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Löscht den Geist nicht aus!

Kolumne

„Denn die einen sind im Dunkel und die anderen sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte. Die im Dunkeln sieht man nicht.“

Als Bertolt Brecht 1930 für die Verfilmung der „Dreigroschenoper“ diese Schlussstrophe der „Moritat von Mackie Messer“ anfügte, legte sich bereits das Dunkel der menschenverachtenden Nazi-Diktatur über das Land. Siebzig Jahre nach Kriegsende sehen wir, wohin es führt, wenn man Radikalen, Rassisten und ideologisch verblendeten Schlägern die Bühne überlässt.

Insofern war es eine deutliche Ansage, dem Kölner Aufmarsch der „Patriotischen Front gegen die Islamisierung des Abendlandes“ im wahrsten Sinne des Wortes das Licht abzudrehen; denn „die im Dunkeln sieht man nicht“. Anstatt sich vor monumentaler Kulisse werbewirksam ins Rampenlicht zu setzen, blieben Dom und Innenstadt in gespenstisches Dunkel gehüllt. Den Kirchen, so die schweigende Botschaft, unabhängig wie viele ihr angehören oder ihre Gottesdienste besuchen, ist es eine moralische Pflicht, ihre Stimme zu erheben, wo immer Systeme Totalitätsansprüche erheben, wo Menschen ausgegrenzt und ihrer Würde beraubt werden, von ihrem allerersten Werden bis hin zum letzten Vergehen.

Darauf mit eindringlichen Worten hingewiesen zu haben, intellektuell anspruchsvoll und ethisch herausfordernd, ist das uneingeschränkte Verdienst von Kardinal Woelki, der beim Dortmunder Reinoldimahl sich nicht mit billigem Entertainment aufgehalten und sich nicht auf wohlklingende Ergebenheitsadressen beschränkt hat. Wo sonst, wenn nicht hier, wo Entscheidungs- und Verantwortungsträger einer Stadtgesellschaft zusammenkommen, ist der Ort, um auf die dunklen Mächte unserer Zeit hinzuweisen und dafür zu werben, sich für eine solidarische, menschenachtende Gesellschaft einzusetzen.

„Löscht den Geist nicht aus!“ (1 Thess 5,16), so hat Paulus einst die Zivilgesellschaft zu Wachsamkeit und Achtsamkeit herausgefordert: den Geist der Wahrheit und Wahrhaftigkeit, den Geist der Freiheit und Gerechtigkeit, den Geist der Solidarität und Barmherzigkeit, den Geist der Besonnenheit und Ernsthaftigkeit, nicht einen Geist der Verdrossenheit und Verzagtheit. Es ist der Geist, den Gott allen verheißen hat, die ihn darum bitten, nicht nur an Pfingsten.