Direkt zum Inhalt

| RuhrNachrichten

Stille Nacht

Kolumne

Ein alte weihnachtliche Melodie, die nach dem Herzen greift: eintauchen in die Stille, zur Ruhe kommen, zum Wesentlichen. Und doch bleibt der Kopf voll von all den Stimmen und Bildern, die sich nicht einfach abstellen lassen: Flucht und Elend, Terror und Angst, Wutbürger und Hassmails. Was ist das für eine Welt, die immer mehr aus den Fugen gerät! Und wir mittendrin. Weihnachtslieder singend, um wenigstens für kurze Zeit jene ständige Geräuschkulisse auszublenden, die äußere und die innere, die uns doch immer wieder anfällt. Sehnsucht nach Frieden in friedloser Zeit.

„Laut, viel zu laut ist der Mensch in allem seinem Schweigen“, schrieb einst Ernst Wiechert. Das trifft auch heute zu, vielleicht mehr denn je. Anders dieses schlichte Weihnachtslied, das es geschafft hat, sich in die Herzen der Menschen zu spielen, weltweit, und das auch jene anrührt, die sich selbst als religiös unmusikalisch bezeichnen. Wenn sich unsere Alltagsgesellschaft dann ein festliches Kleid anzieht: mit Weihnachtsmarkt, Christbaumkugeln und Spekulatiusduft, versetzt sie sich in eine heimelig friedliche Stimmung, die für einen flüchtigen Moment selbst hartgesottene und coole Zeitgenossen erahnen lässt, dass es mehr geben muss als nur Hetzen und Rennen, als die Finger auf der Tastatur und das Handy am Ohr, als die tägliche Sorge, die Langeweile, das Gefühl der Verlorenheit und Leere in einsamen Stunden.

Aber man müsste diesen Ahnungen Raum geben, jene zarte Weihnachtsmelodie in sich zum Klingen bringen. Denn was wirklich wichtig ist, kommt erst dann zum Bewusstsein, wenn Hast und Geschäftigkeit von einem abfallen und die viel zu lauten Stimmen, das pausenlose Hintergrundgedudel allmählich abebben. Dann, ja dann kann die „Stille Nacht“ sogar zur „Heiligen Nacht“ werden: Zeit und Raum, da Gott sich finden lässt. Dann mag es gelingen, hineinzuhorchen in die Stille und auf dem Grund des Schweigens das Wort zu hören, das einen wirklich angeht: das Wort, das Gott uns sagen möchte, ja schon längst gesagt hat. „Als die Nacht in tiefem Schweigen bis zur Mitte vorgerückt war, sandte Gott sein allmächtiges Wort“ (Weish 18,14f). Daran erinnern wir Christen uns, wenn es auf Weihnachten zugeht: dass Gott schon immer zu uns unterwegs ist, um bei uns Menschen anzukommen – in unserer Nacht, in unserem Schweigen. Dann kann es geschehen, dass unsere „stille Nacht“ eine „heilige Nacht“ wird: Weihnachten, wenn der Himmel leise die Erde berührt, wie einst vor 2000 Jahren in Bethlehem.

| RuhrNachrichten

Hören, um zu fühlen

Kolumne

„Wer nicht hören will, muss fühlen.“ So kennen wir den Erziehungsgrundsatz unserer Altvorderen, mit dem ungehörigen Kindern oft fühl- und spürbar die Meinung gegeigt wurde. Die Zeit körperlicher Züchtigung ist – Gottlob! – vorbei. Aber funktioniert deswegen schon demonstratives Weghören bei unliebsamen Themen und mutwilliges Überhören unangenehmer Wahrheiten?

Auf dem Handy lassen sich unwillkommene Botschaften mit einem einzigen Klick wegdrücken, und wem das Fernsehprogramm in der virtuellen Welt nicht passt, der wechselt einfach den Kanal. Aber in der wirklichen Welt funktioniert das nicht. Da lässt sich das, was ist, nicht einfach leugnen oder ausblenden. Was verdrängt wird, kommt wieder und meldet sich oft umso nachhaltiger zurück. Dann rächt es sich, wenn man den Kopf in den Sand steckt und den Tatsachen nicht ins Auge blickt.

