Kolumnen

Eine Stadt geht auf Empfang

Das neue Jahr beginnt, wie das alte aufgehört hat. Was im Dezember die Weihnachtsfeiern waren, sind im Januar die Neujahrsempfänge. The same procedure as every year. Eigentlich keine schlechte Idee. Man präsentiert, positioniert, profiliert sich. Man lädt Freunde, Geschäftspartner, Kunden ein und gibt Gelegenheit, sich kennenzulernen und auszutauschen, Absprachen zu treffen oder sich einfach auch nur blicken zu lassen. Vor allem: man signalisiert Offenheit. Denn wer andere empfängt, macht damit deutlich, dass er sich selbst nicht genug ist. Dabei geht man durchaus ein (kalkuliertes) Risiko ein, denn man weiß ja nicht, was der andere da alles mitbringt, auch an Kritischem, Anstrengendem, Belastendem. Das kann man zwar elegant übergehen oder brüsk abblocken; aber spannend wird es erst, wenn man sich darauf einlässt, und sei es nach dem Austausch von Höflichkeiten und auch erst nach dem zweiten Bier …   

Was im politischen und gesellschaftlichen Raum gute Gewohnheit ist, könnte sich doch auch im Privaten und Persönlichen fortsetzen. Das wäre in der Tat ein anspruchsvolles Jahresprogramm: eine ganze Stadt geht auf Empfang – Plädoyer für eine Kultur der Offenheit, des ernsthaften Interesses am Anderen, am Fremden und Unbekannten. Es wäre das Gegenteil von kalkulierter Selbstinszenierung und bemühter Selbstbeweihräucherung (wovon auch offizielle Empfänge gelegentlich nicht ganz frei sind). Das verlangt allerdings, sich selbst zurückzunehmen, dem Anderen im eigenen Denken und Erleben Raum zu schaffen. Wie arm ist es dagegen, wenn einer nur in seinen Erinnerungen schwelgt oder die ganze Welt mit den eigenen Lebensweisheiten beglücken will. Nein: alles Leben ist Begegnung (Buber), und um den Reichtum des anderen in sich aufzunehmen, bedarf es der Kunst, selbst empfangsbereit zu sein und den Ballast vermeintlicher Selbstverständlichkeiten über Bord zu werfen. Und das Wunder geschieht. Man wird dabei nicht ärmer, sondern reicher.

 

Ruhrnachrichten 31. Januar 2011


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