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Priester aus Passion  „Hoffe auf den Herrn und sei stark!“ (Ps 27,14)

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Aus Leidenschaft für Gott

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Auf Reformkurs. Der Ort der Priester in einer transformierten Kirche

| Anzeiger für die Seelsorge

Adveniat

Kolumne

Adveniat regnum tuum“ – „Dein Reich komme“, so beten wir gewohnheitsmäßig im Standardgebet der Christenheit, das im Wortlaut noch auf den Stifter unserer Religion zurückgeht. Und wohl kaum einer denkt bei dieser „Vater unser“-Bitte an die Spendenaktion der Katholiken in Deutschland für die Brüder und Schwestern in Lateinamerika. Ausgerechnet an Weihnachten, dem traditionellen „Fest der Liebe“, das wir Deutschen laut einer repräsentativen Studie (QVZ) immer noch am liebsten zusammen mit Freunden und in der Familie feiern, ruft die ADVENIAT-Aktion in Erinnerung, dass das Reich Gottes nicht auf unsere kleine oder große Familie oder unseren Freundeskreis beschränkt ist und auch nicht an nationalen oder europäischen Grenzen Halt macht; dass auch die Armen und Verlassenen auf der Schattenseite unseres Wohlstandskontinents zu uns gehören: als unsere Schwestern und Brüder, nicht nur virtuell gedacht, sondern wirklich gemeint - Kinder jenes Vaters, den wir doch so eindringlich um das Kommen seines Reiches bitten. Zu diesem seinem Reich gehören eben auch all jene, die nicht an unserer weihnachtlich gedeckten Tafel sitzen und auch nicht in unseren feierlich orchestrierten Weihnachts-Arrangements vorkommen.

Das mag verstören, wo doch die Intimität dieses Festes mit seinen Ritualen und Gebräuchen, dem Austausch von Geschenken und den stimmungsvollen Gottesdiensten gerade danach verlangt, sich von der Außenwelt abzuschirmen und die Probleme dieser Welt wenigstens für ein paar Stunden zu vergessen. Aber im Zeitalter der Globalisierung ist uns ohnehin zunehmend – und manchmal durchaus schmerzlich - bewusst, dass wir nicht zu unserem Gott „Vater“ sagen können, wenn wir nicht auch die in den Blick nehmen, die in der Logik von Weihnachten unsere Geschwister sind. Denn das wird ja gerade an Weihnachten offenbar: dass unser Gott sich nicht mit einigen mehr oder weniger Auserwählten begnügt und sich auch nicht mit einer religiösen Leistungselite zufriedengibt, sondern der Gott und Vater aller Menschen ist, ganz gleich, ob die nun darum wissen oder nicht.

Wenn wir auf das Kind in der Krippe schauen und vielleicht in andächtigem Schweigen der Geburt des Gottessohnes vor rd. 2000 Jahren gedenken, dann lässt uns ADVENIAT in die Gesichter der Kinder und Jugendlichen schauen, die in unseren Tagen ebenso arm geboren sind: vielleicht nicht in einem Stall, aber in einer Favela, in einem Flüchtlingslager, auf einer Zuckerrohrplantage in der Karibik ... Kinder, die für das Überleben ihrer Familie arbeiten müssen. Jugendliche, die lieber zur Schule gehen würden und davon träumen, zu studieren und in Kirche und Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. Und wenn wir dann an Weihnachten und immer wieder das Jahr hindurch das „Vater unser“ anstimmen, dann schwingt darin bereits die Ahnung mit, ja möchte zur Gewissheit werden, dass der Vater im Himmel uns all seine Kinder anvertraut, die nahen und die fernen – damit sein Reich kommt.

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Bibelübersetzung

Kolumne

Wer schon einmal einen Text bei einem online translator eingegeben hat, mag verwundert oder auch belustigt zur Kenntnis genommen haben, was innerhalb von Sekunden als Ergebnis einer digitalen Wort-für-Wort-Übersetzung präsentiert wurde. Was in der fremden Sprache elegant und leichtfüßig daherkommt, klingt in der wortwörtlichen Übersetzung - unter Beibehaltung der Syntax - oft sperrig und hölzern. Umgekehrt erschließt die freiere Wiedergabe eines fremden Textes zwar den Sinn, allerdings um den Preis fehlender Wortgenauigkeit. „Übersetzen heißt opfern“, so meinte schon mein alter Griechisch-Lehrer mit dem Ausdruck des Bedauerns. Und Recht hatte er. Denn sprachliche Bilder etwa oder Assoziationen, die mit einem bestimmten Wort oder einer Wendung verbunden sind, müssen in der Übersetzung mitbedacht werden. Das verlangt nach einem geradezu kongenialen Übersetzer, der sich so in die Mitteilungsabsicht eines fremden Autors hineinversetzen kann, dass dessen Botschaft auch in der fremden Sprache „über“ kommt.