Lebenskunst – im persönlichen wie im gesellschaftlichen Leben – fordert genau das Gegenteil: Hinschauen statt wegsehen. Wahrnehmen, was ist. Hören, um zu verstehen! Das mag mühsam und anstrengend sein, manchmal auch unangenehm. Aber es ist die Voraussetzung, um handeln zu können und initiativ zu werden – agieren statt re-agieren.

Der „Hörende“, eine Bronzeskulptur der Münsteraner Künstlerin Hilde Schürk-Frisch im Eingang der Kommende Dortmund, ist daher mehr als nur ein dekoratives Element. Der doppelte Gestus des konzentrierten Hinhörens wie des tatkräftigen Ausschreitens hat programmatischen Charakter.

Hilde Schürk-Frisch hat sich ein Leben lang mit der schweigend-horchsamen Existenz des Hörenden beschäftigt. Den Wanderstab in der ausgestreckten Rechten, die linke Hand als Verstärker an die Ohrmuschel gelegt, verkörpert er den Prototyp des hörenden, zum Aufbruch bereiten Menschen. „Worauf sollen wir hören?“ – „Wohin sollen wir gehen?“ – „Wohin geht die Reise?“ Fragen, die sehr modern klingen. Bedrängend für viele, die unsicher geworden sind, müde oder lustlos, die die Orientierung ihres Lebensweges verloren oder die Suche danach aufgegeben haben.

Und es gibt zu viele, die einfach drauflos marschieren, getreu der inhaltslosen Devise: „Der Weg ist das Ziel“. – Nein, das Ziel ist das Ziel, und es bedarf großer innerer Anstrengung, hineinzuhören in das Schweigen, hinauszuschauen in das Dunkel. Ausstehen, warten, fragen nach dem, was Gott will – in der Bereitschaft, auch Unmögliches zu wagen, den Weg zu gehen, den Gott uns gehen heißt.

„Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit“ (Ignatius von Loyola), und nur wer die Wirklichkeit wahr- und annimmt, kann sie gestalten und ist in der Lage, die Welt zu verändern. Hören, um zu fühlen. Fühlen, um zu handeln. Der „Hörende“ ist Auftrag und Mahnung zugleich: aufnahmebereit zu sein, handlungsfähig bleiben, auch bei unliebsamen Themen und unangenehmen Wahrheiten. Wer hören will, muss fühlen – und sich führen lassen, im Vertrauen auf den, der ihn vorwärts weist.

(erschienen in K-Punkt)

| RuhrNachrichten

Schicksalstag der Deutschen

Kolumne

Und wieder ist heute der 9. November. Schicksalstag der Deutschen, wie es heißt. 1938, vor 77 Jahren, brannten überall im Land die Synagogen. Propagandistisch gelenkte Barbarei in unserem Land, der das staatlich organisierte Auslöschen jeglichen jüdischen Lebens folgen sollte. Viele haben damals weggeschaut. Und wieder brennen heute Häuser, fast jeden Tag irgendwo im Land ein Brandanschlag auf Flüchtlingsheime und Asylunterkünfte. Was wird noch folgen?

1989, vor 26 Jahren, fiel die Berliner Mauer und in der Folge jene menschenverachtende Grenze zwischen Ost und West. Ein Akt der Befreiung, auf den Straßen errungen von mutigen Menschen, die mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ staatlicher Willkür trotzten und so ein Leben in Würde und Freiheit erstritten. Und wieder sind in unserem Land heute Menschen unterwegs, wieder mit der Parole „Wir sind das Volk“ auf der Straßen, Wutbürger und manche Mitläufer, die diesmal den Bau von Mauern, Zäunen und Grenzen fordern. Wohin soll das noch führen?

Damals waren es die Gottlosen, die die Gotteshäuser angezündet haben. Und damals waren es die Montagsdemonstrationen, die aus den Kirchen heraus auf die Straße gegangen sind. Heute gehen in den Kirchen die Lichter aus, wenn auf den dunklen Plätzen Hassparolen skandiert und Drohungen gegen Politiker und Medien ausgestoßen werden. Wo führt all das hin? Wie verbittert müssen Menschen sein, gefühlte Verlierer der Globalisierung, dass sie anderen den Lebensraum absprechen? Und wir, die zivilisierte schweigende Mehrheit, die wir touristisch bis in die elendste Weltregion vordringen konnten: wundert es uns, dass das Elend auch Wege zu uns findet, nicht nur virtuell? Es bräuchte auch heute den Aufstand der Anständigen, wie damals zu Zeiten der Wende.

