| Ruhr Nachrichten

Ich bin dann mal weg

Kolumne

Ich bin dann mal weg“ … Ein fröhliches Händeschütteln, ein flüchtig hingeworfenes „Ciao“, und schon sehe ich den Rücklichtern des Urlaubsautos hinterher. Ich gönne ihnen von Herzen den Urlaub; sie haben in den letzten Wochen und Monaten schwer gearbeitet und sich die Auszeit mehr als verdient. Aber ein wenig peinlich war es ihnen dann doch. Denn auf meine wohl etwas unbedarfte Frage, wohin die Reise denn gehe, kam die verschämte Antwort: „Zunächst mit dem Flieger nach Mallorca und dann aufs Schiff.“ Das klang etwas nach schlechtem Gewissen; schließlich waren auch die heranwachsenden Söhne der befreundeten Familie freitags immer mit auf der Straße: „Fridays for future“ – die neue Solidaritätsbewegung der Schülerinnen und Schüler, die auch die Elterngeneration längst erfasst hat. - Natürlich möchte jeder Mensch ein möglichst gelungenes Leben führen, unbeschwert und lebensfroh, aber auch mit der beruhigenden Aussicht auf eine sichere und sorgenfreie Zukunft. Doch reichen die Ressourcen für beides: die „Taube auf dem Dach“ und (zumindest) „den Spatz in der Hand“?

Ich bin dann mal weg.“ – Es ist leicht, sich einfach einmal für ein paar Wochen davonzustehlen und ansonsten das solidarische Miteinander für eine bessere Zukunft einzufordern. Wobei es mir in keiner Weise ansteht, in irgendeiner Weise die Urlaubsplanung meiner Freunde zu kommentieren. Schließlich habe auch ich da meine blinden Flecken. Wie es scheint, müssen wir die widerstreitenden Gefühle und uns überfordernden Ideale aushalten, zunächst und vor allem in uns selbst. Das bewahrt dann auch davor, vorschnell und moralisierend auf andere zu verweisen.

Denn auch ich „bin dann mal weg“, und das nicht nur mit Fahrrad und Elektroroller. Ich brauche die Zeit und auch Rückzugsorte, um abzutauchen, durchzuatmen, aufzutanken - durchaus ohne schlechtes Gewissen. Aber ich „bin auch da“, wenn es darum geht, mich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt einzusetzen, für Randständige und Verlierer unserer Gesellschaft, für Nachhaltigkeit und Solidarität, auch wenn das mit persönlichen Einschränkungen verbunden ist. Darin zeigt sich letztlich auch eine christliche Grundhaltung: in dem Vertrauen, dass Er, Gott, da ist und all unser Mühen mit seinem Segen begleitet. Oder, wie es in einem chinesischen Gebet heißt:

Herr, erwecke deine Kirche, und fange bei mir an!
Herr, baue deine Gemeinde, und fange bei mir an!
Herr, lass Frieden überall auf Erden kommen, und fange bei mir an!
Herr, bringe deine Liebe und Wahrheit zu allen Menschen, und fange bei mir an!

Daran will ich mich halten, auch wenn ich dann „mal weg“ bin.