| Anzeiger für die Seelsorge

Adveniat

Kolumne

Adveniat regnum tuum“ – „Dein Reich komme“, so beten wir gewohnheitsmäßig im Standardgebet der Christenheit, das im Wortlaut noch auf den Stifter unserer Religion zurückgeht. Und wohl kaum einer denkt bei dieser „Vater unser“-Bitte an die Spendenaktion der Katholiken in Deutschland für die Brüder und Schwestern in Lateinamerika. Ausgerechnet an Weihnachten, dem traditionellen „Fest der Liebe“, das wir Deutschen laut einer repräsentativen Studie (QVZ) immer noch am liebsten zusammen mit Freunden und in der Familie feiern, ruft die ADVENIAT-Aktion in Erinnerung, dass das Reich Gottes nicht auf unsere kleine oder große Familie oder unseren Freundeskreis beschränkt ist und auch nicht an nationalen oder europäischen Grenzen Halt macht; dass auch die Armen und Verlassenen auf der Schattenseite unseres Wohlstandskontinents zu uns gehören: als unsere Schwestern und Brüder, nicht nur virtuell gedacht, sondern wirklich gemeint - Kinder jenes Vaters, den wir doch so eindringlich um das Kommen seines Reiches bitten. Zu diesem seinem Reich gehören eben auch all jene, die nicht an unserer weihnachtlich gedeckten Tafel sitzen und auch nicht in unseren feierlich orchestrierten Weihnachts-Arrangements vorkommen.

Das mag verstören, wo doch die Intimität dieses Festes mit seinen Ritualen und Gebräuchen, dem Austausch von Geschenken und den stimmungsvollen Gottesdiensten gerade danach verlangt, sich von der Außenwelt abzuschirmen und die Probleme dieser Welt wenigstens für ein paar Stunden zu vergessen. Aber im Zeitalter der Globalisierung ist uns ohnehin zunehmend – und manchmal durchaus schmerzlich - bewusst, dass wir nicht zu unserem Gott „Vater“ sagen können, wenn wir nicht auch die in den Blick nehmen, die in der Logik von Weihnachten unsere Geschwister sind. Denn das wird ja gerade an Weihnachten offenbar: dass unser Gott sich nicht mit einigen mehr oder weniger Auserwählten begnügt und sich auch nicht mit einer religiösen Leistungselite zufriedengibt, sondern der Gott und Vater aller Menschen ist, ganz gleich, ob die nun darum wissen oder nicht.

Wenn wir auf das Kind in der Krippe schauen und vielleicht in andächtigem Schweigen der Geburt des Gottessohnes vor rd. 2000 Jahren gedenken, dann lässt uns ADVENIAT in die Gesichter der Kinder und Jugendlichen schauen, die in unseren Tagen ebenso arm geboren sind: vielleicht nicht in einem Stall, aber in einer Favela, in einem Flüchtlingslager, auf einer Zuckerrohrplantage in der Karibik ... Kinder, die für das Überleben ihrer Familie arbeiten müssen. Jugendliche, die lieber zur Schule gehen würden und davon träumen, zu studieren und in Kirche und Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. Und wenn wir dann an Weihnachten und immer wieder das Jahr hindurch das „Vater unser“ anstimmen, dann schwingt darin bereits die Ahnung mit, ja möchte zur Gewissheit werden, dass der Vater im Himmel uns all seine Kinder anvertraut, die nahen und die fernen – damit sein Reich kommt.