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Stille Nacht

Kolumne

Ein alte weihnachtliche Melodie, die nach dem Herzen greift: eintauchen in die Stille, zur Ruhe kommen, zum Wesentlichen. Und doch bleibt der Kopf voll von all den Stimmen und Bildern, die sich nicht einfach abstellen lassen: Flucht und Elend, Terror und Angst, Wutbürger und Hassmails. Was ist das für eine Welt, die immer mehr aus den Fugen gerät! Und wir mittendrin. Weihnachtslieder singend, um wenigstens für kurze Zeit jene ständige Geräuschkulisse auszublenden, die äußere und die innere, die uns doch immer wieder anfällt. Sehnsucht nach Frieden in friedloser Zeit.

„Laut, viel zu laut ist der Mensch in allem seinem Schweigen“, schrieb einst Ernst Wiechert. Das trifft auch heute zu, vielleicht mehr denn je. Anders dieses schlichte Weihnachtslied, das es geschafft hat, sich in die Herzen der Menschen zu spielen, weltweit, und das auch jene anrührt, die sich selbst als religiös unmusikalisch bezeichnen. Wenn sich unsere Alltagsgesellschaft dann ein festliches Kleid anzieht: mit Weihnachtsmarkt, Christbaumkugeln und Spekulatiusduft, versetzt sie sich in eine heimelig friedliche Stimmung, die für einen flüchtigen Moment selbst hartgesottene und coole Zeitgenossen erahnen lässt, dass es mehr geben muss als nur Hetzen und Rennen, als die Finger auf der Tastatur und das Handy am Ohr, als die tägliche Sorge, die Langeweile, das Gefühl der Verlorenheit und Leere in einsamen Stunden.

Aber man müsste diesen Ahnungen Raum geben, jene zarte Weihnachtsmelodie in sich zum Klingen bringen. Denn was wirklich wichtig ist, kommt erst dann zum Bewusstsein, wenn Hast und Geschäftigkeit von einem abfallen und die viel zu lauten Stimmen, das pausenlose Hintergrundgedudel allmählich abebben. Dann, ja dann kann die „Stille Nacht“ sogar zur „Heiligen Nacht“ werden: Zeit und Raum, da Gott sich finden lässt. Dann mag es gelingen, hineinzuhorchen in die Stille und auf dem Grund des Schweigens das Wort zu hören, das einen wirklich angeht: das Wort, das Gott uns sagen möchte, ja schon längst gesagt hat. „Als die Nacht in tiefem Schweigen bis zur Mitte vorgerückt war, sandte Gott sein allmächtiges Wort“ (Weish 18,14f). Daran erinnern wir Christen uns, wenn es auf Weihnachten zugeht: dass Gott schon immer zu uns unterwegs ist, um bei uns Menschen anzukommen – in unserer Nacht, in unserem Schweigen. Dann kann es geschehen, dass unsere „stille Nacht“ eine „heilige Nacht“ wird: Weihnachten, wenn der Himmel leise die Erde berührt, wie einst vor 2000 Jahren in Bethlehem.