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Zurück zu vermeintlicher Größe?

Kolumne

Einszweidrei, im Sauseschritt läuft die Zeit; wir laufen mit“ - oder bleiben stehen, verträumt, nostalgisch, abgehängt. Denn solange die Zeit fortschreitet, gibt es auch ewig Gestrige. Es mag bequem sein, sich der Illusion früherer Heldentaten hinzugeben, sich nach den sprichwörtlichen Fleischtöpfen in Ägypten zurückzusehnen oder sich an der eigenen Größe vergangener Tage zu berauschen. Aber man benimmt sich auch der Möglichkeit, beherzt und zukunftsgewandt die Gegenwart zu gestalten, mithin auch aktuelle Herausforderungen anzunehmen und drängende Probleme zu lösen.

Da nützt es nichts, im Stechschritt oder via Twitter-Accounts großdeutsche Allmachtsphantasien zu beschwören (hat man eigentlich immer noch nicht mitbekommen, in welcher Katastrophe die geendet sind?!). Und da nützt es auch nichts, dem „Pomp“ und der „Glory“ des einstigen Empires hinterher zu träumen und sich mit hochfahrenden Brexit-Gedanken die Tristesse sozialer Verwerfungen schönzureden. Da sind populistische Parolen wie „Making Britain great again“ oder „America first“ verräterisch. Denn in unserer nationalen Geschichte wissen wir, wohin infantiles Imponiergehabe und wahnhafte Überlegenheitsgefühle führen („Deutschland über alles“). Abgrenzung und Ausgrenzung verhelfen nicht zu alter Stärke, sondern machen im Gegenteil einsam. Doch „die Welt braucht keine leeren Worte, sondern glaubwürdige Zeugen, „Handwerker des Friedens, die offen für den Dialog sind, ohne dabei jemanden auszuschließen oder zu manipulieren.“, so Papst Franziskus in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2020.

Da war es berührend, als auf der letzten gemeinsamen Sitzung im Europaparlament die Abgeordneten Arm in Arm die schottische Abschiedshymne „Auld Lang Syne“ gesungen haben: „Nehmt Abschied Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr“. Ein emotionaler, wehmütiger Abschied; nicht wenige hatten Tränen in den Augen. Es bleibt die Ungewissheit, ob nach Zeiten der Absetzbewegungen neue Wege zu gemeinsamer Weltverantwortung beschritten werden: jenen „Dialog von Männern und Frauen […], die über die verschiedenen Ideologien und Meinungen hinaus nach der Wahrheit suchen“, wie der Papst anmahnt: „ein Weg, den wir gemeinsam gehen, indem wir auf das Gemeinwohl bedacht sind und uns dafür einsetzen, das gegebene Wort zu halten und das Recht zu achten.“

Abkehr und Auszug, so die Hoffnung, dürfen nicht das letzte Wort haben. Und eben jene Hoffnung schwingt denn auch mit, zumindest in der deutschen Fassung des Liedes, das die Europaabgeordneten gemeinsam angestimmt haben: „Der Himmel wölbt sich überm Land. Ade, auf Wiedersehn! Wir ruhen all in Gottes Hand. Lebt wohl, auf Wiedersehn!“