Montagmorgen beim Frühstück. Ich bin noch halb verschlafen, da empfängt mich mein amerikanischer Freund bereits mit einem strahlenden Lächeln. „Weißt Du, wie ich jeden Tag beginne?“, fragt er. „Wenn ich aufwache, stelle ich mich ans Fenster, mache die Fensterläden weit auf und rufe: „O God, you did it again!“ – Ich muss unwillkürlich lachen; aber in der Tat: es ist das wohl kürzeste und zugleich treffendste Morgengebet, das ich kenne. „O Gott, du hast es wieder getan!“
Das ist mehr als nur ein frommer Gedanke. Dahinter steckt eine bewundernswert positive, lebensbejahende Grundhaltung, der nichts selbstverständlich und nichts gleichgültig ist. Wie gut, dass DU da bist! Und wie gut, dass ICH da bin! Bei allem, was an Schwerem, Mühseligem, Belastendem noch kommen kann, wohl auch kommen wird: das Wichtigste ist schon getan, ganz ohne mein Zutun. Es würde schon reichen, wenn ich die „Fensterläden“ vor meinem inneren Auge einfach etwas weiter aufreiße und mich überraschen lasse von dem, was schon da ist – und nicht von dem, was noch fehlt.
„Think positive!“, lautet das Credo der Motivationstrainer. Aber um „positiv zu denken“, bedarf es keiner psychologischen Tricks. Man muss die Wirklichkeit weder schön reden noch das Negative einfach ausblenden, und der Morgengruß meines Gastes war alles andere als amerikanisch oberflächlich. Als Bischof von Dallas musste er seine Diözese über Jahre in einem der schwersten Pädophilieskandale durchtragen und vor dem Bankrott bewahren. Geblieben sind ihm davon zwei Hörgeräte, aber auch eine „zweite Naivität“: die Lebenseinstellung, nicht alles selber machen zu müssen und auch nicht alles besser zu wissen. Es reicht, die Augen aufzumachen und voll Bewunderung festzustellen, dass ein Anderer schon längst das Wunder gewirkt hat, jenseits all unserer Vorstellungen und Möglichkeiten. Ich bin sicher: Er wird es auch wieder tun.
Ruhrnachrichten 20. September 2010