| RuhrNachrichten

Humanismus als Christenpflicht

Kolumne

„Liebe Protestanten, bitte nehmt es uns nicht übel, wir wissen ja, viele von Euch sind über die mediale Omnipräsenz des Papstes erzürnt und fragen uns regelmäßig, wann wir verdammten Papisten endlich wieder mal eine antiklerikale Polemik drucken.“, so entschuldigte sich der Leitartikler der ZEIT in der Silvester-Ausgabe 2014, nachdem sich Papst Franziskus in seiner Weihnachtsansprache vehement gegen jede klerikale Herrschaftsform gewandt hatte (wie Luther in seinen besten Zeiten).

Dieser Tage nun sehen wir einen Papst, der sich in die Weltpolitik einmischt, in historischer Mission zwischen Washington und Havanna vermittelt, die Friedensgespräche zwischen der kolumbianischen Regierung und den Farc-Rebellen vorantreibt, den 160 Staats- und Regierungschefs auf dem UN-Gipfel in New York ins Gewissen redet und vor den „unheilvollen Auswirkungen einer unverantwortlichen Zügellosigkeit der allein von Gewinn- und Machtstreben geleiteten Weltwirtschaft“ warnt. „Die wirtschaftliche und soziale Ausschließung“, so der Papst, „ist eine völlige Verweigerung der menschlichen Brüderlichkeit und ein äußerst schwerer Angriff auf die Menschenrechte und auf die Umwelt.“ Man zwinge die Ärmsten, wie Weggeworfene von Weggeworfenem zu leben und die Folgen des Missbrauchs der Umwelt und der „Wegwerfkultur“ zu tragen.

Hierzulande werden zu den mahnenden Worten die Bilder von Menschen eingespielt, die zu zigtausenden Woche für Woche an unseren Landesgrenzen stehen, im Freien campieren und auf unseren Bahnhöfen ankommen. Menschen, die die Zerstörung ihrer Städte und Häuser erlebt haben; denen die Lebensgrundlage entzogen wurde und die aus ihrer Heimat vertrieben wurden; die miterleben mussten, wie Freunde und Familienangehörige gedemütigt, gefoltert, getötet worden sind – die Ausgegrenzten und „Weggeworfenen“ dieser Welt, die heute an unsere Tür klopfen und Aufnahme suchen, eine neue Heimat und ein Obdach für ihre Seele.

Es ist beileibe nicht nur der Papst, der mit seiner moralischen Autorität auf das Leid der Menschen hinweist und die Verantwortung der Regierenden herausfordert. Das Schicksal unseres Planeten, ja der Menschheit geht uns alle an, angefangen immer mit den Nächsten vor unserer Haustür. Humanismus ist Christenpflicht, Menschlichkeit ein Menschenrecht. Es wird uns große Anstrengungen abverlangen. Aber unsere Welt wird dadurch nicht ärmer, sondern reicher.