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Martinszug

Kolumne

„Heute großer Martinszug“, so die Ankündigung vor genau einem Jahr. Naja, dachte ich mir, so „groß“ wird der wohl nicht sein - bei einem Katholikenanteil von vier Prozent in Ostdeutschland. Wahrscheinlich ziehen die Kindergartenkinder mit selbstgebastelten Laternchen einmal um die Kirche, und das war’s dann. - Doch weit gefehlt. Als ich am Abend dort eintraf, warteten bereits über tausend Kinder auf Sankt Martin, Eltern und Großeltern nicht mitgerechnet.  - Martin, ein römischer Soldat, der vor über 1600 Jahren seinen Mantel mit einem frierenden Bettler geteilt hat, war im Mittelalter der populärste Heilige, und ist es bis heute. Ein Heiliger mit Vorbildcharakter, der sich von der Not des Armen hat ansprechen lassen. Ein wahrer Christ, sollte man meinen, wenn man nicht wüsste, dass Martin zu der Zeit gar kein Christ war (wie die meisten der Kinder und Eltern auf dem Martinszug in jener ostdeutschen Stadt). Er ist durch jene Geste der Mitmenschlichkeit vielmehr ein Christ geworden. Denn wenn man der Legende Glauben schenken kann, ist ihm in der darauffolgenden Nacht im Traum Christus erschienen, bekleidet mit der Mantelhälfte, die Martin zuvor hergeschenkt hatte. Insofern war es nur konsequent, dass Martin sich daraufhin hat taufen lassen und das Kriegshandwerk aufgegeben hat.

Die Szene der Mantelteilung, die vor der beeindruckenden Kulisse tausender Lichter und leuchtender Kinderaugen nachgestellt wurde, hat mich tief beeindruckt: dass da einer von dem, was er hat, abgibt und mit dem teilt, der nichts hat. Eine Geste, die jedes Kind unmittelbar versteht. Und es sind wohl eher wir Erwachsenen, die sich damit schwertun. „Da könnte ja jeder kommen“, heißt es dann, und außerdem gebe es ja offizielle Stellen, die sich um Bedürftige kümmern sollen – und überhaupt: setze man damit nicht die falschen Zeichen und ermutige zum Nichtstun …? - Auch darüber muss man nachdenken, und ja, die einzelne gute Tat hilft nur punktuell und für den Augenblick, wenn nicht auch Strukturen des Unrechts und der Ungleichheit abgebaut werden. Aber bis dahin – so in dem konkreten „Fall“ – wäre der Bettler vermutlich längst erfroren. Kinder verstehen das. Wir Erwachsene müssen es vielleicht erst wieder langsam lernen.

Noch wichtiger aber ist, was die eigentliche Botschaft dieser historischen Szene ist: Lieben kann jeder. Dazu muss man nicht getauft und auch kein Kirchenmitglied sein. Es kommt vielmehr darauf an, der spontanen Regung des Herzens zu folgen, sie zuallererst zuzulassen. Und vielleicht macht es uns Christen demütiger, wenn wir erkennen, dass manch einer auch ohne großen religiösen Anstrich einfach das tut, was jeweils jetzt – im wahrsten Sinne – not-wendig ist.