Es bräuchte bekennende Christen, wie damals, die sich dem nationalsozialistischen Terror widersetzten. Glaubende wie Nichtglaubende, die dem Fremden mit Menschlichkeit begegnen, wer es auch sei – einfach weil er und sie, von unserem Gott geliebt, Menschenantlitz trägt.

„Herr, unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall. An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen, dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden, nicht von Hunger und Furcht gequält, nicht zerrissen in sinnlose Trennung nach Rasse, Hautfarbe oder Weltanschauung. Gib uns Mut und Voraussicht, schon heute mit diesem Werk zu beginnen, damit unsere Kinder und Kindeskinder einst stolz den Namen Mensch tragen.“ (Gebet der Vereinten Nationen)

| RuhrNachrichten

Willkommen im Sehnsuchtsland!

Kolumne

Von den Mühen einer Integrationskultur

Es war im letzten Jahr in Afrika. Mit einigen Studierenden war ich in Ruanda, wo wir für Flüchtlinge aus Tansania Hütten gebaut und Wasserleitungen gelegt haben. Nachdem gerade 36.000 Flüchtlinge in dem bitterarmen Land verteilt waren, standen in diesem Jahr, unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, rd. 80.000 Flüchtlinge aus Burundi vor der Tür, notdürftig untergebracht in Zeltstädten der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR. Es war für uns beschämend, mit welcher Selbstverständlichkeit und Großzügigkeit die Afrikaner das Wenige, was sie haben, mit denen teilen, die Schutz und Hilfe suchend bei ihnen gestrandet sind.

Was das für eine Regierung, eine Zivilbevölkerung bedeutet, erleben wir in diesen Monaten in Europa: an den europäischen Außengrenzen in Griechenland, Ungarn, Kroatien, Slowenien, in Italien, Malta, Spanien … Und auch bei uns in Deutschland. Die bange Frage, die hinter der ersten Welle der Willkommenskultur steht: Schaffen wir das? Haben wir den Mund nicht etwas zu voll genommen? Haben wir den langen Atem, den es braucht, um Menschen nicht nur willkommen zu heißen und ihnen ein Dach über dem Kopf und eine warme Mahlzeit zu geben (was schon viel ist!), sondern sie in unsere Welt zu integrieren, ihnen gute Lehrer, Nachbarn, Arbeitskollegen … zu sein. Die Kommende hat das frisch renovierte Reinoldushaus geräumt und bietet immerhin Platz für 18 Flüchtlinge, junge Männer zwischen 18 und 25 Jahren, die nicht nur untergebracht und versorgt werden, sondern mit Integrationsseminaren, Sprachkursen und beruflichen Einstiegshilfen den Weg in eine selbstbestimmte Zukunft finden wollen.

Es ist wahr: wir können nicht die ganze Welt aufnehmen, aber wir könnten zumindest denen, die vor unserer Tür stehen, ein freundliches Gesicht zeigen, und wer sagt, dass wir schon das uns Mögliche getan haben? Bislang geben wir etwas von unserem Überfluss, und es sind nicht wenige, die sich die Aufnahme von Flüchtlingen auch gut bezahlen lassen. Bevor wir also leichtfertig sagen, dass wir an unsere Grenzen kommen, sollten wir ernsthaft die Grenzen unserer Gastfreundschaft und Aufnahmebereitschaft ausreizen. Wenn die Begeisterung des Anfangs nachlässt, wird es darauf ankommen, sich ernsthaft und mit langem Atem für die Integration der Fremden in unserem Land zu engagieren. Das ist nicht nur eine Frage menschenfreundlicher Politik und werbewirksamer Humanität: für uns Christen ist es schlicht eine Glaubensfrage: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen ...“ (Mt 25, 35). Es sind die Fragen, die Gott uns am Ende unseres Lebens einmal stellen wird. Und was für ein Glück: Die Antwort können wir schon jetzt geben.

