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Zurück zu vermeintlicher Größe?

Kolumne

Einszweidrei, im Sauseschritt läuft die Zeit; wir laufen mit“ - oder bleiben stehen, verträumt, nostalgisch, abgehängt. Denn solange die Zeit fortschreitet, gibt es auch ewig Gestrige. Es mag bequem sein, sich der Illusion früherer Heldentaten hinzugeben, sich nach den sprichwörtlichen Fleischtöpfen in Ägypten zurückzusehnen oder sich an der eigenen Größe vergangener Tage zu berauschen. Aber man benimmt sich auch der Möglichkeit, beherzt und zukunftsgewandt die Gegenwart zu gestalten, mithin auch aktuelle Herausforderungen anzunehmen und drängende Probleme zu lösen.

Da nützt es nichts, im Stechschritt oder via Twitter-Accounts großdeutsche Allmachtsphantasien zu beschwören (hat man eigentlich immer noch nicht mitbekommen, in welcher Katastrophe die geendet sind?!). Und da nützt es auch nichts, dem „Pomp“ und der „Glory“ des einstigen Empires hinterher zu träumen und sich mit hochfahrenden Brexit-Gedanken die Tristesse sozialer Verwerfungen schönzureden. Da sind populistische Parolen wie „Making Britain great again“ oder „America first“ verräterisch. Denn in unserer nationalen Geschichte wissen wir, wohin infantiles Imponiergehabe und wahnhafte Überlegenheitsgefühle führen („Deutschland über alles“). Abgrenzung und Ausgrenzung verhelfen nicht zu alter Stärke, sondern machen im Gegenteil einsam. Doch „die Welt braucht keine leeren Worte, sondern glaubwürdige Zeugen, „Handwerker des Friedens, die offen für den Dialog sind, ohne dabei jemanden auszuschließen oder zu manipulieren.“, so Papst Franziskus in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2020.

Da war es berührend, als auf der letzten gemeinsamen Sitzung im Europaparlament die Abgeordneten Arm in Arm die schottische Abschiedshymne „Auld Lang Syne“ gesungen haben: „Nehmt Abschied Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr“. Ein emotionaler, wehmütiger Abschied; nicht wenige hatten Tränen in den Augen. Es bleibt die Ungewissheit, ob nach Zeiten der Absetzbewegungen neue Wege zu gemeinsamer Weltverantwortung beschritten werden: jenen „Dialog von Männern und Frauen […], die über die verschiedenen Ideologien und Meinungen hinaus nach der Wahrheit suchen“, wie der Papst anmahnt: „ein Weg, den wir gemeinsam gehen, indem wir auf das Gemeinwohl bedacht sind und uns dafür einsetzen, das gegebene Wort zu halten und das Recht zu achten.“

Abkehr und Auszug, so die Hoffnung, dürfen nicht das letzte Wort haben. Und eben jene Hoffnung schwingt denn auch mit, zumindest in der deutschen Fassung des Liedes, das die Europaabgeordneten gemeinsam angestimmt haben: „Der Himmel wölbt sich überm Land. Ade, auf Wiedersehn! Wir ruhen all in Gottes Hand. Lebt wohl, auf Wiedersehn!“

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Weihnachtliches Innehalten

Kolumne

An der Westfront, Weihnachten 1914. Auf den Lärm der Artillerie folgt plötzlich eine Stille, dann ein Lied. Ein deutscher Soldat tritt ins Niemandsland und singt "Stille Nacht".

Es war kurz vor Weihnachten, als mich zwei amerikanische Freunde ins Theater einluden. Das Stück, das gespielt wurde: ein Weihnachtsklassiker.  “All is Calm“ - „Über allem herrscht Stille.“ Es erinnert an die zwischen den Kriegsparteien ausgehandelte Waffenruhe im Winter 1914. Offensichtlich erschien es den Kombattanten zumindest in dieser ersten Kriegsweihnacht unmöglich oder doch zumindest unangebracht, an dem „Fest des Friedens“ aufeinander zu schießen. Weihnachtspause an der Front mitten im Ersten Weltkrieg.  Ein hilfloser Versuch, sich etwas Humanität und Zivilisiertheit in das Grauen des Krieges zu bewahren. Doch das war bald vergessen; am Ende des Krieges waren über 20 Millionen Tote zu beklagen.

