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Happy

Kolumne

„Sind Sie ein fröhlicher Mensch? Nein? Na, dann wollen wir Sie mal auf Touren bringen.“ Die Ansage aus dem fröhlichen Frühstücksradio ist vielleicht nicht jedermanns Sache. Da darf natürlich Pharell Williams‘ Song „I am Happy“ nicht fehlen, für Morgenmuffel eine glatte Überforderung (für Ostwestfalen sowieso), aber auch für alle mit morgendlichen Anlaufschwierigkeiten, die ihr Schlafkontingent in diesen närrischen Tagen auf ein Minimum zurückgeschraubt haben. Aber schließlich ist ja Rosenmontag, da fällt es nicht schwer, „happy“ zu sein, zumindest im Rheinland und in anderen närrischen Hochburgen. Gelegenheit, jedermann um den Hals zu fallen und nach links und rechts Bützchen auszuteilen. Insofern wäre es heute absolut uncool, sich als Dracula zu verkleiden oder als Skelett herumzulaufen. Angesagt sind vielmehr sog. Happiness Ambassadors, Lächel-Botschafter, dazu angetreten, die ganze Welt mit ihrem Lächeln zu beglücken und den Traurigen und Tranigen dieser Tage die Maske ihrer Langweiligkeit vom Gesicht zu reißen.

Wäre da nicht noch die Diskussion um den Kölner Charlie-Hebdo-Wagen, wo mitten in der bemühten Heiterkeit die Erinnerungen an jene Pariser Gräueltaten wieder hochkommen. Natürlich kann man all das Leid und Elend nicht einfach weglächeln, aber es wäre schon viel getan, wenn man mit einem freundlichen Blick und positivem Denken all dem ins Auge blickte und sich von dem Negativen nicht entmutigen und nicht niederdrücken ließe. Es ist nicht zu leugnen: es gibt Abstiegsängste, Angst vor Überfremdung, Sorge um die Zukunft. Pegida lässt grüßen. Aber in gewisser Weise sind die Rosenmontagszüge in Köln, Düsseldorf und Mainz die rheinische Alternative zu jenen doch recht freudlosen Demonstrationen in Dresden. Es würde die aufgeheizte Stimmung in der Republik sicher kolossal entkrampfen, wenn am Straßenrand jener Demonstrationen nicht Hundertschaften von Polizisten stünden, sondern Närrinnen und Narrhalesen, deren Lebensfreude vielleicht sogar ansteckend wäre. „Drink doch ene met, stell dich nit esu ann …“, könnte man dann vielleicht schulterklopfend so manchem verbitterten Protestler sagen. Das würde zwar nicht alle Probleme lösen, aber es wäre schon etwas getan, wenn man wenigstens ab und zu darüber lachen könnte. Ich finde, das hätte was: Die Bläck Fööss in Dresden, und vielleicht würde der eine oder andere sogar mit schunkeln und einstimmen: „I am happy“. Oder wem die alte deutsche Volksweise lieber ist: „Froh zu sein, bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König.“

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… und folgen dem Stern

Kolumne

„Entschuldigen Sie! Kann ich Sie etwas fragen? Sind Sie katholischer Pfarrer? Mein Freund will nämlich katholisch werden…“ – Ich war auf dem Weg nach Berlin und musste in Hamm umsteigen. Am Ausgang des Regionalzuges sammelten sich bereits die Fahrgäste, als mich der junge Mann ansprach: Militär-Look, dunkler Parka, Fellmütze. „Ich will nämlich auch Christ werden. Aber muss man dann alles glauben was in der Bibel steht? Das kann ich nicht.“ Alle Umstehenden schauten sich nach uns beiden um, und mir blieben nur wenige Minuten für ein Glaubensgespräch. – Ich gestehe, das ist einer jener Momente, in denen man gern etwas mehr Zeit und dafür weniger Publikum hätte. Was sagt man in solchen Situationen, kurz bevor der Zug im Bahnhof einläuft und das Gespräch definitiv zu Ende ist?

