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Corona-Weihnacht

Kolumne

Mir fehlt der Engel“, entfuhr es einer der Umstehenden, die zusahen, wie das Gerüst für den Mega-Weihnachtsbaum wieder abgebaut wurde. Kein Weihnachtsmarkt. Kein Weihnachtsbaum. Und wie es aussieht, muss die Stadt in diesen Corona-Zeiten ohne den Engel auskommen, jene Leuchtfigur, die in anderen Jahren die Spitze des „größten Weihnachtsbaums der Welt“ krönt.

Dabei bräuchten wir gerade in Corona-Zeiten so sehr den göttlichen Beistand, spirituelle Energien, um gegen die trübe Corona-Stimmung anzukommen. Man merkt, wie bei vielen die Nerven blank liegen, der Ton gereizt ist, das Alleinsein den Menschen zusetzt. Der verlängerte Teil-Lockdown zehrt an den Kräften, und manches spricht dafür, dass sich das noch bis weit ins nächste Jahr hinzieht. Mir scheint, dass wir erst in dieser Extremsituation merken, was uns fehlt. Wir leben von Beziehungen, von zwischenmenschlichen Kontakten: dem persönlichen Gespräch, einer liebevollen Umarmung.

Bei Mitch Albom lese ich von seinem Besuch bei seinem alten Professor Morrie, der an fortschreitender Muskellähmung leidet, das qualvolle Sterben vor Augen. Seine Lebensweisheit: „Am Anfang des Lebens, wenn wir kleine Kinder sind, brauchen wir andere zum Überleben, nicht wahr? Und am Ende des Lebens, wenn du so wirst wie ich, brauchst du andere zum Überleben, nicht wahr?“ Seine Stimme sank zu einem Flüsterton. „Aber das Geheimnis ist: Dazwischen brauchen wir die anderen ebenfalls.“ (aus: Dienstags bei Morrie)

Mir scheint, dass wir in den Monaten der Pandemie diese Lektion neu lernen: dass die Erfahrung eigener existenzieller Bedürftigkeit uns auch sensibler macht für die Bedürftigkeit des anderen; und dass wir die Spielräume, die wir haben, nutzen können, um dem anderen das Gefühl des persönlichen An-Denkens zu geben, des Trostes, der Verstehens, ob per Telefon, Email, WhatsApp … - oder dass wir ganz klassisch wieder einmal einen handgeschriebenen Brief verschicken.

Mag sein, dass uns der Engel über dem Weihnachtsmarkt fehlen wird. Dabei sind sie schon längst unter uns, wunderbare Menschen voller Anteilnahme und Hilfsbereitschaft, die sich mit ihren Begabungen und Fähigkeiten einbringen, die ihre Zeit investieren und tatkräftig mit anpacken. Einige wie die „Engel der Nordstadt“ kennen wir bereits. Andere müssen wir noch identifizieren. Nicht auszuschließen, dass manch einer auch in uns selbst solch ein engelgleiches Wesen erkennt. Man muss es ja nicht an die große Glocke hängen. Dann ließe sich auch der verlorene Engel auf dem Weihnachtsmarkt leichter verschmerzen. Denn jene menschenfreundlichen Engel bleiben, auch wenn Weihnachten schon längst vorüber ist.