| Entsorgen oder bewahren? „Und …?“, rief mir ein Bekannter über die Straße zu. „Hast Du Deinen Weihnachtsbaum schon entsorgt?“ – Komische Frage, dachte ich, gerade zurückgekehrt aus Israel, dem Land, wo eigentlich das ganze Jahr Weihnachten ist. Aber gut: die Weihnachtszeit ist vorbei, die Weihnachtspost abgelegt, die Geschenk-Umtauschaktion mehr oder weniger abgeschlossen; auch die Weihnachtsbäume sind meistenteils entsorgt, jedenfalls die mit den rieselnden Nadeln, die anderen aus Kunststoff zusammengeklappt. Das war’s also dann mit Weihnachten für dieses Mal. Haben wir damit auch all das andere entsorgt, was uns an Weihnachten wichtig war? Die vielen doch ernstgemeinten Wünsche und Grüße an Freunde, Verwandte, Kunden…? Die guten Erinnerungen an schöne Stunden und gute Begegnungen, das leise geflüsterte „Ich hab‘ dich lieb!“ oder das verschämte „Danke, dass Du an mich gedacht hast!“. Es wäre schade, wenn beim großen Hausputz auch all das rausgeworfen würde, was sich im Nachhinein als bedeutsam, bedenkenswert, erinnerungswürdig herausstellte. |
Auch das Ungelöste, noch nicht Verarbeitete, nur allzu gern Verdrängte sollte nicht nur deswegen entsorgt werden, weil es unangenehm oder lästig ist. All das gehört mit auf den Gabentisch unserer Erinnerung und Wirklichkeitsbewältigung.
Wer dieser Tage den Weihnachtsbaum entsorgt, sehe also zu, dass er nicht vorschnell das Anstößige von Weihnachten gleich mit entsorgt: dass es einen Gott gibt, der seinen Himmel mit der irdisch-menschlichen Wirklichkeit vertauscht. Es könnte sich lohnen, darüber noch einmal nachzudenken. Denn nicht alles, was sich nicht unmittelbar erschließt und einleuchtet, taugt deswegen schon für den Papierkorb. Von Maria, die auch nicht alles sofort begreifen konnte, was da um sie herum geschah, heißt es in der Weihnachtserzählung, „sie bewahrte alles in ihrem Herzen“. Das wäre mein Tipp für das neue Jahr: nicht gedankenlos entsorgen, sondern im Herzen bewahren, was noch bedacht und im Leben bewährt werden soll. Dann wird es ein gesegnetes neues Jahr. Ruhrnachrichten 9.1.2012 |
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