Wahre Helden werden in der Grippezeit geboren, vermeldete die Süddeutsche kürzlich mit einem schelmischen Unterton. Und wirklich: Sind es nicht die Unentbehrlichen und Unabkömmlichen, die es sich und ihrem Arbeitgeber schließlich schuldig sind, allzeit zu Diensten zu sein, und sei’s mit dicken Schals, Bergen an Papiertaschentüchern und einem ganzen Sortiment an Tablettenschachteln und Hustenpastillen auf dem Schreibisch. Jene, die generös den Kollegen frei geben: sie sollten doch besser zu Hause bleiben und sich auskurieren; nur sie selbst seien bedauernswerterweise so unter Druck, dass sie es sich einfach nicht leisten könnten, krank zu feiern.
„Ich arbeite, also bin ich“: Es ist das nach Descartes leicht abgewandelte Credo einer Leistungsgesellschaft, in der sich Selbstwertgefühl wie berufliche Anerkennung nur über einen vollen Schreibtisch und einen ausgefüllten Kalender gewinnen lassen. Wobei pikanterweise nicht das Ergebnis, sondern der optisch wahrnehmbare Grad an Beschäftigung und Pflichterfüllung zählt.
Wenn die christlichen Kirchen alljährlich in der Fastenzeit zu Mäßigung und Enthaltsamkeit aufrufen, dann muss sich das nicht notwendig nur auf Süßigkeiten und Alkohol beziehen. Es wäre die Aufforderung, sich wieder auf Normalmaß zu bringen: nicht mehr sein und scheinen zu wollen, als man ist – aber auch nicht weniger. „Staub bist du, und zum Staub kehrst du zurück“, mit diesen drastischen Worten wird den Christen am Aschermittwoch das Kreuz auf die Stirn gedrückt. Will sagen: Hab Mut, der zu sein, der du bist, mitsamt der Anerkenntnis und Akzeptanz der eigenen Begrenztheit und Endlichkeit. Das enthebt einen der Sorge, sich ständig beweisen und in Szene setzen zu müssen, und befreit nicht zuletzt auch vor dem Unentbehrlichkeitswahn. Gut möglich, dass uns in der Grippezeit dabei ein paar Helden verloren gehen. Aber auf die könnten wir auch ganz gut verzichten, und sei’s allein wegen der Ansteckungsgefahr
Ruhrnachrichten 14. März 2011