Wenn am Abend auf dem Weihnachtsmarkt die Lichter angehen, dürften viele Besucher diesmal, vielleicht mehr als sonst, erst einmal nach oben schauen: Da ist er wieder, der vertraute Weihnachtsengel auf dem höchsten Tannenbaum-Arrangement der Welt: strahlend hell, nun doch nicht verdrängt vom säkularen Fußballgott. Dessen Macht ist denn auch eher suggestiver Natur und erschöpft sich in banalen Spruchweisheiten wie „der Ball ist rund“ und „nach dem Spiel ist vor dem Spiel“. Unter Marketinggesichtspunkten durchaus recht brauchbar für die, die sich auch unter dem Baum meisterlich aufstellen und auf Umsatzsteigerung und Besucherrekorde hoffen. Aber muss man den Werbegag deswegen auf die Spitze treiben? Natürlich ist Dortmund Fußballstadt, und man kann das gern auf die Ortseingangsschilder schreiben, um es nicht zu vergessen. Und selbstverständlich werden in heimischen Kinder- und Väterstuben auch in diesem Jahr wieder Fußbälle und Trikots en masse unter dem Weihnachtsbaum liegen. Doch nicht, was drunter liegt, sondern was oben drauf steht, macht den Baum zum Weihnachtsbaum – zu Hause wie auf dem Weihnachtsmarkt.
Nun hat Dortmund also seinen Engel wieder. Man muss nicht einmal gläubig oder religiös sein, um das gut zu finden. Der Engel über Dortmund drängt sich nicht auf, aber er ist da und erinnert allein durch seine stille, unaufdringliche Präsenz, dass unsere Welt nicht schutzlos den dunklen Mächten ausgeliefert ist. Auch wenn der Glaube daran erschüttert und dem Gefühl der Ungewissheit gewichen ist: die Sehnsucht bleibt, dass unsere Existenz im Letzten gehalten und behütet ist, und die Ahnung, dass es so ist. Das entzieht sich jedem marktstrategischen Kalkül.
Mich erinnert das Für und Wider um den entthronten Fußballbaum an einen Priester, der einst in einem kommunistischen Land Engel schnitzte. Es war die einzige Predigt, die er ungestraft halten konnte: damit die Erinnerung an den Himmel nicht verloren ging. Manche Zeiten kommen wieder…