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Weihnachtliches Innehalten

Kolumne

An der Westfront, Weihnachten 1914. Auf den Lärm der Artillerie folgt plötzlich eine Stille, dann ein Lied. Ein deutscher Soldat tritt ins Niemandsland und singt "Stille Nacht".

Es war kurz vor Weihnachten, als mich zwei amerikanische Freunde ins Theater einluden. Das Stück, das gespielt wurde: ein Weihnachtsklassiker.  “All is Calm“ - „Über allem herrscht Stille.“ Es erinnert an die zwischen den Kriegsparteien ausgehandelte Waffenruhe im Winter 1914. Offensichtlich erschien es den Kombattanten zumindest in dieser ersten Kriegsweihnacht unmöglich oder doch zumindest unangebracht, an dem „Fest des Friedens“ aufeinander zu schießen. Weihnachtspause an der Front mitten im Ersten Weltkrieg.  Ein hilfloser Versuch, sich etwas Humanität und Zivilisiertheit in das Grauen des Krieges zu bewahren. Doch das war bald vergessen; am Ende des Krieges waren über 20 Millionen Tote zu beklagen.

„Stille Nacht, heilige Nacht“ - Auch morgen, an Heiligabend, wird jene alte weihnachtliche Melodie wieder in den Kirchen erklingen und der Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit Flügel verleihen. Möge die Welt den Atem anhalten und sich darauf besinnen, was wirklich dem Frieden dient! Denn auch heute, in unserer scheinbar so zivilisierten Gesellschaft, brechen wieder alte Gräben auf, stehen Menschen einander unversöhnlich gegenüber, bestimmen Selbstbezogenheit, Gleichgültigkeit und soziale Kälte wieder zunehmend das gesellschaftliche Klima… Doch wo sind da die Anwälte weihnachtlichen Innehaltens? Menschen, die vielleicht von den Kirchen enttäuscht, aber doch von der Botschaft der Weihnacht berührt sind: dass Gott bei uns Menschen ankommt - und mit ihm der „Friede den Menschen seiner Gnade“, wie ihn die Engel zu Betlehem verkündet haben. Aber dazu braucht es Botschafter: Christmas People, eine Weihnachts-Friedensbewegung.

„Über allem ist Stille.“ Dazu hätte ich einen überraschenden, aber vielleicht gar nicht so abwegigen Vorschlag: Gehen wir an Weihnachten doch einfach einmal auf den Friedhof und halten Zwiesprache mit den Toten; mit denen, die vor uns gelebt, von denen wir Lebenswertes gelernt, erfahren haben. Menschen, die ihr Leben gegeben haben – oder denen es genommen wurde. Uns konfrontieren lassen mit weihnachtlicher Stille, die zum Nachdenken herausfordert. Auch das wäre eine Kunst der Unterbrechung, Zeit zum Innehalten - und aus dieser Stille Kraft finden für Begegnung, Gespräch, Versöhnung, für einen Neuanfang und die Bereitschaft, mitzubauen an einer Welt, in der aus dem Gegeneinander ein Miteinander erwächst. Und wem dabei der Gedanke kommt, dass ja genau in diese Stille der Menschheit Gottes Sohn hineingekommen ist, liegt damit gar nicht so falsch.