(erschienen in K-PUNKT)

| RuhrNachrichten

Humanismus als Christenpflicht

Kolumne

„Liebe Protestanten, bitte nehmt es uns nicht übel, wir wissen ja, viele von Euch sind über die mediale Omnipräsenz des Papstes erzürnt und fragen uns regelmäßig, wann wir verdammten Papisten endlich wieder mal eine antiklerikale Polemik drucken.“, so entschuldigte sich der Leitartikler der ZEIT in der Silvester-Ausgabe 2014, nachdem sich Papst Franziskus in seiner Weihnachtsansprache vehement gegen jede klerikale Herrschaftsform gewandt hatte (wie Luther in seinen besten Zeiten).

Dieser Tage nun sehen wir einen Papst, der sich in die Weltpolitik einmischt, in historischer Mission zwischen Washington und Havanna vermittelt, die Friedensgespräche zwischen der kolumbianischen Regierung und den Farc-Rebellen vorantreibt, den 160 Staats- und Regierungschefs auf dem UN-Gipfel in New York ins Gewissen redet und vor den „unheilvollen Auswirkungen einer unverantwortlichen Zügellosigkeit der allein von Gewinn- und Machtstreben geleiteten Weltwirtschaft“ warnt. „Die wirtschaftliche und soziale Ausschließung“, so der Papst, „ist eine völlige Verweigerung der menschlichen Brüderlichkeit und ein äußerst schwerer Angriff auf die Menschenrechte und auf die Umwelt.“ Man zwinge die Ärmsten, wie Weggeworfene von Weggeworfenem zu leben und die Folgen des Missbrauchs der Umwelt und der „Wegwerfkultur“ zu tragen.

Hierzulande werden zu den mahnenden Worten die Bilder von Menschen eingespielt, die zu zigtausenden Woche für Woche an unseren Landesgrenzen stehen, im Freien campieren und auf unseren Bahnhöfen ankommen. Menschen, die die Zerstörung ihrer Städte und Häuser erlebt haben; denen die Lebensgrundlage entzogen wurde und die aus ihrer Heimat vertrieben wurden; die miterleben mussten, wie Freunde und Familienangehörige gedemütigt, gefoltert, getötet worden sind – die Ausgegrenzten und „Weggeworfenen“ dieser Welt, die heute an unsere Tür klopfen und Aufnahme suchen, eine neue Heimat und ein Obdach für ihre Seele.

Es ist beileibe nicht nur der Papst, der mit seiner moralischen Autorität auf das Leid der Menschen hinweist und die Verantwortung der Regierenden herausfordert. Das Schicksal unseres Planeten, ja der Menschheit geht uns alle an, angefangen immer mit den Nächsten vor unserer Haustür. Humanismus ist Christenpflicht, Menschlichkeit ein Menschenrecht. Es wird uns große Anstrengungen abverlangen. Aber unsere Welt wird dadurch nicht ärmer, sondern reicher.

| RuhrNachrichten

U-Bahn

Kolumne

In der U-Bahn-Station unter der Reinoldikirche warte ich auf meine Anschlussverbindung. Vor mir stehen einige türkische Jungs in ihren weit ausgeschnittenen Shirts, lachend, gestikulierend, lebensfroh. Eine junge Frau schiebt ihren Kinderwagen gemächlich vorbei. Während ich auf die nächste Bahn warte, fällt mein Blick zwischendurch immer wieder auf die bunt gekachelten Wände, auf denen die Fenster einer gotischen Kathedrale angedeutet sind, daneben die steinernen Figuren eines Kirchenportals. Zeugen aus einer anderen Zeit. Religiöse Anmutungen im Profanen. Was für ein Kontrast zu dem pulsierenden Leben um mich herum. Auch wenn kaum jemand von diesen Wandmalereien Notiz zu nehmen scheint: wir sind umgeben von der Aura des Ewigen, selbst an diesem unterirdischen Ort.

Zwei Frauen seitlich von mir sehen etwas bedrückt aus. Den Gesprächsfetzen, die herüberdringen, entnehme ich, dass eine von ihnen unterwegs ist zum Krankenhaus. Auch das gehört zum Leben, Sorgen und Nöte ebenso wie das muntere Treiben um uns herum. Auf der Wand hinter ihnen erkenne ich das religiöse Motiv der Kreuzabnahme und Beweinung Jesu, und an der gegenüberliegenden Bahnsteigkante Szenen aus dem Leben Mariens … Bei aller Rastlosigkeit und Geschäftigkeit, die hier unten zwischen den ein- und abfahrenden Zügen herrscht, sind wir umgeben von jener unaufdringlichen Erinnerung an die Dimension des Ewigen – (im wahrsten Sinn des Wortes) hoch über uns.