„Stille Nacht, heilige Nacht“ - Auch morgen, an Heiligabend, wird jene alte weihnachtliche Melodie wieder in den Kirchen erklingen und der Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit Flügel verleihen. Möge die Welt den Atem anhalten und sich darauf besinnen, was wirklich dem Frieden dient! Denn auch heute, in unserer scheinbar so zivilisierten Gesellschaft, brechen wieder alte Gräben auf, stehen Menschen einander unversöhnlich gegenüber, bestimmen Selbstbezogenheit, Gleichgültigkeit und soziale Kälte wieder zunehmend das gesellschaftliche Klima… Doch wo sind da die Anwälte weihnachtlichen Innehaltens? Menschen, die vielleicht von den Kirchen enttäuscht, aber doch von der Botschaft der Weihnacht berührt sind: dass Gott bei uns Menschen ankommt - und mit ihm der „Friede den Menschen seiner Gnade“, wie ihn die Engel zu Betlehem verkündet haben. Aber dazu braucht es Botschafter: Christmas People, eine Weihnachts-Friedensbewegung.

„Über allem ist Stille.“ Dazu hätte ich einen überraschenden, aber vielleicht gar nicht so abwegigen Vorschlag: Gehen wir an Weihnachten doch einfach einmal auf den Friedhof und halten Zwiesprache mit den Toten; mit denen, die vor uns gelebt, von denen wir Lebenswertes gelernt, erfahren haben. Menschen, die ihr Leben gegeben haben – oder denen es genommen wurde. Uns konfrontieren lassen mit weihnachtlicher Stille, die zum Nachdenken herausfordert. Auch das wäre eine Kunst der Unterbrechung, Zeit zum Innehalten - und aus dieser Stille Kraft finden für Begegnung, Gespräch, Versöhnung, für einen Neuanfang und die Bereitschaft, mitzubauen an einer Welt, in der aus dem Gegeneinander ein Miteinander erwächst. Und wem dabei der Gedanke kommt, dass ja genau in diese Stille der Menschheit Gottes Sohn hineingekommen ist, liegt damit gar nicht so falsch.

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Martinszug

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„Heute großer Martinszug“, so die Ankündigung vor genau einem Jahr. Naja, dachte ich mir, so „groß“ wird der wohl nicht sein - bei einem Katholikenanteil von vier Prozent in Ostdeutschland. Wahrscheinlich ziehen die Kindergartenkinder mit selbstgebastelten Laternchen einmal um die Kirche, und das war’s dann. - Doch weit gefehlt. Als ich am Abend dort eintraf, warteten bereits über tausend Kinder auf Sankt Martin, Eltern und Großeltern nicht mitgerechnet.  - Martin, ein römischer Soldat, der vor über 1600 Jahren seinen Mantel mit einem frierenden Bettler geteilt hat, war im Mittelalter der populärste Heilige, und ist es bis heute. Ein Heiliger mit Vorbildcharakter, der sich von der Not des Armen hat ansprechen lassen. Ein wahrer Christ, sollte man meinen, wenn man nicht wüsste, dass Martin zu der Zeit gar kein Christ war (wie die meisten der Kinder und Eltern auf dem Martinszug in jener ostdeutschen Stadt). Er ist durch jene Geste der Mitmenschlichkeit vielmehr ein Christ geworden. Denn wenn man der Legende Glauben schenken kann, ist ihm in der darauffolgenden Nacht im Traum Christus erschienen, bekleidet mit der Mantelhälfte, die Martin zuvor hergeschenkt hatte. Insofern war es nur konsequent, dass Martin sich daraufhin hat taufen lassen und das Kriegshandwerk aufgegeben hat.

