Monatskolumne

Die Liebe – stark wie der Tod

Salam Hussein!

Friede mit Dir, Hussein! Heute ist ein besonderer Tag für mich. Meine Eltern haben heute vor genau 59 Jahren geheiratet. Die Urkunde wird in Deutschland zwar zuerst vor dem Staat auf dem Standesamt ausgestellt, aber die eigentliche Hochzeit ist für viele, auch für meine Eltern damals, das „JA-Wort“ in der Kirche. Eine öffentliche Feier, wo Braut und Bräutigam sich gegenseitig vor Gott und der ganzen Gemeinde versprechen: Du und nur Du, in guten und in bösen Tagen, bis der Tod uns scheidet. – Auch wenn jedes Brautpaar mit ganzem Ernst dieses Versprechen abgibt und darauf hofft, dass Gott dem gegenseitigen JA-Wort Sicherheit und Dauer verleiht, werden in Deutschland doch leider auch viele Ehen wieder geschieden. Denn es gibt eben nicht nur den Honeymoon, und wenn es darum geht, auch in „bösen Tagen“, bei größeren Problemen, Konflikten und Meinungsverschiedenheiten beieinander zu bleiben, gehören dazu halt immer zwei, und natürlich ändern sich Menschen und gehen dann oft auch getrennte Wege. Du kannst Dir vorstellen, was das für ein Trauma für viele Kinder ist, wenn Papa und Mama auseinandergehen und plötzlich ein neuer Papa mit am Frühstückstisch sitzt oder eine neue Mama mit in Urlaub fährt …

Wie ist das bei Euch? Du hast mir von Deinen Eltern erzählt, die in einem Flüchtlingslager in der Türkei leben, Deinen Geschwistern, den Großeltern, Cousinen und Cousins, Onkeln und Tanten … Bei Euch hat die Großfamilie einen ganz anderen Stellenwert, und ich kann Deine Traurigkeit gut verstehen, wenn Du hier allein bist und Dich nach Deiner Familie sehnst.

Aber so schön es ist, für immer beisammen zu sein: für jeden von uns kommt einmal der Moment der Trennung. In Deiner irakischen Heimat ist es der Krieg, der Dich hierher verschlagen hat – alleine, auch wenn Du hier neue Freunde und Helfer gefunden hast. Wenn ich heute meinen Vater an seinem Hochzeitstag besuche, werden wir gemeinsam zum Grab meiner Mutter gehen. Sie ist vor über einem Jahr gestorben. Gerade die Endgültigkeit der Trennung nach fast 59 Ehejahren– in guten und in bösen Zeiten – ist für meinen Vater nur schwer zu ertragen. Über den Schmerz trösten auch nicht die Söhne und Enkel hinweg. Aber eines bleibt uns, jedenfalls den Gläubigen, bei all dem Schmerz bewusst: dass die Liebe auch den Tod und jede Trennung überdauert. „Stark wie der Tod ist die Liebe. Auch mächtige Wasser können die Liebe nicht löschen.“, so heißt es in unseren heiligen Schriften (Hld 8,6). Das möchte ich heute meinem Vater sagen an seinem Hochzeitstag – und auch Dir, wenn Du über die Trennung von Deiner Familie traurig bist. Denn wir wissen: „Diejenigen, die da glauben und gute Werke tun – ihnen wird der Gnadenreiche Liebe bereiten." (Sure 19, 96). Mit anderen Worten: Was wir im Leben an Liebe investiert haben, das bleibt. Das kann uns keiner nehmen. Denn stark wie der Tod ist die Liebe.

Ruhr Nachrichten
2. Mai 2016

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