Monatskolumne

Plädoyer für die Untergrenze

Heute Morgen beim Friseur. Ich hatte mal wieder vergessen, zuvor einen Termin auszumachen. Keine Chance auf einen schnellen unangemeldeten Haarschnitt, so schien es. Aber dann war da doch ein junger Mann, der sich meiner annahm. Ich hatte ihn bis dahin noch nie gesehen. Wie sich herausstellte, stammte er aus dem Irak und war seit gut zwei Jahren in Deutschland, seit zwei Monaten nun in diesem Friseursalon; ein gelernter Herrenfriseur. Und wenn die Unterhaltung auch etwas stockend war: Haare schneiden konnte er gut. Wobei er eingestand, bei Damenfrisuren noch vieles lernen zu müssen (was ich gut nachvollziehen kann).

Während auf der politischen Bühne die „Obergrenze“ angesichts der bevorstehenden Sondierungsgespräche mal wieder ein Dauerthema ist, kam mir auf meinem Friseurstuhl der Gedanke: Man könnte den Spieß doch einfach mal umdrehen und nach der „Untergrenze“ fragen: Wie viele Zufluchtsuchende sollten wir wenigstens in unserem Betrieb anstellen, in unsere Schulklasse aufnehmen, in unserem Fußballverein mitspielen lassen ...? Dann wäre der erste Gedanke nicht: Wie lasse ich sie draußen?, sondern: Wie hole ich sie rein? Natürlich kann keiner zu dem genötigt werden, was seine Kraft übersteigt – eine Erkenntnis, die schon auf den römischen Rechtsgelehrten Celsus (67-130n. Chr.) zurückgeht: „ultra posse nemo obligatur“. Aber es stellt sich doch die Frage, ob wir die „Obergrenze“ unserer Kraft und inneren Stärke schon erreicht haben, als einzelne wie als Gemeinwesen. Sozialwissenschaftler

weisen allerdings darauf hin, dass eine Haltung zuversichtlicher Offenheit gegenüber dem Fremden nur einnehmen kann, wer seiner selbst gewiss ist und die eigene Identität nicht bedroht sieht; sonst sind Abwehrreflexe die natürliche Reaktion der Selbstbehauptung.

Stellt sich also die Frage nach unserer Identität, und hier nun kommt das Christentum ins Spiel und die im christlichen Bewusstsein verankerte Gewissheit, dass jeder von uns seine Identität in Gott hat, in ihm geborgen und gehalten ist: „Wenn Gott für uns ist, wer ist dann gegen uns?!“ (Röm 8,31). Wer sich dessen bewusst ist, so von Gott angenommen und getragen zu sein, dem muss um die Bewahrung der eigenen Identität nicht bange sein. Er kann sich den Herausforderungen stellen, weil er sich geliebt weiß und deshalb auch selber lieben kann: nicht blauäugig, aber furchtlos, denn „Furcht gibt es nicht in der Liebe“ (1 Joh 4,18). „Obergrenze“ und „Untergrenze“ werden uns die nächsten Wochen wohl noch weiter beschäftigen. Aber bei aller Erfahrung der begrenzten Möglichkeiten besteht doch kein Grund, sich gegenseitig Naivität oder Verzagtheit vorzuwerfen. Wenn jener lateinische Rechtsspruch auch einräumt, dass Unmögliches von keinem erwartet werden kann, hieße das gleichwohl, mit Goethe ins Positive gewendet: „Man soll tun, was man kann, einzelne Menschen vom Untergang zu retten.“ Mehr kann nicht gefordert werden. Aber auch nicht weniger.


Ruhr Nachrichten
9. Oktober 2017

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