Die Szene der Mantelteilung, die vor der beeindruckenden Kulisse tausender Lichter und leuchtender Kinderaugen nachgestellt wurde, hat mich tief beeindruckt: dass da einer von dem, was er hat, abgibt und mit dem teilt, der nichts hat. Eine Geste, die jedes Kind unmittelbar versteht. Und es sind wohl eher wir Erwachsenen, die sich damit schwertun. „Da könnte ja jeder kommen“, heißt es dann, und außerdem gebe es ja offizielle Stellen, die sich um Bedürftige kümmern sollen – und überhaupt: setze man damit nicht die falschen Zeichen und ermutige zum Nichtstun …? - Auch darüber muss man nachdenken, und ja, die einzelne gute Tat hilft nur punktuell und für den Augenblick, wenn nicht auch Strukturen des Unrechts und der Ungleichheit abgebaut werden. Aber bis dahin – so in dem konkreten „Fall“ – wäre der Bettler vermutlich längst erfroren. Kinder verstehen das. Wir Erwachsene müssen es vielleicht erst wieder langsam lernen.

Noch wichtiger aber ist, was die eigentliche Botschaft dieser historischen Szene ist: Lieben kann jeder. Dazu muss man nicht getauft und auch kein Kirchenmitglied sein. Es kommt vielmehr darauf an, der spontanen Regung des Herzens zu folgen, sie zuallererst zuzulassen. Und vielleicht macht es uns Christen demütiger, wenn wir erkennen, dass manch einer auch ohne großen religiösen Anstrich einfach das tut, was jeweils jetzt – im wahrsten Sinne – not-wendig ist.  

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Stille Nacht

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Ein alte weihnachtliche Melodie, die nach dem Herzen greift: eintauchen in die Stille, zur Ruhe kommen, zum Wesentlichen. Und doch bleibt der Kopf voll von all den Stimmen und Bildern, die sich nicht einfach abstellen lassen: Flucht und Elend, Terror und Angst, Wutbürger und Hassmails. Was ist das für eine Welt, die immer mehr aus den Fugen gerät! Und wir mittendrin. Weihnachtslieder singend, um wenigstens für kurze Zeit jene ständige Geräuschkulisse auszublenden, die äußere und die innere, die uns doch immer wieder anfällt. Sehnsucht nach Frieden in friedloser Zeit.

„Laut, viel zu laut ist der Mensch in allem seinem Schweigen“, schrieb einst Ernst Wiechert. Das trifft auch heute zu, vielleicht mehr denn je. Anders dieses schlichte Weihnachtslied, das es geschafft hat, sich in die Herzen der Menschen zu spielen, weltweit, und das auch jene anrührt, die sich selbst als religiös unmusikalisch bezeichnen. Wenn sich unsere Alltagsgesellschaft dann ein festliches Kleid anzieht: mit Weihnachtsmarkt, Christbaumkugeln und Spekulatiusduft, versetzt sie sich in eine heimelig friedliche Stimmung, die für einen flüchtigen Moment selbst hartgesottene und coole Zeitgenossen erahnen lässt, dass es mehr geben muss als nur Hetzen und Rennen, als die Finger auf der Tastatur und das Handy am Ohr, als die tägliche Sorge, die Langeweile, das Gefühl der Verlorenheit und Leere in einsamen Stunden.

Aber man müsste diesen Ahnungen Raum geben, jene zarte Weihnachtsmelodie in sich zum Klingen bringen. Denn was wirklich wichtig ist, kommt erst dann zum Bewusstsein, wenn Hast und Geschäftigkeit von einem abfallen und die viel zu lauten Stimmen, das pausenlose Hintergrundgedudel allmählich abebben. Dann, ja dann kann die „Stille Nacht“ sogar zur „Heiligen Nacht“ werden: Zeit und Raum, da Gott sich finden lässt. Dann mag es gelingen, hineinzuhorchen in die Stille und auf dem Grund des Schweigens das Wort zu hören, das einen wirklich angeht: das Wort, das Gott uns sagen möchte, ja schon längst gesagt hat. „Als die Nacht in tiefem Schweigen bis zur Mitte vorgerückt war, sandte Gott sein allmächtiges Wort“ (Weish 18,14f). Daran erinnern wir Christen uns, wenn es auf Weihnachten zugeht: dass Gott schon immer zu uns unterwegs ist, um bei uns Menschen anzukommen – in unserer Nacht, in unserem Schweigen. Dann kann es geschehen, dass unsere „stille Nacht“ eine „heilige Nacht“ wird: Weihnachten, wenn der Himmel leise die Erde berührt, wie einst vor 2000 Jahren in Bethlehem.

