Ein Bild, das um die Welt ging: der schlichte Holzsarg mit dem aufgeschlagenen Evangelium wirkte fast verloren auf dem weiten Rund des Petersplatzes. Als Papst Johannes Paul II. nach langer, öffentlich ertragener Krankheit im April 2005 starb, kamen dort so viele weltliche und geistliche Führer zusammen wie noch nirgends zuvor. Und aus dem Volk, das ihm zu Millionen die letzte Ehre erwies, erscholl der Ruf „Santo subito!“ - „Heiligsprechung jetzt“. A, Sonntag, sechs Jahre später, wieder am selben Ort, waren mehr als 2 Millionen Gläubige gekommen, um seiner Seligsprechung, der kirchenamtlichen Bestätigung seines vorbildlichen Lebens, beizuwohnen.
Was ist es, dass sich in unserer schnelllebigen Zeit, in der die Halbwertzeit von Politikern und Künstlern immer kürzer wird und Stars ebenso schnell hochgejubelt wie fallen gelassen werden, ausgerechnet jene schmerzgebeugte Gestalt des geistlichen Oberhauptes von 1,2 Milliarden Katholiken bis heute in das Gedächtnis der Weltöffentlichkeit eingegraben hat?
Vielleicht war es jene seltene Kombination von politischer Autorität und moralischer Integrität, persönlicher Ausstrahlung und tiefer Frömmigkeit, dass dem Papst aus Polen, Staatsmann und Mystiker in einem, über alle Konfessions- und Religionsgrenzen hinweg so große Verehrung entgegengebracht wurde. Mit dem Friedensgebet von Assisi, den Besuchen an Klagemauer und in Moscheen hat Johannes Paul II. im Dialog mit den Weltreligionen Maßstäbe gesetzt; sein Schuldbekenntnis im Namen der Kirche war ein notwendiger Schritt zur Aufarbeitung der Vergangenheit und zur „Reinigung des Gewissens“. Mit seinem kompromisslosen Einsatz für die unveräußerlichen Rechte des Menschen hat er sich auch mit den Mächtigen dieser Welt angelegt und das sowjetische Imperium zum Einsturz gebracht.
Der „Diener Gottes“ Karol Wojtyla war vor allem eine prophetische Gestalt, die ihre Kraft bis heute nicht verloren hat. Seine Worte, mit denen er Millionen Jugendlichen das Evangelium anvertraute, klingen im Nachhinein wie sein Vermächtnis: „Ich sehe in euch die Wächter auf den Morgen.“ Ein Erbe, das ermutigt.
Ruhrnachrichten 30.05.2011