Die Szene fiel mir wieder ein, als ich vor Tagen die „Heiligen Drei Könige“ in meiner Krippe aufgestellt habe. Ohne sie fehlte etwas an Weihnachten, denn diese Spätankömmlinge, von denen die Bibel berichtet, hatten wohl auch mehr Fragen als Antworten – genau wie wir. Sie, die, offenbar von einer inneren Unruhe gepackt, von weit her kommen und einen langen Weg zurücklegen mussten, um bei dem menschgewordenen Gott anzukommen, sind für mich Prototypen des glaubenden, aber auch fragenden, zweifelnden, suchenden Menschen: „Sterndeuter“, wie die Tradition sie auch nennt, die den Mut haben, in das Dunkel ihrer Zeit und ihres Lebens hineinzuschauen, Fragen zu stellen, die sich miteinander über den richtigen Weg austauschen und versuchen, die Gegenwart in dem Licht, das auf ihre Schritte fällt, zu deuten und von Gott her zu verstehen. So kommen sie schließlich an der Krippe an, wenn auch etwas später. Aber sie haben gefunden, was sie ein Leben lang gesucht haben, eine Antwort auf Fragen, die ihnen schon so lange keine Ruhe ließen.

Daran musste ich denken, als mich der junge Mann im Zug fragte, ob man alles glauben muss, was in der Bibel steht. Mein Tipp in den etwa 90 Sekunden, die mir bis zum Halt im Bahnhof blieben: „Lesen Sie die Bibel und leben Sie, was Ihnen richtig und wichtig erscheint. Sie werden sehen, Sie bekommen Licht für den jeweils nächsten Schritt. Und dieses Licht wird Sie führen. Der Weg schiebt sich im Gehen unter Ihre Füße, bis Sie da ankommen, wo Gott Sie haben will.“ Genauso wie bei den Sterndeutern von damals. Ich werde morgen, wenn wir das Fest der Heiligen Drei Könige feiern, an den jungen Mann denken – und an seine Frage, die mich auch selbst dem Kind in der Krippe näher gebracht hat.

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Stadtrundfahrt mit Hindernissen

Kolumne

Nach dem Tod seiner Frau waren die Tage noch länger geworden. Und leerer. Sie fehlt ihm. Was noch unternehmen? Wofür sich anstrengen? Welchen Sinn dem Leben noch geben? Im Altenheim gibt man sich große Mühe, den alten Herrn aufzumuntern. Es gibt Lesenachmittage und Musikveranstaltungen. Die Heimbewohner werden zu Zwiebelkuchen und Federweißen in den Gemeinschaftssaal geholt, man feiert mit den alten Leuten Oktoberfest und Erntedank – so gut es halt geht. Aber betreut werden ist natürlich nicht dasselbe wie das Leben selbst gestalten.

Da setzt sich der alte Herr, hochbetagt, aber noch fahrtüchtig, in sein Auto und fährt zu der Siedlung, wo man kürzlich, wie in der Zeitung zu lesen war, die ersten Asylanten untergebracht hatte. Ein kurzes Gespräch mit dem Sicherheitspersonal, dann lädt er drei der Neuankömmlinge zur Stadtrundfahrt ein. Ein Mann mittleren Alters und zwei Halbwüchsige aus dem Kosovo zwängen sich scheu auf die Rückbank. Keiner traut sich, auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen. Keiner sagt ein Wort, und es bleibt unklar, ob es an der fehlenden Verständigung liegt oder an der Anspannung, mit denen die drei im Vorbeifahren ihre Umgebung mustern.

Dann plötzlich ein Zwischenfall: nach einer Kurve schreit der jüngste Fahrgast immer wieder mit angstvoller Stimme „Stop! Mafia! Mafia!“ und zerrt den Fahrer an der Schulter. Als der Wagen schließlich zum Stehen kommt, springen die drei heraus und nehmen panikartig Reißaus. „Ich hatte den Neuankömmlingen doch nur etwas Gutes tun wollen“, jammert der alte Herr mit zitternder Stimme, als er mit einem Mitarbeiter der Sicherheitsfirma später unterwegs ist, auf der Suche nach seinen Mitfahrern, die sich in der fremden Stadt ja nicht auskennen. Schließlich hatten sie die drei völlig verstört und mit gehetztem Blick, am Stadtrand gefunden und sicher wieder in ihre Unterkunft zurückgebracht.