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Hören, um zu fühlen

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„Wer nicht hören will, muss fühlen.“ So kennen wir den Erziehungsgrundsatz unserer Altvorderen, mit dem ungehörigen Kindern oft fühl- und spürbar die Meinung gegeigt wurde. Die Zeit körperlicher Züchtigung ist – Gottlob! – vorbei. Aber funktioniert deswegen schon demonstratives Weghören bei unliebsamen Themen und mutwilliges Überhören unangenehmer Wahrheiten?

Auf dem Handy lassen sich unwillkommene Botschaften mit einem einzigen Klick wegdrücken, und wem das Fernsehprogramm in der virtuellen Welt nicht passt, der wechselt einfach den Kanal. Aber in der wirklichen Welt funktioniert das nicht. Da lässt sich das, was ist, nicht einfach leugnen oder ausblenden. Was verdrängt wird, kommt wieder und meldet sich oft umso nachhaltiger zurück. Dann rächt es sich, wenn man den Kopf in den Sand steckt und den Tatsachen nicht ins Auge blickt.

Lebenskunst – im persönlichen wie im gesellschaftlichen Leben – fordert genau das Gegenteil: Hinschauen statt wegsehen. Wahrnehmen, was ist. Hören, um zu verstehen! Das mag mühsam und anstrengend sein, manchmal auch unangenehm. Aber es ist die Voraussetzung, um handeln zu können und initiativ zu werden – agieren statt re-agieren.

Der „Hörende“, eine Bronzeskulptur der Münsteraner Künstlerin Hilde Schürk-Frisch im Eingang der Kommende Dortmund, ist daher mehr als nur ein dekoratives Element. Der doppelte Gestus des konzentrierten Hinhörens wie des tatkräftigen Ausschreitens hat programmatischen Charakter.

Hilde Schürk-Frisch hat sich ein Leben lang mit der schweigend-horchsamen Existenz des Hörenden beschäftigt. Den Wanderstab in der ausgestreckten Rechten, die linke Hand als Verstärker an die Ohrmuschel gelegt, verkörpert er den Prototyp des hörenden, zum Aufbruch bereiten Menschen. „Worauf sollen wir hören?“ – „Wohin sollen wir gehen?“ – „Wohin geht die Reise?“ Fragen, die sehr modern klingen. Bedrängend für viele, die unsicher geworden sind, müde oder lustlos, die die Orientierung ihres Lebensweges verloren oder die Suche danach aufgegeben haben.

Und es gibt zu viele, die einfach drauflos marschieren, getreu der inhaltslosen Devise: „Der Weg ist das Ziel“. – Nein, das Ziel ist das Ziel, und es bedarf großer innerer Anstrengung, hineinzuhören in das Schweigen, hinauszuschauen in das Dunkel. Ausstehen, warten, fragen nach dem, was Gott will – in der Bereitschaft, auch Unmögliches zu wagen, den Weg zu gehen, den Gott uns gehen heißt.

„Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit“ (Ignatius von Loyola), und nur wer die Wirklichkeit wahr- und annimmt, kann sie gestalten und ist in der Lage, die Welt zu verändern. Hören, um zu fühlen. Fühlen, um zu handeln. Der „Hörende“ ist Auftrag und Mahnung zugleich: aufnahmebereit zu sein, handlungsfähig bleiben, auch bei unliebsamen Themen und unangenehmen Wahrheiten. Wer hören will, muss fühlen – und sich führen lassen, im Vertrauen auf den, der ihn vorwärts weist.

(erschienen in K-Punkt)

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Schicksalstag der Deutschen

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Und wieder ist heute der 9. November. Schicksalstag der Deutschen, wie es heißt. 1938, vor 77 Jahren, brannten überall im Land die Synagogen. Propagandistisch gelenkte Barbarei in unserem Land, der das staatlich organisierte Auslöschen jeglichen jüdischen Lebens folgen sollte. Viele haben damals weggeschaut. Und wieder brennen heute Häuser, fast jeden Tag irgendwo im Land ein Brandanschlag auf Flüchtlingsheime und Asylunterkünfte. Was wird noch folgen?

