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Priorisierungen

Kolumne

Dieser Tage haben wir ein neues Wort gelernt: Priorisierungen. Um es einfach zu sagen: wenn Millionen Menschen gleichzeitig durch eine Tür gehen wollen, sprengen sie den Rahmen. Es hilft nichts: man muss regeln, wer zuerst durch die Tür darf und wer erst später hindurchkommt. Mag ich auch subjektiv überzeugt sein, ein Recht auf eine Vorzugsbehandlung zu haben, so muss ich mich doch damit abfinden, wenn die Prioritäten anders gesetzt werden. Priorisierungen können im Einzelfall ungerecht sein, aber es bleibt einem nichts anderes übrig, als geduldig zu warten, bis man selbst an der Reihe ist. Vordrängeln gilt nicht – nicht in der Schlange beim Bäcker, nicht im Stau auf der Autobahn, auch nicht auf der Warteliste beim Impfen.

Das ist nicht leicht, denn die Ungeduld wächst und die Nerven liegen blank. Man kann gegen die vermeintliche Benachteiligung ankämpfen, sich lautstark zu Wort melden oder sich frustriert und beleidigt zurückziehen. Man kann aber auch die wahrnehmen, denen es ähnlich geht, die ebenfalls zurückstehen und jene unbefriedigende Situation aushalten müssen. Da ist es doch ein Gebot der Fairness, Rücksicht zu nehmen auf alle, die noch schlechter dran sind und denen zuerst geholfen werden muss. Warum nicht mit Gelassenheit und Großzügigkeit ihnen den Vortritt lassen?

Ich muss in diesen Tagen oft an Franz von Assisi denken, der ein Draufgänger gewesen sein muss, frei nach der Maxime: „rausholen, was drin ist“. Doch diese Lebenseinstellung hat bei ihm auch Wunden geschlagen, was letztlich dazu geführt hat, noch einmal andere Prioritäten zu setzen. In einem ihm zugeschriebenen Gebet heißt es: „Herr, lass mich trachten, nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste; nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe; nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.“ Mir helfen diese Gedanken, nicht um mein (vermeintliches) Recht zu kämpfen und mich in der Warteschlange, wenn möglich, weiter nach vorne zu schieben, sondern mit all denen solidarisch zu sein, die ebenso geduldig (oder auch weniger gelassen) warten, bis sie „dran“ sind. Mit manchen komme ich dabei unverhofft ins Gespräch, und ich erahne, dass auch der letzte Abschnitt des Gebetes eine tiefe Lebenserfahrung zum Ausdruck bringt – tröstlich in einer Zeit, in der viele Menschen für immer zurückbleiben müssen: „Denn wer sich hingibt, der empfängt; wer sich selbst vergisst, der findet; wer verzeiht, dem wird verziehen; und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.“