„Wer weiß, was für schreckliche Schicksale sie in ihrer Heimat durchgemacht haben! Ich konnte doch nicht ahnen, dass gerade auch die Kinder so traumatisiert sind!“, so sichtlich zerknirscht der alte Herr. Der Schock saß ihm noch sichtlich in den Gliedern. Aber kein Zweifel: so schnell wird er nicht aufgeben, und da gibt es noch mehr, wofür man sich sinnvoll einsetzen kann. Ich bin gespannt, was er ich als nächstes einfallen lässt.

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Fremde werden Freunde – Eine Frage des Vertrauens

Kolumne

„Bitte, lass mich nicht fallen!“ Eine leichte Übung, wenn es „nur“ ein Spiel ist: Eine Frage des Vertrauens: dem zu trauen, den ich kenne, den ich mag, und der mich auffängt, wenn ich mich ihm anvertraue. Eine spielerische Übung, in der Gruppendynamik immer wieder gern angewandt, um Menschen miteinander vertraut zu machen, gerade auch dann, wenn sie einander fremd sind. Das Titelbild erinnert an solche herausfordernden, aber auch mutmachenden und gemeinschaftsstärkenden Übungen, ein vertrauensbildendes Element während der Projektwoche „Interkulturelles Miteinander“ an der Gesamtschule Scharnhorst, die von der Kommende zusammen mit weiteren Projektpartnern durchgeführt wird. Ein iranisches Mädchen, das sich von kurdischen Jungs auffangen lässt. Vielleicht der Beginn einer interkulturellen Freundschaft.

Aber die Bitte kann auch eine ganz existentielle Note haben, wenn jemand wirklich im freien Fall ist, der sich nicht mehr im Griff hat und niemanden, an dem er sich festhalten kann. Wenn jemand durchhängt, psychisch oder moralisch, abhängig vom Wohlwollen und dem beherzten Eingreifen anderer. Da kann es ziemlich anstrengend sein, jemanden aufzufangen, der sich selbst aufgegeben hat und sich nicht halten kann. Menschen mit Alkoholproblemen, sucht- oder suizidgefährdet, in einer depressiven Phase oder dementiellen Erkrankung, finanziell am Ende oder einfach nur down infolge einer tiefsitzenden Enttäuschung.

Da kommt es wirklich darauf an, ob es nur ein cooles Spiel in ausgelassener Stimmung ist, oder ob es den ‚Mitspielern‘ und Partnern ernst damit ist, dem anderen beizustehen, gerade auch dann, wenn er schwach ist und sich hängen lässt, für andere eine Belastung. Dann zur Stelle zu sein, kann unabsehbare Folgen haben und daraus erwachsende Verpflichtungen. „Lass mich nicht fallen!“ – es ist der Ruf nach dem anderen, wer immer den Nächste ist. Genau dazu ruft uns der christliche Glaube heraus. Eigentlich ein Gebot der (Mit)Menschlichkeit. Denn genau das macht doch echte Freundschaft und Gemeinschaft aus: dann man einander vertrauen, sich aufeinander verlassen kann. Denn die Rollen können wechseln, aber wenn man vertrauensvoll einander verbunden ist, gibt es immer auch einen der den anderen auffängt. Eben eine Frage des Vertrauens.

(erschienen in K-PUNKT)

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Miteinander Neues Wagen

Kolumne

Soziale Jugendbewegung für Osteuropa

Eines meiner Lieblings-T-Shirts trägt die Aufschrift: „Not everyone, who wonders, is lost“ – Nicht jeder, der staunt, fragt, sucht …, ist verloren. Es ist gerade das Privileg jeder jungen Generation, sich mit dem Altbewährten nicht fraglos abzufinden, sondern Neues auszuprobieren und allzu Bekanntes in Frage zu stellen. Das kann unbequem und mühsam sein. Denn es bedeutet auch, Sicherheiten aufzugeben und sich auf unsicheres Terrain vorzuwagen. Aber suchen, fragen, staunen …, das ist die Begleitmusik, um zu neuen Einsichten zu kommen, zu einem eigenen Standpunkt, zu neuen Lebensperspektiven. Abenteuer Menschsein.

