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Zeit für Ostern

Kolumne

Immer neue Enthüllungen. Kaum noch zu steigernde Schreckensmeldungen. Fassungslosigkeit und Verzweiflung auf den Gesichtern derer, die um ihr Kind trauern, ihren Lebenspartner, ihre Mitschüler oder Kollegen ... Wir erleben dieser Tage die Ohnmacht einer gegen alle Risiken abgesicherten Gesellschaft, die fassungslos die Ereignisse der letzten Woche verfolgt, den Absturz der Germanwings-Maschine, und wir ahnen, dass es eine letzte Sicherheit nicht gibt. Zurück bleibt eine unendliche Traurigkeit und tiefe Verunsicherung. Das Gefühl wird viele begleiten, die in diesen Tagen in den Osterurlaub aufbrechen, ob zu Wasser oder Luft, auf Straße oder Schiene – eine Gemütslage, die sich auch derer bemächtigt, die verstört zurückbleiben.

Und die Kirchen? „Wir aber hatten gehofft …“, so werden in der Bibel enge Freunde Jesu zitiert, dem sie die Überwindung von Tod und Leid zugetraut und der Durchsetzungsmacht Gottes geglaubt hatten. Der schmähliche Tod Jesu in Verlassenheit lässt sie bitter enttäuscht zurück, verunsichert und ratlos. Aber immerhin, sie bleiben zusammen, sie reden von ihrem Schmerz, ihrer gekreuzigten Hoffnung; und es ist gerade dieses Miteinander, das sie erahnen lässt – mehr als dass sie es verstehen – , dass der Tod, auch der schrecklichste und unmenschlichste, nicht das Ende, sondern ein Durchgang ist – zum Leben, einem Leben bei Gott. Schwer zu glauben, für die Anhänger Jesu damals wie für die Christen und alle vernünftig denkenden Menschen heute. Dabei geht es nicht um irgendein kosmisches Zeichen oder um eine urgewaltige Vision; erst allmählich, ganz allmählich reift in ihnen die Gewissheit, dass er, der tot Geglaubte, mit dabei ist, zu ihnen spricht – als einer, der lebt. „Brannte uns nicht das Herz“, so gestehen sie sich ein, „als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn erschloss …“ (Lk 24,32).

Ich fürchte, so weit sind wir noch nicht, und es wird vielleicht noch lange dauern, bis wir mit dem Geschehenen unseren Frieden finden. Da drängen sich wohl zunächst Bilder der Vergangenheit auf, Worte, Episoden, Sequenzen aus glücklichen Tagen. Dankbares Erinnern für das, was war, für Liebe, Güte, Verstehen, Verzeih‘n. Den Jüngern Jesu ging es nicht anders: an die grenzenlose Liebe, mit der Jesus jedem, vor allem den Kleinen, Marginalisierten, gesellschaftlich Ausgegrenzten begegnet ist, den Kranken und Trauernden … Und erst allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass alles, was war, bleibt und fortwirkt, bis in die eigene Gegenwart hinein. Es ist die überraschende Wende, Gewahrwerden des Auferstandenen. In der Schwäche zeigt sich Gottes Stärke, in der Verlassenheit erweist sich seine Nähe, im Tod offenbart sich das Leben Gottes. Als Christen glauben wir daran, dass Gott den Tod, jeden Tod, besiegt hat. Es ist wohl die einzige Hoffnung, die bleibt, auch über den Tod hinaus. „Noch in derselben Stunde“, heißt es von den sog. Emmaus-Jüngern, „brachen sie auf und kehrten zurück“, zu den anderen, um mit ihnen zu teilen, was sie selbst erfahren hatten. Eine Ahnung, die in ihrem Miteinander zur Gewissheit wird: das der tot Geglaubte lebt. Glauben wider alle Hoffnungslosigkeit. Es ist Zeit für Ostern.