All diese Eindrücke gehen mir noch nach, während ich bereits in die nächste U-Bahn einsteige. Aus dem Blickwinkel nehme ich noch wahr, wie eine junge Frau, die Haare rot gefärbt, die Lippen gepierct, sich bückt und einem alten Flaschensammler zwei Pfandflaschen bringt. Und ich denke mir, wer weiß, ob die Aura des Himmlischen nicht doch auch abfärbt auf das Leben von uns Unterirdischen.

| RuhrNachrichten

Es gilt das gesprochene Wort …

Kolumne

„Es ist eigentlich alles gesagt, nur noch nicht von jedem …“ Ein alter Kalauer, der aber immer wieder passt, gerade auch in diesen Tagen, wo die schier unerschöpflichen Themen wie Staatsschulden, Euro-Krise, „Grexit“ … auf allen Fernsehkanälen und Radiobeiträgen, auf Internetforen und in immer neuen Zeitungskommentaren wiedergekäut werden – ohne Aussicht auf einen Mehrwert an Erkenntnisgewinn. Die frohe Botschaft aus Brüssel, Athen oder Berlin heißt dann jedes Mal: sie reden miteinander, immerhin! Um dann doch noch nachzuschieben, es sei aber noch nicht zu einer Verständigung gekommen …

Aber genau darum müsste es doch gehen: miteinander sprechen, damit die Verständigung zu größerem Verständnis für die Auffassung, für die Not oder besondere Situation des jeweils anderen führt. Das ist in der großen Politik nicht anders wie im täglichen Leben. Manche meinen, man müsste nur laut und lange genug auf den anderen einreden, um sich verständlich zu machen und sich mit seiner Meinung durchzusetzen; und mit entsprechendem Imponiergehabe versuchen sie die anderen einzuschüchtern oder mundtot zu machen. Überzeugend wirkt das allerdings nicht. Darauf müsste man vielleicht auch mal die Kontrahenten so mancher Talkshow hinweisen – oder die Verhandlungspartner in der Politik oder bei Tarifauseinandersetzungen. Denn eines ist doch völlig klar: wenn ich etwas erreichen will, muss ich den anderen ernst nehmen, seine Sorgen und Bedenken, auch wenn ich nicht seiner Meinung bin, anstatt einfach nur gebetsmühlenartig die eigene Position zu wiederholen.

Wir sollten wieder lernen, miteinander zu reden, nicht übereinander und nicht aneinander vorbei. Darum braucht es Foren und Veranstaltungsformate, die für eine neue Kultur des Dialogs stehen, für die Kunst des Redens und des Hörens und die Bereitschaft, ernsthaft und aufrichtig nach gemeinsamen Lösungen zu suchen, ohne den anderen über den Tisch zu ziehen, ihn niederzumachen oder bloßzustellen. Dann wäre nicht nur alles gesagt; es gäbe auch ein Ergebnis. Das wäre doch was!

(ebenfalls erschienen in K-PUNKT)

| RuhrNachrichten

Löscht den Geist nicht aus!

Kolumne

„Denn die einen sind im Dunkel und die anderen sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte. Die im Dunkeln sieht man nicht.“

Als Bertolt Brecht 1930 für die Verfilmung der „Dreigroschenoper“ diese Schlussstrophe der „Moritat von Mackie Messer“ anfügte, legte sich bereits das Dunkel der menschenverachtenden Nazi-Diktatur über das Land. Siebzig Jahre nach Kriegsende sehen wir, wohin es führt, wenn man Radikalen, Rassisten und ideologisch verblendeten Schlägern die Bühne überlässt.