„Über sieben Brücken musst du geh‘n, sieben dunkle Jahre übersteh‘n …“ – Das war noch zu DDR-Zeiten, als die deutsche Rockgruppe Karat dieses Hoffnungslied in die Charts gebracht hat. Wenn heute, 25 Jahre nach dem „Mauerfall“, im Osten wieder imperialistische Mächte am Werk sind, die das Rad der Geschichte zurückdrehen und die Landkarte neu verändern wollen, dann braucht es vor allem den Idealismus und die Entschlossenheit der Jungen, die Grenzen überwinden und Gemeinsamkeiten suchen.

Genau deswegen ist am 18.9.2014 im polnischen Zakopane eine soziale Jugendbewegung für Ost- und Mitteleuropa ins Leben gerufen worden: „socioMovens. Giving Europe a Soul“, hervorgegangen aus den Sozialakademien der Kommende mit Teilnehmern aus mittlerweile 14 Ländern. Da haben sich junge Leute im christlichen Geist zusammengetan, um mit Jugendlichen aus ihren Ländern die Grenzen von Armut und Not, von Einsamkeit und Diskriminierung zu überwinden und der Gesellschaft ein menschliches Gesicht zu geben. Über hundert Schüler und Schülerinnen in Lettland, Rumänien, Ungarn, Slowakei und Polen haben sich in sozialen Projektwochen in dieser jungen Bewegung bereits auf Entdeckungsreise begeben: suchend, fragend, staunend … – und haben dabei gelernt, dass keineswegs verloren ist, wer neue Wege wagt.

Es ist der Weg, auf dem Europa seine Seele wiederfindet: wenn man sich nicht auf Kosten anderer bereichert, sondern im Gegenteil sich mitteilt, miteinander teilt und miteinander den Weg des Respekts, der Verständigung, auch des materiellen Ausgleichs geht – im Kleinen wie im Großen. Das ist nicht immer leicht. Aber es lohnt sich. Wie heißt es noch in dem besagten Lied: „siebenmal wirst du die Asche sein, aber einmal auch der helle Schein.“

(erschienen in K-PUNKT spezial 2014)

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Wie fühlt sich das Alter an?

Kolumne

Die Zeitung lag schon auf dem Stapel Altpapier, doch die Titelzeile zog mich magisch an: „Wie fühlt sich das Alter an?“ Nicht, dass ich ein Fan der Apothekenrundschau bin oder auf Werbespots zu Problemen wie Schlafstörungen, Inkontinenz oder schlaffer Haut stehe. Aber ich fand es faszinierend, wie da ein altes Ehepaar, seit 52 Jahren verheiratet, völlig unprätentiös über das Altwerden und das Altsein plauderte. Der dazugehörige Untertitel: „Grete ist 79 und Hans 81. So alt wie dieses Paar wollen wir alle werden, aber bloß nicht so sein.“ (ZEIT 14/2014) – Wir werden immer älter. Gott sei Dank! Ein Geschenk. Aber wie fühlt sich das an? Gräbt man dann nur noch in Erinnerungen und trauert wehmütig alten Zeiten hinterher, die es so vielleicht nie gegeben hat: als man noch Bäume ausreißen konnte und die Welt aus den Angeln heben wollte …?

