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Engel über Dortmund

Kolumne

Heute um 16.30 Uhr. Wie von Geisterhand illuminiert, erhebt sich dann gegen den Abendhimmel jene kosmische Lichtgestalt, die das Marktgeschehen in den Niederungen mit einer Ahnung von Transzendenz überzieht. Engel über Dortmund, aufgerichtet an der Spitze des überdimensionalen Weihnachtsbaums - „the biggest in the world“, wie eine junge Studentin ihrem japanischen Kommilitonen im Vorübergehen cool erklärte.

Dortmund also im Bannkreis des Engels? Doch wofür steht der Engel? Der Weihnachtsengel über der Krippe kann es ja schwerlich sein; wir haben ja noch nicht einmal Advent. Für den kommerzialisierten Versicherungsagenten ist er zu entrückt, der Engel über unserer Stadt, und an jene verkitschte „Jahresendgestalt“, wie der Engel im offiziellen DDR-Deutsch listigerweise hieß, der im ansonsten völlig säkularisierten Weihnachtsgeschäft für etwas Romantik zu sorgen hatte, wird man in der besonnenen Dortmunder Bürgerschaft ja gewiss nicht gedacht haben.

Bliebe also, eingedenk der zeitlichen Nähe zum gestrigen Toten- oder Ewigkeitssonntag, der versteckte Hinweis, dass die Stadtväter bzw. Stadtmütter in das vorweihnachtlich-geschäftige Treiben bewusst jenen mahnenden Posaunenengel eingebaut haben, der bei aller vergnüglichen Glühweinseligkeit auf eine andere Wirklichkeit verweist: im Diesseitigen auf das Jenseits, im Vergänglichen auf das Ewige, im Nebensächlichen auf das Wesentliche.

Engel über Dortmund: dezente Einladung, hin und wieder einmal aufzuschauen, über den Tellerrand vordergründiger Wohligkeit hinaus, und sich anrühren zu lassen von dem Botschafter einer anderen Welt, der auch dann noch an seinem Platz steht, wenn der Platz schon längst geräumt ist, denen überlassen, die zwischen Unrat und Müll frierend nach Essbarem suchen. Da zeigt der Engel schließlich doch noch sein wahres Gesicht: als Weihnachtsengel, der inmitten idyllischer Krippenlandschaft dafür steht, dass Gott angekommen ist - mitten hinein in die Obdachlosigkeit unserer Welt.