| RuhrNachrichten

U-Bahn

Kolumne

In der U-Bahn-Station unter der Reinoldikirche warte ich auf meine Anschlussverbindung. Vor mir stehen einige türkische Jungs in ihren weit ausgeschnittenen Shirts, lachend, gestikulierend, lebensfroh. Eine junge Frau schiebt ihren Kinderwagen gemächlich vorbei. Während ich auf die nächste Bahn warte, fällt mein Blick zwischendurch immer wieder auf die bunt gekachelten Wände, auf denen die Fenster einer gotischen Kathedrale angedeutet sind, daneben die steinernen Figuren eines Kirchenportals. Zeugen aus einer anderen Zeit. Religiöse Anmutungen im Profanen. Was für ein Kontrast zu dem pulsierenden Leben um mich herum. Auch wenn kaum jemand von diesen Wandmalereien Notiz zu nehmen scheint: wir sind umgeben von der Aura des Ewigen, selbst an diesem unterirdischen Ort.

Zwei Frauen seitlich von mir sehen etwas bedrückt aus. Den Gesprächsfetzen, die herüberdringen, entnehme ich, dass eine von ihnen unterwegs ist zum Krankenhaus. Auch das gehört zum Leben, Sorgen und Nöte ebenso wie das muntere Treiben um uns herum. Auf der Wand hinter ihnen erkenne ich das religiöse Motiv der Kreuzabnahme und Beweinung Jesu, und an der gegenüberliegenden Bahnsteigkante Szenen aus dem Leben Mariens … Bei aller Rastlosigkeit und Geschäftigkeit, die hier unten zwischen den ein- und abfahrenden Zügen herrscht, sind wir umgeben von jener unaufdringlichen Erinnerung an die Dimension des Ewigen – (im wahrsten Sinn des Wortes) hoch über uns.

All diese Eindrücke gehen mir noch nach, während ich bereits in die nächste U-Bahn einsteige. Aus dem Blickwinkel nehme ich noch wahr, wie eine junge Frau, die Haare rot gefärbt, die Lippen gepierct, sich bückt und einem alten Flaschensammler zwei Pfandflaschen bringt. Und ich denke mir, wer weiß, ob die Aura des Himmlischen nicht doch auch abfärbt auf das Leben von uns Unterirdischen.