„Früher“, so fängt unweigerlich jede Konversation an, wenn man auf die heutige Zeit zu sprechen kommt. „Früher kriegte man ja nur eine Wohnung, wenn man verheiratet war“, sagt er. „Heute muss man sich nichts mehr gemeinsam aufbauen. Da hat jeder für sich allein schon alles.“„Ich glaube, dass die jungen Leute heute allem zu sehr nachrennen“, sagt sie. – „Die haben Angst, etwas zu versäumen“, sagt er, „die tun mir richtig leid.“

Dabei komme ich mir überhaupt nicht bemitleidenswert vor, auch wenn ich als Mittfünfziger schon lange nicht mehr zur Kategorie der „jungen Leute“ gehöre. Aber ich muss zugeben: auch ich bin immer auf dem Sprung – „always on the run“. Und je mehr wir unterwegs sind, immer auf dem Laufenden, digital vernetzt im globalen Zeitalter der Beschleunigung, desto mehr sehnen wir uns nach Ruhe, nach Geborgenheit, nach einem Atemholen der Seele. – Genau dazu raten auch die Meister des geistlichen Lebens: „Bring etwas Wüste in dein Leben! Verlass von Zeit zu Zeit die Menschen, such die Einsamkeit, um im Schweigen und anhaltenden Gebet deine Seele zu erneuern!“ (Carlo Carretto)

Entschleunigung ist angesagt, so die Zeit-Diagnostiger der Moderne, um zu sich zu kommen, um bei sich zu sein und wieder auf andere zugehen zu können. Grete ist da in ihrer Wortwahl etwas schlichter, aber nicht weniger weise: „Wir sind ja nicht aus uns selbst entstanden. Ich finde, da sollten wir ein bisschen demütiger sein.“„Vielleicht wartet ja ein Abenteuer“, sagt er. „Da bin ich direkt gespannt drauf.“

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Wartezeit

Kolumne

Neulich am Dortmunder Flughafen. In der Ankunftshalle herrscht großer Trubel. Mehrere Maschinen sind fast gleichzeitig angekommen, und nun warten alle auf ihr Gepäck. Endlich! Das Gepäckband setzt sich in Bewegung. Die ersten Koffer erscheinen in der magischen Öffnung zur Gepäckabfertigung. Taschen werden heruntergenommen, Rucksäcke geschultert. Dichtes Gedränge, Urlauberlachen, wortreiche Verabschiedungen und Umarmungen.

Die ersten Fluggäste streben dem Ausgang zu. Die Zahl derer, die noch auf ihr Gepäck warten, wird zunehmend kleiner. Ich beobachte ein älteres Ehepaar, offensichtlich aus Osteuropa. Vielleicht zum ersten Mal in Deutschland. Mit steigender Anspannung warten sie in einer Gruppe Mitreisender, ob ihr Koffer endlich dabei ist. Dann stoppt das Band. Ratlosigkeit auf ihren Gesichtern. Hilflosigkeit macht sich breit.

Das sind Momente, die man gerne missen möchte, geht es mir durch den Kopf, das Gefühl der Ohnmacht in einem elementaren Sinn: dass mir etwas vorenthalten wird, was mir gehört, was mir zusteht, worauf ich einen Anspruch habe. So banal diese Situation am Gepäckband auch ist: da zeigen sich unvermittelt ganz archaische Regungen: abwarten müssen, nicht eingreifen können, ausgeliefert den Mächten hinter jener magischen Wand, jenseits der Grenze, hinter die man nicht blicken und auf deren dahinter liegende Zuteilung man keinen Einfluss hat. Manche nennen es Schicksal. So wichtig wir uns nehmen, so geht mir durch den Kopf, im Letzten gibt es doch eine fundamentale Abhängigkeit: dass ich bekomme, was ich zum Leben brauche; dass es eine ausgleichende, distributive Gerechtigkeit gibt und – sagen wir es nur: einen Gott, der jedem das zukommen lässt, was ihm zusteht.

Ich werde erst aus meinen Gedanken gerissen, als das Gepäckband sich wieder in Bewegung setzt. Ein großer, mehrfach verschnürter Karton erscheint, offensichtlich Sondergepäck, das jenem alten Ehepaar gehört. Zusammen mit einem jungen Mann heben es die beiden mit vereinten Kräften vom Band, jetzt wieder ganz gelöst und entspannt. Ihr Strahlen begleitet mich noch eine ganze Weile.