Insofern war es eine deutliche Ansage, dem Kölner Aufmarsch der „Patriotischen Front gegen die Islamisierung des Abendlandes“ im wahrsten Sinne des Wortes das Licht abzudrehen; denn „die im Dunkeln sieht man nicht“. Anstatt sich vor monumentaler Kulisse werbewirksam ins Rampenlicht zu setzen, blieben Dom und Innenstadt in gespenstisches Dunkel gehüllt. Den Kirchen, so die schweigende Botschaft, unabhängig wie viele ihr angehören oder ihre Gottesdienste besuchen, ist es eine moralische Pflicht, ihre Stimme zu erheben, wo immer Systeme Totalitätsansprüche erheben, wo Menschen ausgegrenzt und ihrer Würde beraubt werden, von ihrem allerersten Werden bis hin zum letzten Vergehen.

Darauf mit eindringlichen Worten hingewiesen zu haben, intellektuell anspruchsvoll und ethisch herausfordernd, ist das uneingeschränkte Verdienst von Kardinal Woelki, der beim Dortmunder Reinoldimahl sich nicht mit billigem Entertainment aufgehalten und sich nicht auf wohlklingende Ergebenheitsadressen beschränkt hat. Wo sonst, wenn nicht hier, wo Entscheidungs- und Verantwortungsträger einer Stadtgesellschaft zusammenkommen, ist der Ort, um auf die dunklen Mächte unserer Zeit hinzuweisen und dafür zu werben, sich für eine solidarische, menschenachtende Gesellschaft einzusetzen.

„Löscht den Geist nicht aus!“ (1 Thess 5,16), so hat Paulus einst die Zivilgesellschaft zu Wachsamkeit und Achtsamkeit herausgefordert: den Geist der Wahrheit und Wahrhaftigkeit, den Geist der Freiheit und Gerechtigkeit, den Geist der Solidarität und Barmherzigkeit, den Geist der Besonnenheit und Ernsthaftigkeit, nicht einen Geist der Verdrossenheit und Verzagtheit. Es ist der Geist, den Gott allen verheißen hat, die ihn darum bitten, nicht nur an Pfingsten.

| RuhrNachrichten

Die Liebe zählt

Kolumne

Was macht einen Mann zum Mann: einen Baum pflanzen, ein Haus bauen und ein Kind zeugen. (Letzteres käme für mich als Priester allerdings nicht in Frage; ich könnte ja statt dessen ein Buch schreiben oder eine Stiftung gründen.) Worum es offensichtlich geht: Stabilität gewinnen, Wurzeln schlagen, einen Fußabdruck in der Geschichte hinterlassen, auch über die eigene vergängliche Existenz hinaus. So verstehe ich jedenfalls diese Volksweisheit. Dahinter steht die ganz grundsätzliche Frage, was eigentlich gelingendes Menschsein ausmacht. Ich habe so manchmal neidvoll auf andere geschaut, die kraftstrotzend durchs Leben gingen, die erfolgreiche Wissenschaftler wurden oder eine glanzvolle Karriere hingelegt haben … Ob sie im Letzten zufriedener waren, glücklicher, mit sich selbst und der Welt im Reinen? Was macht das Leben rund, so dass ich am Ende sagen kann: es war gut?

Von Jesus ist nicht überliefert, dass er je Häuser gebaut, Bäume gepflanzt oder Nachkommen hinterlassen hat. Nach menschlichen Kategorien ist er auf der ganzen Linie gescheitert. In dieser Woche führen wir Christen uns das ganze Drama seines schmählichen Todes in Verlassenheit vor Augen. Was sein Leben ausgemacht hat, war eine grenzenlose Liebe, mit der er jedem, vor allem den Kleinen, Marginalisierten, gesellschaftlich Ausgegrenzten begegnet ist: Kranken, Trauernden, von unreinen Gedanken Geplagten … Wer wie er die solidarische, mitfühlende, verzeihende Liebe zum Maßstab des Menschseins erhob, der war eine Gefahr für die Herrschenden, die ihre Untertanen in Angst und Schrecken hielten. Und er wurde einer Religion gefährlich, deren Elite die Wahrheit für sich gepachtet hatte und die mit ihren Regeln und Riten das Leben der Menschen maßregelten. Wie befreiend dagegen seine schlichte, aber machtvolle Botschaft, dass allein die Liebe zählt: Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten. Das ist sein Testament. Dafür wurde er gekreuzigt.

