein eigener Fehlbarkeit und Schwäche.  Dann wäre das Motto des Ökumenischen Kirchentags eine Verheißung, nicht nur für die Kirchen, sondern für unser ganzes Land:  „Damit Ihr Hoffnung habt!“

Ruhrnachrichten 10. Mai 2010


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