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Die Freiheit, die ich meine…

Kolumne

Sonne, Strand, Meer. Eine junge Frau springt von einem Segelboot, schwimmt zum Strand, kauft dort eine Sonnenbrille und bezahlt mit ihrer Kredit-Karte, die sie cool aus ihrem knappen Badeanzug zieht. Die Botschaft, so eingängig wie verführerisch: „Die Freiheit nehm‘ ich mir.“

Ein Werbe-Gag der 90er Jahre, der für das Lebensgefühl einer ganzen Epoche steht: das Leben unbeschwert genießen, ungebunden sein, einfach frei. Auch wenn die Lebenswirklichkeit der meisten Menschen anders aussah: die Werbung bediente ein Versprechen, eine Sehnsucht. Alles ist möglich, alles ist machbar. Und manch einer denkt auch heute noch so.

Doch dass unsere Freiheit keineswegs so grenzenlos ist, hat uns die Corona-Pandemie schmerzhaft vor Augen geführt, auch wenn manche das nicht wahrhaben wollen und ihre liebgewordene Freiheit gegen Abstandsregeln und Maskenpflicht verteidigen. Da kommt es zu unschönen Szenen, wenn Feiernde in Party-Laune alle Vorsichtsmaßnahmen vergessen und zunehmend gereizt und aggressiv auf vermeintliche „Spielverderber“ reagieren, die ihnen Grenzen aufzeigen und an ihre soziale Verantwortung appellieren. Vielleicht ist die Unsicherheit oder auch Unwilligkeit, auf Krisen angemessen zu reagieren, das Resultat der glücklichen bundesdeutschen Jahrzehnte, die uns glauben machte, es müsse einfach immer so weitergehen. Relikte einer Schönwetterrepublik.

Da lässt die neue Sinus-Jugendstudie aufhorchen. Belegten „Freiheit und Erfolg“ jahrelang die Spitzenpositionen im Werte-Ranking, so stehen bei den Jugendlichen heute Werte wie „Familie, Treue und Leistung“ an erster Stelle. Ihnen geht es offensichtlich weniger um Lifestyle als um einen verantwortungsbewussten Lebensstil, weniger um einen zügellosen Individualismus als um den Wert von Gemeinschaft, Gesellschaft, Familie. „Die Jugend wird ernster, problembewusster und weniger hedonistisch“, so das Fazit der Forscher. „Dementsprechend sehnen sie sich vermehrt nach Sicherheit, Halt und Geborgenheit.“

Ihr seid zur Freiheit berufen“, ruft der Apostel Paulus seinen Zeitgenossen ins Gedächtnis. „Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand, sondern dient einander in Liebe!“ (Gal 5,13) Eine Mahnung, die auch für uns Heutige nichts an Deutlichkeit vermissen lässt: Freiheit, die nichts mit Selbstverliebtheit zu tun hat, sondern mit Verantwortung und Einsatzbereitschaft. Ich finde es bemerkenswert und ermutigend, dass gerade die jüngere Generation uns daran erinnert, was wirklich die Ideale sind, die die Welt bewegen. Es ist die Freiheit, die ich meine: sie muss sich bewähren in dem Einsatz für das Ganze.