Mein erster Seniorenteller. Mit gerade mal 54! Ich hatte den Hinweis auf der Speisekarte nicht weiter beachtet: Menu 55 plus. Erst bei der Bestellung wurde mir dezent bedeutet, dass hier mein Alter gefragt war. Aber ich fand Gnade und durfte bereits mit 54 Jahren von den Vorzügen des Alters kosten.
War das nun die vorgezeichnete Bahn für das letzte Lebensdrittel: Seniorenteller. Seniorenpass. Seniorenheim (oder –residenz). Vielleicht auch noch Seniorentanz. Wer weiß! Zumindest im deutschen Sprachgebrauch schwingt irgendwie mit, dass „Senioren“ das Leben größtenteils hinter sich haben und sich verdientermaßen zur Ruhe setzen dürfen, betreut und bedient von fürsorgenden Helferinnen und karitativen Einrichtungen. Darüber hat sich schon mein Vater schon vor zwanzig Jahren aufgeregt, der dieser Tage neunzig wird. Dabei sind viele unserer älteren Mitbürger körperlich wie geistig fit (nicht nur „rüstig“) und könnten es mit manchem Jüngeren an Wissen, Weitblick und gesundem Urteil aufnehmen, an Lebenserfahrung und Weisheitskompetenz sowieso.
Im Amerikanischen hat „senior“ übrigens einen ganz anderen Klang. Der Seniorpartner in einer Firma etwa ist der ältere, reifere, erfahrene Experte, der mit seiner Berufs- und Lebenskompetenz den größeren Überblick hat und sich nicht mehr um jeden Preis profilieren muss. Er ist schon wer und muss es keinem mehr beweisen, auch nicht sich selbst. Natürlich geht nicht mehr alles so schnell; das muss es aber auch nicht. Dafür haben ältere Menschen nach Ergebnissen der Berliner Altersforschung eine „Kompetenz im Wesentlichen“, die im Allgemeinen zu wenig abgefragt wird. Arthur Rubinstein, ein auch im hohen Alter noch gefeierter Pianist, hat dies in großer Schlichtheit auf den Punkt gebracht: „Ich kann nicht mehr alles spielen. Ich konzentriere mich auf das, was mir wichtig ist… Was mir wichtig ist, übe ich vermehrt… Was ich geübt habe, verstärke ich mit einigen Tricks.“ - Lebenskunst und Lebensweisheit, auf die unsere Gesellschaft nicht verzichten dürfte. Dann mag man ruhig auch die Vorzüge des Seniorentellers in Anspruch nehmen.
Ruhrnachrichten 10. Oktober 2011