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Stille Helden

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Die Weltmeisterschaft ist vorbei. Anspannung und Jubel sind mittlerweile wohliger Erschöpfung gewichen. Erholung ist angesagt, erst recht für unsere Helden von Rio, die in den Glutöfen der brasilianischen Arenen Fußballgeschichte geschrieben haben: auf dem Rasen – und auf der Bank! Denn das ist mentale Schwerstarbeit: zur Mannschaft zu gehören und doch nicht mitzuspielen. In Höchstform zu sein, die doch nicht abgerufen wird. Adrenalin pur, nur eben nicht aktiviert. Das sind für mich die stillen Helden dieser Weltmeisterschaft: Ausnahmespieler wie Kevin Großkreutz, Roman Weidenfeller, Axel Durm (um nur „unsere Dortmunder“ zu nennen), die ebenso erfolgreich in das Spielgeschehen hätten eingreifen und den Titel holen können – und die zugleich die Größe hatten, alles für den Erfolg der Mannschaft zurück zu stellen.

Denn größer als die fußballerische ist allemal die menschliche Herausforderung: nicht mit sich und dem Trainer zu hadern oder insgeheim der verpassten Chance nachzutrauern, sich in den Vordergrund – und in die Herzen der deutschen Fans – zu spielen (mit lukrativen Werbeverträgen als Zugabe und der Aussicht auf einen hochdotierten Wechsel in die Premier Legue oder Division Primera ...). Dass „wir“ Weltmeister geworden sind, verdanken wir nicht nur den Aktiven auf dem Platz, sondern auch den nur scheinbar Passiven am Spielfeldrand. Das geht nur mit einer rundum positiven Einstellung: selbstlos für die anderen da zu sein, ohne ihnen ihren aktiveren Part im Team zu neiden.

Das ist im „normalen“ Leben ja auch nicht anders. Es lässt sich so einfach sagen, dass sich menschliche Größe nicht im Rampenlicht zeigt, sondern hinter den Kulissen. Aber wie viele Stars haben erst mühsam lernen müssen, dass das wahre Leben nicht auf der Bühne stattfindet, sondern dahinter: nicht die Rolle, die man spielt, sondern der Mensch, der man ist! Im Beruf und unter Kollegen nicht anders als im Kader einer Nationalelf.

Ich wünsche mir, dass es uns gelingt, vom „Ich auch“-Modus umzuschalten in die Haltung souveräner Generosität und Gelassenheit. Sich nicht ständig vergleichen, beweisen, rechtfertigen zu müssen, sondern schlicht das zu tun, was ansteht. Das gibt einem eine neue innere Freiheit. So werden Helden geboren. Nicht nur in Rio.

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Wo der Spaß aufhört …

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„Verstehen Sie Spaß?“. Natürlich! wird jeder sofort rufen, der sich nicht von vornherein selbst disqualifizieren will. Wer will schon als Grießgram, Trauerkloß oder Spaßverderber durchgehen. Natürlich verstehen wir Spaß. Da kommen Erinnerungen an die „versteckte Kamera“ hoch, mit der ahnungslose Mitbürger dabei gefilmt werden, wie sie an manipulierten Automaten verzweifeln oder von vermeintlichen Helfern an der Nase herumgeführt werden. Herrlich, wenn das Geheimnis dann gelüftet wird und die Gefoppten schließlich mitlachen müssen, weil ihnen plötzlich bewusst wird, dass ein Millionenpublikum zuschaut. Zugegeben, als Zuschauer machte es schon immer mehr Spaß denn als unmittelbar Betroffener, auch wenn solche Späße auf Kosten Dritter doch recht „harmlos“ waren.

