Monatskolumne

Wir leben!

Was ist bloß los in unserem Land? An brennende Flüchtlingsunterkünfte, islamistische Bedrohung und anonyme Hassmails gewissenloser Wutbürger haben wir uns ja – fast – schon gewöhnt. Aber jetzt der unglaubliche Fall von Zockerei, bei dem ein Mitbürger im wahren Sinn des Wortes über Leichen geht. Wie moralisch verkommen muss man sein, um einen Kurssturz der BVB-Aktie herbeizubomben und auf den Tod der Spieler zu wetten! Mein Mitgefühl gilt unseren BVB-Profis, ihren Familien und allen, die den Mannschaftsbus begleitet haben. Sie sind mit dem Leben davongekommen: ein Geschenk, dessen man sich vielleicht erst im Nachhinein bewusst wird. Demgegenüber verblasst auch das schmerzliche Aus in der Champions-League.

Ich gestehe: Mir ist dieses feige Attentat auf unsere zivilisierte Gesellschaft sehr nahe gegangen - just in den Tagen, an denen wir Christen an Karfreitag des schmachvollen Leidens und Sterbens Jesu gedenken und an Ostern seinen alle menschlichen Kategorien übersteigenden Sieg über den Tod feiern. Das nimmt dem Sterben nichts von seiner Härte und Unausweichlichkeit, aber belässt uns doch in der Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles aus ist. Unser Gott verheißt uns ewiges Leben - nicht am Tod vorbei, sondern durch den Tod hindurch. Daraus mag auch Zuversicht erwachsen, in aller Verzagtheit. Alfred Delp, nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 verhaftet und des Hochverrats angeklagt, schrieb kurz vor seinem Tod: „Ehrlich und gerade: ich würde noch gern weiterleben und gern und jetzt erst recht weiter schaffen und viele neue Worte und Werte

 

verkünden, die ich jetzt erst entdeckt habe. Es ist anders gekommen. Gott halte mich in der Kraft, ihm und seiner Fügung und Zulassung gewachsen zu sein.“ 

Wie mag es unseren BVB-Spielern ergehen, etwa Marc Bartra oder dem ebenfalls verletzten Polizisten, die den Tod vor Augen hatten? Wie fühlt sich das an, weiterleben zu dürfen und noch die Chance haben, wie Delp schreibt, „viele neue Worte und Werte zu verkünden“, die sie innerlich bewegen und ihr Leben bereichern. „Und gerade diese sind die Entscheidungsstunden für den Wert und Unwert unseres gläubigen Daseins. […] Im Wort bleiben, unerschüttert und unermüdet stehen bleiben: das ist die große Antwort, die ein Mensch Gott geben kann. Und nach der Gott jeden Menschen fragen wird. Jeden.“

Alfred Delp war es nicht vergönnt weiterzuleben. Am 2. Februar 1945 erlitt er in Berlin-Plötzensee den Tod durch Hängen, seine Asche wurde auf Befehl Hitlers verstreut. Aber seine Worte und Werte, zu Papier gebracht und als Cassiber aus der Todeszelle geschmuggelt, berühren noch heute. Worte und Werte, stärker als der Tod. Das ist es, was ich unserer Gesellschaft wünsche: In Ängsten, und siehe: wir leben! (vgl. 2 Kor 6,5)


Ruhr Nachrichten
24. April 2017

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