1989, vor 26 Jahren, fiel die Berliner Mauer und in der Folge jene menschenverachtende Grenze zwischen Ost und West. Ein Akt der Befreiung, auf den Straßen errungen von mutigen Menschen, die mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ staatlicher Willkür trotzten und so ein Leben in Würde und Freiheit erstritten. Und wieder sind in unserem Land heute Menschen unterwegs, wieder mit der Parole „Wir sind das Volk“ auf der Straßen, Wutbürger und manche Mitläufer, die diesmal den Bau von Mauern, Zäunen und Grenzen fordern. Wohin soll das noch führen?

Damals waren es die Gottlosen, die die Gotteshäuser angezündet haben. Und damals waren es die Montagsdemonstrationen, die aus den Kirchen heraus auf die Straße gegangen sind. Heute gehen in den Kirchen die Lichter aus, wenn auf den dunklen Plätzen Hassparolen skandiert und Drohungen gegen Politiker und Medien ausgestoßen werden. Wo führt all das hin? Wie verbittert müssen Menschen sein, gefühlte Verlierer der Globalisierung, dass sie anderen den Lebensraum absprechen? Und wir, die zivilisierte schweigende Mehrheit, die wir touristisch bis in die elendste Weltregion vordringen konnten: wundert es uns, dass das Elend auch Wege zu uns findet, nicht nur virtuell? Es bräuchte auch heute den Aufstand der Anständigen, wie damals zu Zeiten der Wende.

Es bräuchte bekennende Christen, wie damals, die sich dem nationalsozialistischen Terror widersetzten. Glaubende wie Nichtglaubende, die dem Fremden mit Menschlichkeit begegnen, wer es auch sei – einfach weil er und sie, von unserem Gott geliebt, Menschenantlitz trägt.

„Herr, unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall. An uns liegt es, daraus einen Planeten zu machen, dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden, nicht von Hunger und Furcht gequält, nicht zerrissen in sinnlose Trennung nach Rasse, Hautfarbe oder Weltanschauung. Gib uns Mut und Voraussicht, schon heute mit diesem Werk zu beginnen, damit unsere Kinder und Kindeskinder einst stolz den Namen Mensch tragen.“ (Gebet der Vereinten Nationen)

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Willkommen im Sehnsuchtsland!

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Von den Mühen einer Integrationskultur

Es war im letzten Jahr in Afrika. Mit einigen Studierenden war ich in Ruanda, wo wir für Flüchtlinge aus Tansania Hütten gebaut und Wasserleitungen gelegt haben. Nachdem gerade 36.000 Flüchtlinge in dem bitterarmen Land verteilt waren, standen in diesem Jahr, unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, rd. 80.000 Flüchtlinge aus Burundi vor der Tür, notdürftig untergebracht in Zeltstädten der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR. Es war für uns beschämend, mit welcher Selbstverständlichkeit und Großzügigkeit die Afrikaner das Wenige, was sie haben, mit denen teilen, die Schutz und Hilfe suchend bei ihnen gestrandet sind.

Was das für eine Regierung, eine Zivilbevölkerung bedeutet, erleben wir in diesen Monaten in Europa: an den europäischen Außengrenzen in Griechenland, Ungarn, Kroatien, Slowenien, in Italien, Malta, Spanien … Und auch bei uns in Deutschland. Die bange Frage, die hinter der ersten Welle der Willkommenskultur steht: Schaffen wir das? Haben wir den Mund nicht etwas zu voll genommen? Haben wir den langen Atem, den es braucht, um Menschen nicht nur willkommen zu heißen und ihnen ein Dach über dem Kopf und eine warme Mahlzeit zu geben (was schon viel ist!), sondern sie in unsere Welt zu integrieren, ihnen gute Lehrer, Nachbarn, Arbeitskollegen … zu sein. Die Kommende hat das frisch renovierte Reinoldushaus geräumt und bietet immerhin Platz für 18 Flüchtlinge, junge Männer zwischen 18 und 25 Jahren, die nicht nur untergebracht und versorgt werden, sondern mit Integrationsseminaren, Sprachkursen und beruflichen Einstiegshilfen den Weg in eine selbstbestimmte Zukunft finden wollen.

