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Abstimmung mit den Füßen

Kolumne

„Nicht meine Kirche“, so denken viele, die in diesen Tagen aus der Kirche austreten. Ich kann sie verstehen. Die immer neuen Enthüllungen von Missbrauchsfällen, die schleppende Aufarbeitung, der beschämende Umgang mit den Betroffenen… all das erschüttert und entsetzt, gerade weil es so diametral all dem entgegensteht, wofür Kirche eigentlich steht: dass Menschsein gelingt unter den Augen Gottes, dass jeder Mensch eine unhintergehbare Würde besitzt, dass die Güter dieser Erde gerecht verteilt werden und wir darauf hoffen dürfen, dass wir das Leben nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt.

Dass ausgerechnet Seelsorgende, unterwegs im Namen der Kirche, so unsägliches Leid über ihnen Schutzbefohlene gebracht haben, macht mich fassungslos – wie auch all jene, die sich heute in den Pfarreien und kirchlichen Einrichtungen in den Dienst ihrer Mitmenschen stellen und sich für Nächstenliebe, für Gerechtigkeit und das Wohl anderer einsetzen. So skandalös die mittlerweile bekannten Vorgänge auch sind, so notwendig ist es doch gerade auch heute, dass die Liebe gelebt wird und Menschen einstehen für die Hoffnung, die ihnen der Glaube gibt.  

Auch wenn es mich bedrückt und ich mich schäme für alles, was da an dunklen Machenschaften ans Licht kommt: Es ist auch weiterhin meine Kirche, und ich weiß, dass meine Kirche mich braucht. Gerade jetzt. Nicht weil ich wegschaue oder das, was geschehen ist, ignoriere oder relativiere. Ganz im Gegenteil: weil es gerade jetzt Menschen braucht, die sich mit ganzer Kraft für das Evangelium einsetzen und Prozesse der Erneuerung in der Kirche in Gang bringe, in Rückbindung an ihren Ursprung: dass sie dem entspricht, was ihr ursprünglicher Auftrag ist.  

Die Synodale Versammlung, die Ende letzter Woche getagt hat, bringt dazu ein ganzes Reformpaket auf den Weg: „Wir wollen, dass Macht in der Kirche geteilt wird, dass Macht kontrolliert wird, dass Macht nicht mehr in Händen Einzelner liegt, sondern von vielen getragen wird. Wir wollen, dass Frauen in Dienste und Ämter der Kirche aufgenommen werden können. Dass gleiche Rechte, gleiche Würde von Frauen und Männern in der Kirche gelten. Wir wollen, dass die Geschlechterdifferenz, die es gibt, auch die Geschlechtervielfalt, die es gibt, Akzeptanz findet in der katholischen Kirche.“ (Bischof Georg Bätzing) Man mag einwenden, das sei längst überfällig, aber umso wichtiger ist doch, dass dies jetzt konkret vor Ort umgesetzt wird; und bei manchem wird Papst Franziskus froh sein, dass die katholische Kirche in Deutschland hinter ihm steht, wenn es um den Reformprozess in der Weltkirche geht. Abstimmung mit den Füßen: das kann auch bedeuten: zusammenzukommen und gemeinsam die neuen Wege beschreiten, auf die uns der Geist Gottes heute führen will. Ich jedenfalls bin dabei. Trotz allem.