„Das ist ja unglaublich!“, ereiferte sich die Frau auf dem Weihnachtsmarkt in Leipzig. Kürzlich sei sie in einer Kirche gewesen, „und stell Dir vor: jetzt haben die Christen auch noch unser Weihnachtsfest übernommen. Mit Tannenbaum, Krippe und so…!“ Ihr Mann darauf sarkastisch: „So was nennt man feindliche Übernahme!“
Man mag über so viel Ahnungslosigkeit nur staunen oder lächeln. Schließlich haben wir, die Christen, das „Copyright“ auf das Fest der Geburt Christi mit allem, was dazugehört: dass Gott Mensch geworden ist, in einem Stall in Betlehem vor rd. 2000 Jahren. Mit diesem Ereignis hat nicht nur unsere Zeitrechnung begonnen; seitdem gibt es auch nicht mehr zwei von einander geschiedene Sphären, die des Göttlichen und des Menschlichen, sondern nur die eine Wirklichkeit: Gott ist in unserer Welt.
Wir können ihn finden, mit ihm leben, nicht nur an Weihnachten. So weit, so gut.
Aber stimmt das eigentlich, dass Weihnachten nur uns, den Christen gehört, wir gewissermaßen das Monopol besitzen? Immerhin geht die Weihnachtsoffensive von Gott aus, wie schon vor 2000 Jahren, und wer sagt, dass er nicht auch heute Wege zu den Menschen findet, die den Christen und Kirchen versperrt sind? So werden an Heiligabend wieder Tausende im Erfurter Dom zu einem nächtlichen Weihnachtslob zusammenkommen, die meisten von ihnen ohne Bezug zum christlichen Glauben und ohne Bindung an die Kirche. Gott kommt auf leisen Sohlen. Er drängt sich nicht auf, aber er lässt sich finden; daran mag uns das Kind in der Krippe erinnern.
Ruhrnachrichten 20. Dezember 2010