Die überraschende Wende erschließt sich erst an Ostern. Auch wenn Jesus wohl kaum Bäume gepflanzt, Häuser gebaut und Kinder gezeugt hat: Die Geschichte zeigt, dass er, von den Toten auferstanden, viele Nachkommen hat, sehr viele, bis heute: Menschen, die aus seiner Liebe leben und wie er den Weg der Liebe gehen. Wenn das kein Grund zur Hoffnung ist!

Frohe Ostern!

| RuhrNachrichten

Zeit für Ostern

Kolumne

Immer neue Enthüllungen. Kaum noch zu steigernde Schreckensmeldungen. Fassungslosigkeit und Verzweiflung auf den Gesichtern derer, die um ihr Kind trauern, ihren Lebenspartner, ihre Mitschüler oder Kollegen ... Wir erleben dieser Tage die Ohnmacht einer gegen alle Risiken abgesicherten Gesellschaft, die fassungslos die Ereignisse der letzten Woche verfolgt, den Absturz der Germanwings-Maschine, und wir ahnen, dass es eine letzte Sicherheit nicht gibt. Zurück bleibt eine unendliche Traurigkeit und tiefe Verunsicherung. Das Gefühl wird viele begleiten, die in diesen Tagen in den Osterurlaub aufbrechen, ob zu Wasser oder Luft, auf Straße oder Schiene – eine Gemütslage, die sich auch derer bemächtigt, die verstört zurückbleiben.

Und die Kirchen? „Wir aber hatten gehofft …“, so werden in der Bibel enge Freunde Jesu zitiert, dem sie die Überwindung von Tod und Leid zugetraut und der Durchsetzungsmacht Gottes geglaubt hatten. Der schmähliche Tod Jesu in Verlassenheit lässt sie bitter enttäuscht zurück, verunsichert und ratlos. Aber immerhin, sie bleiben zusammen, sie reden von ihrem Schmerz, ihrer gekreuzigten Hoffnung; und es ist gerade dieses Miteinander, das sie erahnen lässt – mehr als dass sie es verstehen – , dass der Tod, auch der schrecklichste und unmenschlichste, nicht das Ende, sondern ein Durchgang ist – zum Leben, einem Leben bei Gott. Schwer zu glauben, für die Anhänger Jesu damals wie für die Christen und alle vernünftig denkenden Menschen heute. Dabei geht es nicht um irgendein kosmisches Zeichen oder um eine urgewaltige Vision; erst allmählich, ganz allmählich reift in ihnen die Gewissheit, dass er, der tot Geglaubte, mit dabei ist, zu ihnen spricht – als einer, der lebt. „Brannte uns nicht das Herz“, so gestehen sie sich ein, „als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn erschloss …“ (Lk 24,32).

Ich fürchte, so weit sind wir noch nicht, und es wird vielleicht noch lange dauern, bis wir mit dem Geschehenen unseren Frieden finden. Da drängen sich wohl zunächst Bilder der Vergangenheit auf, Worte, Episoden, Sequenzen aus glücklichen Tagen. Dankbares Erinnern für das, was war, für Liebe, Güte, Verstehen, Verzeih‘n. Den Jüngern Jesu ging es nicht anders: an die grenzenlose Liebe, mit der Jesus jedem, vor allem den Kleinen, Marginalisierten, gesellschaftlich Ausgegrenzten begegnet ist, den Kranken und Trauernden … Und erst allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass alles, was war, bleibt und fortwirkt, bis in die eigene Gegenwart hinein. Es ist die überraschende Wende, Gewahrwerden des Auferstandenen. In der Schwäche zeigt sich Gottes Stärke, in der Verlassenheit erweist sich seine Nähe, im Tod offenbart sich das Leben Gottes. Als Christen glauben wir daran, dass Gott den Tod, jeden Tod, besiegt hat. Es ist wohl die einzige Hoffnung, die bleibt, auch über den Tod hinaus. „Noch in derselben Stunde“, heißt es von den sog. Emmaus-Jüngern, „brachen sie auf und kehrten zurück“, zu den anderen, um mit ihnen zu teilen, was sie selbst erfahren hatten. Eine Ahnung, die in ihrem Miteinander zur Gewissheit wird: das der tot Geglaubte lebt. Glauben wider alle Hoffnungslosigkeit. Es ist Zeit für Ostern.

RuhrNachrichten abonnieren