Es ist wahr: wir können nicht die ganze Welt aufnehmen, aber wir könnten zumindest denen, die vor unserer Tür stehen, ein freundliches Gesicht zeigen, und wer sagt, dass wir schon das uns Mögliche getan haben? Bislang geben wir etwas von unserem Überfluss, und es sind nicht wenige, die sich die Aufnahme von Flüchtlingen auch gut bezahlen lassen. Bevor wir also leichtfertig sagen, dass wir an unsere Grenzen kommen, sollten wir ernsthaft die Grenzen unserer Gastfreundschaft und Aufnahmebereitschaft ausreizen. Wenn die Begeisterung des Anfangs nachlässt, wird es darauf ankommen, sich ernsthaft und mit langem Atem für die Integration der Fremden in unserem Land zu engagieren. Das ist nicht nur eine Frage menschenfreundlicher Politik und werbewirksamer Humanität: für uns Christen ist es schlicht eine Glaubensfrage: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen ...“ (Mt 25, 35). Es sind die Fragen, die Gott uns am Ende unseres Lebens einmal stellen wird. Und was für ein Glück: Die Antwort können wir schon jetzt geben.

(erschienen in K-PUNKT)

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Humanismus als Christenpflicht

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„Liebe Protestanten, bitte nehmt es uns nicht übel, wir wissen ja, viele von Euch sind über die mediale Omnipräsenz des Papstes erzürnt und fragen uns regelmäßig, wann wir verdammten Papisten endlich wieder mal eine antiklerikale Polemik drucken.“, so entschuldigte sich der Leitartikler der ZEIT in der Silvester-Ausgabe 2014, nachdem sich Papst Franziskus in seiner Weihnachtsansprache vehement gegen jede klerikale Herrschaftsform gewandt hatte (wie Luther in seinen besten Zeiten).

Dieser Tage nun sehen wir einen Papst, der sich in die Weltpolitik einmischt, in historischer Mission zwischen Washington und Havanna vermittelt, die Friedensgespräche zwischen der kolumbianischen Regierung und den Farc-Rebellen vorantreibt, den 160 Staats- und Regierungschefs auf dem UN-Gipfel in New York ins Gewissen redet und vor den „unheilvollen Auswirkungen einer unverantwortlichen Zügellosigkeit der allein von Gewinn- und Machtstreben geleiteten Weltwirtschaft“ warnt. „Die wirtschaftliche und soziale Ausschließung“, so der Papst, „ist eine völlige Verweigerung der menschlichen Brüderlichkeit und ein äußerst schwerer Angriff auf die Menschenrechte und auf die Umwelt.“ Man zwinge die Ärmsten, wie Weggeworfene von Weggeworfenem zu leben und die Folgen des Missbrauchs der Umwelt und der „Wegwerfkultur“ zu tragen.

Hierzulande werden zu den mahnenden Worten die Bilder von Menschen eingespielt, die zu zigtausenden Woche für Woche an unseren Landesgrenzen stehen, im Freien campieren und auf unseren Bahnhöfen ankommen. Menschen, die die Zerstörung ihrer Städte und Häuser erlebt haben; denen die Lebensgrundlage entzogen wurde und die aus ihrer Heimat vertrieben wurden; die miterleben mussten, wie Freunde und Familienangehörige gedemütigt, gefoltert, getötet worden sind – die Ausgegrenzten und „Weggeworfenen“ dieser Welt, die heute an unsere Tür klopfen und Aufnahme suchen, eine neue Heimat und ein Obdach für ihre Seele.

Es ist beileibe nicht nur der Papst, der mit seiner moralischen Autorität auf das Leid der Menschen hinweist und die Verantwortung der Regierenden herausfordert. Das Schicksal unseres Planeten, ja der Menschheit geht uns alle an, angefangen immer mit den Nächsten vor unserer Haustür. Humanismus ist Christenpflicht, Menschlichkeit ein Menschenrecht. Es wird uns große Anstrengungen abverlangen. Aber unsere Welt wird dadurch nicht ärmer, sondern reicher.