Etwas anderes ist es schon, wenn die Menschen im normalen Leben für dumm verkauft werden. Jüngstes Beispiel dafür ist der zweifelhafte Erfolg einer satirischen „Jux-Partei“, die sich für einen billigen PR-Gag nie zu schade ist. Während am selben Tag Menschen in der Ukraine mit ihrer Stimme über Krieg und Frieden abstimmen und andernorts Menschen ihr Leben riskieren, um trotz Terrordrohungen und Mordanschlägen ihr Wahlrecht auszuüben, offenbart sich das ganze Ausmaß unpolitischer Dekadenz hierzulande in schrillen Sprüchen wie (Kinder jetzt mal bitte weghören!) „Hände weg von deutschen Titten! Nein zur EU-Norm-Brust“. Dass die Klamauk-Masche tatsächlich zieht und mit einem Mandat für Brüssel auch noch „belohnt“ wird, das anderntags gleich wieder niedergelegt wird, darf man durchaus als Verhöhnung der (184.525!) Wähler verstehen, die dieser „Partei“ auf den Leim gegangen sind.

Bleibt die Frage: Kann man sich vor öffentlich zur Schau getragener Geist- und Geschmacklosigkeit schützen? Wohl nicht. Aber wir könnten etwas dagegensetzen, auch wenn das humorlos klingen mag (was wir nicht sind; immerhin haben wir Christen den Karneval erfunden!). „Löscht den Geist nicht aus!“ (1 Thess 5,19). Wäre es nicht wunderbar, wenn es eine Allianz gegen Geistlosigkeit gäbe? Ein Bündnis engagierter Bürger, die sich von Gottes Geist inspirieren lassen! Man kann darum beten. Das wäre in der Tat ein neues Pfingsten.

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Brief aus Ruanda

Kolumne

Kigali, 14.3.2014. Ich schreibe Ihnen heute aus Kigali, der Hauptstadt Ruandas, wo ich einen Einsatz für die Wiedereingliederung von Bürgerkriegsflüchtlingen vorbereite. Hier hat man in der letzten Woche des schrecklichen Völkermords an den Tutsi vor 20 Jahren gedacht, als innerhalb von drei Monaten nahezu eine Million Menschen mit Macheten im wahrsten Sinn des Wortes hingeschlachtet worden sind. „Requiem für Ruanda“, so seinerzeit der Titel einer erschütternden Dokumentation im Deutschen Fernsehen. Heute, 20 Jahre danach, herrscht hier im Land immer noch stille Trauer, die Bilder des Grauens sind noch nicht vergessen und die Folgen im Leben der Menschen allgegenwärtig. Aber es herrscht auch ein Klima der Versöhnung. Und der Hoffnung.

Gestern, an Palmsonntag, haben wir mit Father Emmanuel und seiner Gemeinde den Gottesdienst gefeiert. Darin erinnert man, wie überall auf der Welt, wie dieser Jesus von Nazareth von der Menge erst hochgejubelt und dann zu Tode geschrien wurde. Eine geradezu erschütternde Momentaufnahme, wenn man bedenkt, dass man mit Hutus und Tutsis in derselben Kirchenbank sitzt, den Mördern und Opfern von einst, und der Botschaft von der Versöhnung lauscht. Über eineinhalb Millionen Täter haben seitdem vor den Dorfgerichten ihre Schuld eingestanden, haben Strafen verbüßt – und leben heute Seite an Seite mit ihren Opfern: auf demselben Feld, in derselben Nachbarschaft, in derselben Familie. Auch in derselben Kirchengemeinde.

Es ist vielleicht das erste Mal, dass ich in der Tiefe begreife, was es heißt, des Leidens und Sterbens Jesu, aber auch seiner Auferstehung zu gedenken, durch die wir von Schuld und Sünde befreit sind und als neue Menschen leben. In dieser Karwoche werden wir Christen bis in die Nacht der Verzweiflung, der Gottverlassenheit und in den Abgrund des Todes geführt, ehe uns in der Osternacht die Kunde von der Auferstehung erreicht, die Gott uns in Jesus erwirkt hat. „O Felix Culpa“ – werden wir dann mit den Menschen hier singen: „O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden!“. Das kann man nicht begreifen. Aber man kann es vielleicht erahnen, wenn man Menschen kennen lernt, die am Rande des Todes waren und unbeirrt dem Leben trauen, jedenfalls hier in Ruanda – und vielleicht ja auch bei Ihnen in Deutschland.

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