Monatskolumne

Meine Angst bekommt Ihr nicht!

Lieber Hussein,

weißt Du noch, was Du am 11. September 2001 gemacht hast, auf den Tag genau gestern vor 15 Jahren? Du musst damals etwa sechs Jahre alt gewesen sein; vielleicht hast Du mit Deinen Geschwistern auf den Straßen von Mossul oder am Ufer des Tigris gespielt und plötzlich gemerkt, dass irgendetwas Schreckliches passiert war. Der damalige Terror-Anschlag von al-Qaida-Terroristen auf das World Trade Center hat mit einem Schlag die Welt verändert. Der Kampf gegen den islamistischen Terror führte 2003 u.a.zum Irakkrieg gegen den Sadam Hussein, den man verdächtigte, in die Anschläge vom 11. September verwickelt gewesen zu sein. Die Behauptung erwies sich als falsch, aber das Leiden Deines Volkes fand seitdem kein Ende.

Wir haben damals mit Abscheu und Erschütterung die Ereignisse in Eurem Land verfolgt, in dem Gefühl der Ohnmacht, aber auch aus sicherer Distanz. Auch nach Ende des Kriegs kehrte bei Euch kein Frieden ein. Bombenanschläge und Gewalt prägten den Alltag, und seit Januar 2014 eroberte die Terror-Gruppe ISIS immer mehr Gebiete in Eurem Land.

Wie Du sind seitdem Millionen Menschen auf der Flucht; viele haben immerhin bei uns in Deutschland Zuflucht gefunden. Man kann geistreich oder auch zynisch über das Leid der anderen reden und mit menschenverachtenden Parolen auf die Straßen gehen, wenn man selbst nicht betroffen ist. Das ändert sich, wenn man sich persönlich kennen lernt und von dem Leid, aber auch dem Mut derer erfährt, die hier angekommen sind und sich den neuen Herausforderungen stellen. Das bewundere ich auch an Dir und allen, die seit kurzem hier bei uns leben.

So wie Nadia Murad, eine junge Irakerin. Ihre Mutter und sechs Brüder wurden getötet, als die Terrormiliz ISIS im August 2014 ihr Dorf überfallen haben. Sie selbst wurde vergewaltigt, verschleppt und auf dem Sklavenmarkt in Mossul verkauft. Nach drei Monaten gelang ihr die Flucht aus der ISIS-Gefangenschaft und schließlich die Übersiedelung nach Deutschland. Jetzt berichtet sie vor den Parlamenten der Welt vom Schicksal ihres Volkes, im Dezember 2015 sogar vor dem UN-Sicherheitsrat. Ihre Botschaft, so die Menschenrechtlerin Düzen Tekkal, ist eindeutig: „Sie sagt den grausamen ISIS-Terroristen ganz klar: Meine Angst bekommt Ihr nicht!“ In diesen Tagen wird Nadia Murad offiziell zur UN-Sonderbotschafterin für Frauenrechte ernannt.

Ruhr Nachrichten
12. September 2016

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