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Was ist mit Dir los, Deutschland

Kolumne

Was ist mit Dir los, Deutschland, du selbsternanntes Volk der Dichter und Denker, der Tüftler und Erfinder? Du einzigartige Kulturnation, die mit Stolz auf die sozialen und politischen Errungenschaften der letzten 70 Jahre blicken kann, eine Erfolgsstory mit Wirtschaftswunder, Westintegration, Wiedervereinigung und einem Grundgesetz, um das uns andere Völker beneiden; das unwiderruflich festhält, dass die Würde des Menschen, jedes Menschen unantastbar ist: für jeden, wer immer hier bei uns lebt, ob hier geboren oder zugewandert.

Doch was ist los mit uns, dass ausgerechnet in Zeiten, in denen es uns doch relativ gut geht, viele Zeitgenossen den Eindruck haben, nicht hinreichend wertgeschätzt und beachtet zu werden - in dem Gefühl, dass ihre Lebensleistung, ihre Rechte, ihre Anliegen nicht angemessen gewürdigt wird; die sich gekränkt fühlen und sich im subjektiven Bewusstsein moralischer Überlegenheit das Recht nehmen, die eigene Empörung und Wut zu kultivieren.

Was ist mit uns los, dass in der Mitte unserer Gesellschaft (wieder!) Hass und Hetze blühen, anonym im Netz und offen ausgetragen, wenn Polizisten angegriffen, Rettungssanitäter angepöbelt, Andersdenkende verunglimpft werden.

Was ist nur mit uns los, uns selbsternannten Weltverbesserern, die wir uns oft genug in der Pose der Besserwisser und Rechthaber gefallen? Warum fällt es uns offenkundig so schwer, andere abweichende Meinungen, Empfindungen, Lebensstile gelten zu lassen? Dabei zeugt es doch von menschlicher Größe, auch gönnen zu können: die Leistung anderer anzuerkennen, den Erfolg des Mitwerbers, des politischen Gegners … Wenn demnächst die parlamentarische Sommerpause zu Ende geht, könnte das im politischen Betrieb doch eine neue Spielregel werden.

Bei der Campus-Akademie, die heute beginnt, kommt wieder der bewährte sports4peace-Würfel zum Einsatz. Eine der wichtigsten Grundregeln darauf lautet, gewissermaßen das Motto für das Zusammenspiel in den nächsten Tagen: „Celebrate! Freu dich über den Erfolg des Anderen wie über deinen eigenen“. Eine Grundregel auch für unser gesellschaftliches Zusammenleben, Voraussetzung für gelingende Demokratie. Daran haben wohl die Väter und Mütter unseres Grundgesetzes gedacht: dass jeder Mensch Respekt verdient und jeder Mensch die unveräußerliche Würde des anderen zu respektieren hat - „im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“ (Präambel GG).