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Sag immer die Wahrheit!

Kolumne

Die Bilder waren nur schwer erträglich: da sieht man inmitten der landesweit ausgestrahlten Osterliturgie in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale den russischen Präsidenten, jenen menschenverachtenden Kriegstreiber, der über Leichen geht, wie er inmitten der göttlichen Liturgie andächtig eine rote Kerze in der Hand hält, sich immer wieder bekreuzigt und dem Patriarchen Kyrill I. zum Abschluss ein kostbar verziertes Osterei überreicht. Wie zum Hohn muss es klingen, wenn Putin dem Patriarchen zu diesem „bedeutenden Feiertag“ gratuliert und zum Ausdruck bringt, dass dieses Osterfest „in den Menschen die hellsten Gefühle, den Glauben an den Sieg des Lebens, des Guten und der Gerechtigkeit“ weckt. Und während die orthodoxe Osterliturgie den Sieg des Lebens über den Tod verkündet, setzt Russland mit unverminderter Härte seine Großoffensive im Osten und Süden der Ukraine fort. Shame on you!

Es ist bitter, wenn der oberste Repräsentant der russisch-orthodoxen Kirche von dem “großen Sieg unseres Erlösers über die Sünde, über den Fluch, über den Tod“ spricht, ohne auch nur das Leiden und Sterben der Menschen in der Ukraine zu erwähnen, und stattdessen die Gläubigen dazu aufruft, von der «absoluten Gewissheit des endgültigen Sieges der Wahrheit» überzeugt zu sein. Das erinnert fatal an den Sarkasmus eines Pilatus, der dem gefolterten Jesus gegenüber abschätzig bemerkt: „Was ist Wahrheit“ – ganz so, als ob die herrschende Wahrheit immer die Wahrheit der Herrschenden sei.

Sag immer die Wahrheit“, so lautet das Lebensmotto des mittlerweile hochbetagten Benjamin Ferencz, der einst hinter den Frontlinien des Zweiten Weltkriegs und in den befreiten Konzentrationslagern wegen Kriegsverbrechen ermittelt und als Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen genau diese oft so verborgene und verbogene Wahrheit aufgedeckt hat. So wird auch eines Tages die ganze Wahrheit über die Gräueltaten der russischen Invasoren ans Licht kommen, und ich bin sicher: Es gibt eine letzte Wahrheit, vor der sich jeder Mensch einmal für sein Tun verantworten muss und nach seinen Taten gerichtet wird. Denn auch das gehört zur Wahrheit der Osterbotschaft, wie wir sie im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes, lesen können: „Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen“ (Offb 21,3). Daran glaube ich.