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RETRO oder AVANTI?

Kolumne

Ein Bekenntnis vorweg: Ich besitze keinen TikTok-Account und kenne mich damit auch nicht besonders aus. Wenn man allerdings etwas über neue Jugendtrends wissen will, darüber, wie Teens und Twens so „ticken“, dann ist TikTok doch auskunftsfähig. Das hat nicht nur die Mode-Industrie entdeckt. Die neuen Kollektionen orientieren sich am Retro-Trend einer ganzen Generation. Deren nostalgische Selbstinszenierung ist nicht nur stilbildend. Sie ist auch ein Markt.

Doch woher kommt die „junge Lust am Gestrigen“ (ZEIT[1])? Denn Retro ist mehr als nur Mode, sondern ein Lebensgefühl. Da inszenieren sich 15- bis 25-Jährige in Video-Clips als „stille, verträumte, bildungsbeflissene Menschen, die in düsteren Bibliotheksräumen posieren, vor gewaltigen Regalen mit ledergebundenen Bänden, oder sie laufen zu dramatisch schwelender Streichermusikbei schlechtem Wetter an gotischen Gebäuden vorbei“. Das allgegenwärtige Gefühl der Isolation wird, je länger der Corona-Lockdown dauert, nicht beklagt oder betrauert, sondern ästhetisch überhöht und ins Romantisch-Melancholische gewendet. „Generation Z“, die sich in den „Leiden des jungen Werther“ (Goethe) wiederfindet; die existenzialistische Denker wie Schopenhauer, Kierkegaard oder Nietzsche für sich entdeckt und deren Fragen nach Sinn und Bedeutung der menschlichen Existenz, der Angst und Einsamkeit des Einzelnen.

Je unsicherer und ungewisser die Zukunft ist, desto größer ist die Faszination einer Vergangenheit, die man nie erlebt hat, von der man sich aber Stabilität, Kontinuität, Identität verspricht. Je größer das Gefühl der Enge und Isolation, desto reizvoller der Ausflug ins Imaginäre. Doch wie geht das: den Aufbruch ins Ungewisse zu wagen – und doch seiner selbst gewiss zu sein? „Man muss weggehen können und doch sein wie ein Baum: als bliebe die Wurzel im Boden, als zöge die Landschaft und wir ständen fest“ (Hilde Domin).

So waren auch die Ostererfahrungen, von denen die Evangelien berichten. Die Weggefährten des ermordeten Jesus sind verstört, ratlos, gefangen im Kokon ihrer Traurigkeit. Wie soll es weitergehen, wenn die Hoffnung stirbt? Da will man wenigstens die Erinnerung an „gute alte Zeiten“ konservieren, und es braucht Weggemeinschaft, wo man sich den ganzen Frust von der Seele redet, aber auch aufhorcht, wo sich der Nebel des Nichtverstehens lichtet und Neues sich anzeigt. „Brannte uns nicht das Herz, als er mit uns auf dem Weg war“, so bekennen sie im Nachhinein, und es gehen ihnen die Augen auf: dass das Leben nicht im Nichts versinkt, sondern zur Fülle reifen will. Also nicht Retro, sondern Avanti. Wir können dem Leben trauen, denn es kommt von Gott.

 

[1] https://www.zeit.de/2021/14/tiktok-trend-dark-academia-literatur-bildun…