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U-Bahn

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In der U-Bahn-Station unter der Reinoldikirche warte ich auf meine Anschlussverbindung. Vor mir stehen einige türkische Jungs in ihren weit ausgeschnittenen Shirts, lachend, gestikulierend, lebensfroh. Eine junge Frau schiebt ihren Kinderwagen gemächlich vorbei. Während ich auf die nächste Bahn warte, fällt mein Blick zwischendurch immer wieder auf die bunt gekachelten Wände, auf denen die Fenster einer gotischen Kathedrale angedeutet sind, daneben die steinernen Figuren eines Kirchenportals. Zeugen aus einer anderen Zeit. Religiöse Anmutungen im Profanen. Was für ein Kontrast zu dem pulsierenden Leben um mich herum. Auch wenn kaum jemand von diesen Wandmalereien Notiz zu nehmen scheint: wir sind umgeben von der Aura des Ewigen, selbst an diesem unterirdischen Ort.

Zwei Frauen seitlich von mir sehen etwas bedrückt aus. Den Gesprächsfetzen, die herüberdringen, entnehme ich, dass eine von ihnen unterwegs ist zum Krankenhaus. Auch das gehört zum Leben, Sorgen und Nöte ebenso wie das muntere Treiben um uns herum. Auf der Wand hinter ihnen erkenne ich das religiöse Motiv der Kreuzabnahme und Beweinung Jesu, und an der gegenüberliegenden Bahnsteigkante Szenen aus dem Leben Mariens … Bei aller Rastlosigkeit und Geschäftigkeit, die hier unten zwischen den ein- und abfahrenden Zügen herrscht, sind wir umgeben von jener unaufdringlichen Erinnerung an die Dimension des Ewigen – (im wahrsten Sinn des Wortes) hoch über uns.

All diese Eindrücke gehen mir noch nach, während ich bereits in die nächste U-Bahn einsteige. Aus dem Blickwinkel nehme ich noch wahr, wie eine junge Frau, die Haare rot gefärbt, die Lippen gepierct, sich bückt und einem alten Flaschensammler zwei Pfandflaschen bringt. Und ich denke mir, wer weiß, ob die Aura des Himmlischen nicht doch auch abfärbt auf das Leben von uns Unterirdischen.

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Es gilt das gesprochene Wort …

Kolumne

„Es ist eigentlich alles gesagt, nur noch nicht von jedem …“ Ein alter Kalauer, der aber immer wieder passt, gerade auch in diesen Tagen, wo die schier unerschöpflichen Themen wie Staatsschulden, Euro-Krise, „Grexit“ … auf allen Fernsehkanälen und Radiobeiträgen, auf Internetforen und in immer neuen Zeitungskommentaren wiedergekäut werden – ohne Aussicht auf einen Mehrwert an Erkenntnisgewinn. Die frohe Botschaft aus Brüssel, Athen oder Berlin heißt dann jedes Mal: sie reden miteinander, immerhin! Um dann doch noch nachzuschieben, es sei aber noch nicht zu einer Verständigung gekommen …

Aber genau darum müsste es doch gehen: miteinander sprechen, damit die Verständigung zu größerem Verständnis für die Auffassung, für die Not oder besondere Situation des jeweils anderen führt. Das ist in der großen Politik nicht anders wie im täglichen Leben. Manche meinen, man müsste nur laut und lange genug auf den anderen einreden, um sich verständlich zu machen und sich mit seiner Meinung durchzusetzen; und mit entsprechendem Imponiergehabe versuchen sie die anderen einzuschüchtern oder mundtot zu machen. Überzeugend wirkt das allerdings nicht. Darauf müsste man vielleicht auch mal die Kontrahenten so mancher Talkshow hinweisen – oder die Verhandlungspartner in der Politik oder bei Tarifauseinandersetzungen. Denn eines ist doch völlig klar: wenn ich etwas erreichen will, muss ich den anderen ernst nehmen, seine Sorgen und Bedenken, auch wenn ich nicht seiner Meinung bin, anstatt einfach nur gebetsmühlenartig die eigene Position zu wiederholen.

Wir sollten wieder lernen, miteinander zu reden, nicht übereinander und nicht aneinander vorbei. Darum braucht es Foren und Veranstaltungsformate, die für eine neue Kultur des Dialogs stehen, für die Kunst des Redens und des Hörens und die Bereitschaft, ernsthaft und aufrichtig nach gemeinsamen Lösungen zu suchen, ohne den anderen über den Tisch zu ziehen, ihn niederzumachen oder bloßzustellen. Dann wäre nicht nur alles gesagt; es gäbe auch ein Ergebnis. Das wäre doch was!

(ebenfalls erschienen in K-PUNKT)

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