| Ruhr Nachrichten

Wenn es drauf ankommt, sind wir da!

Kolumne

Von „Zeitenwende“ ist in diesen Tagen viel die Rede, nicht nur in geopolitischer Hinsicht. Auch in der Gesellschaft vollzieht sich ein Bewusstseinswandel. Alte Sicherheiten und Selbstverständlichkeiten schwinden, die Unbeschwertheit und Selbstzufriedenheit unserer Wohlstandsgesellschaft verflüchtigt sich. Wenn selbst Rosenmontagszüge zu Friedensdemonstrationen werden, dann offenbart das eine neue Ernsthaftigkeit, auch im gesellschaftlichen Miteinander. Noch 2014, nach der Annexion der Krim, mahnte der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch auf der Internationalen Buchmesse in Wien: „Europa hat in seiner absolut erfolgreichen Entwicklung das Endziel erreicht, es ist vor allem zu einer Zone des Wohlstands, Komforts und der Sicherheit geworden, oversecured, overprotected, overregulated, ein Territorium aufgeblähter und irgendwie beigelegter Probleme und Konflikte, politisch korrekt und steril. In der Ukraine aber wird Blut vergossen, und das ist noch milde ausgedrückt.“  (19.11.2014)

Man meint noch die tiefsitzende Enttäuschung Andruchowytschs herauszuhören angesichts der Zögerlichkeit des Westens, sich für die Werte Europas einzusetzen: für Frieden und Freiheit, für die Integrität der Person und die Unverletzlichkeit der Grenzen. Das hat sich allerdings geändert, seit unser „Gemeinsames Haus Europa“, wie der damalige russische Präsident Michail Gorbatschow es nannte (,,Evropa, naš obščij dom“), von einem seiner Nachfolger mutwillig angegriffen und in Brand gesetzt wird. Die Bilder zerbombter Städte, das Leid all derer, die in ungeheizten Kellern Schutz suchen, ohne Nahrungsmittel, Wasser und Medikamente, nicht zu reden von den Millionen Frauen, Kindern und alten Menschen auf der Flucht – all das rührt uns zutiefst und führt bei aller gefühlten Ohnmacht und Hilflosigkeit zu einer unglaublichen Welle der Solidarität, der konkreten Hilfs- und Spendenbereitschaft: Menschen, die ihre Häuser und Wohnungen für Geflüchtete öffnen, die Hilfsgüter sammeln und an die polnisch-ukrainische Grenze bringen, die in zahllosen Initiativen protestieren und mit ihren Gebeten den Himmel bestürmen. Und die es hinnehmen, dass hier bei uns die Energiepreise steigen, es zu einem weiteren Einbruch der Wirtschaft kommt, dass wir auch weiterhin mit Einschränkungen werden leben müssen. Auch das ist der Preis der Freiheit: dass das Bekenntnis zu unseren Werten uns etwas kostet. Doch wenn es drauf ankommt, sind wir da: ob bei der Flüchtlingswelle 2015, dem Ausbruch der Corona- Pandemie oder der Flutkatastrophe im Ahrtal. Darauf dürfen wir, bei aller Begrenztheit, auch ein wenig stolz sein.