Dies umso mehr, wenn es sich um „heilige Texte“ handelt. Da braucht es mehr als nur Sprachkenntnis und Übersetzungstechnik, und auch das Wort vom „Opfer“ bekommt dann noch einmal eine tiefere Bedeutung. Was muss etwa einen Franz Rosenzweig, Philosoph und „Sprachdenker“ zu Beginn der 20. Jahrhunderts, bewegt und innerlich umgetrieben haben, noch auf dem Kranken- und Sterbebett – im wahrstem Sinne des Wortes bis zum letzten Wimpernschlag - die Verdeutschung der hebräische Bibel voranzutreiben, zusammen mit Martin Buber? Oder einen Martin Luther, dem aufgrund seiner eigenen existenziellen Glaubenserfahrung so viel daran lag, dass jedermann das Wort Gottes in seiner Sprache verstehen konnte und nicht darauf angewiesen war, im Zweifelsfall ungebildeten oder zweifelhaften Predigern ausgeliefert zu sein. Wie in einem Rausch übersetzte Luther in nur zehn Wochen, selbst noch auf der Flucht, in seinem Versteck auf der Wartburg das ganze Neue Testament.

Vor allem beeindruckt mich die aufopferungsvolle Übersetzungsleistung eines Hieronymus, jenes polyglotten Intellektuellen der frühen Kirche, der am päpstlichen Hof als Berater von Papst Damasus auch selbst hätte „Karriere“ machen können. Stattdessen zog er sich über 35 Jahre in die Abgeschiedenheit eines Klosters in Betlehem zurück, um die gesamte Bibel ins Lateinische zu übersetzen, die lingua franca der damaligen Zeit. Für ihn war evident: „Wie könnte man ohne die Wissenschaft der Schrift leben, durch die man lernt, Christus selbst zu kennen, der das Leben der Gläubigen ist?“ (Ep 30,7). Aber genau das ist der springende Punkt: Wie bringt man Menschen dazu, sich den heiligen Texten auch heute zuzuwenden, so gut und authentisch sie auch in der jeweiligen Muttersprache vorliegen? Und wie gelingt es, das Wort der Schrift so zu lesen, dass man dabei tatsächlich, wie Hieronymus schreibt, Christus selbst kennen lernt: dass er es ist, der zu uns spricht (vgl. Ep. 22,25)? Damit dieser innere Übersetzungsvorgang gelingt, braucht es auch heute jenen Resonanzraum, in dem das Wort zum Klingen gebracht wird: jenes (äußere und innere) Schweigen, das für einen Hieronymus wesentliche Voraussetzung war, um die heiligen Texte nicht nur zu übersetzen, sondern sie zuallererst auch zu verstehen. Und es braucht jenen ekklesialen Tradierungszusammenhang, in dem das Wort Gottes zuallererst aufgenommen und über Jahrhunderte weitergesagt wurde und bis in die Gegenwart hinein verkündet und ausgelegt wird. Doch all unser Erkennen und Verstehen bleibt Stückwerk (vgl. 1 Kor 13,9), wenn nicht der Geist Gottes selber in uns wirkt und uns zuinnerst verstehen lässt, was Gott - auch durch die Worte der Schrift – uns sagen möchte: Geschenk des Glaubens, das man nicht machen, wohl aber empfangen und worum man bitten kann, „denn Gott gibt seinen Geist unbegrenzt“ (Joh 3,34). So ist also der eigentliche Übersetzer der Bibel Gott selbst, der sein Wort aussendet und durch seinen Propheten ausrichten lässt: „Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe“ (Jes 55,11).

Die Übersetzung heiliger Texte ist also letztlich ein geistlicher Akt. Es erfordert von dem Übersetzer, seine gesamte ihm zur Verfügung stehende Sprachkompetenz und Schriftkenntnis einzubringen und sich zugleich so zurückzunehmen, dass der Geist Gottes selber ihn in-spiriert. So gesehen heißt Übersetzen tatsächlich Opfern: sich eben diesem Geist anheimzugeben, so dass Gott selber in seinem Wort zur Sprache kommt.

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Jugendsynode

Kolumne

Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein,
eure Alten werden Träume haben
und eure jungen Männer haben Visionen.“
(Joel 3,1).

Offensichtlich der Traum eines „Alten“, der darauf vertraut, dass Gott auch heute seinen Geist ausgießt – in einer Kirche, in der die Jungen zu Propheten werden und Visionen entwickeln für das Miteinander in Kirche und Gesellschaft. Mit eben jenem Prophetenwort, uns aus der Pfingstliturgie geläufig, hatte Papst Franziskus im März die Jugend-Vorsynode eröffnet, und es hat ja durchaus pfingstlichen Charakter, wenn ein betagter Papst den Schulterschluss mit der jungen Generation sucht, um „die Logik des 'schon immer so'“ in der Kirche zu überwinden[1].

Je älter und größer eine Institution ist, das lehrt die Organisationspsychologie, desto mehr drohen Verfestigung, Verkrustung und Erstarrung, desto raumgreifender und lähmender wirkt die Dominanz des Bestehenden und einmal Bewährten, desto schlagkräftiger ist das Argumentationsmuster des „immer so“. Begründungsbedürftig ist immer nur das Neue, die Veränderung, nie das Bestehende. Insofern darf man gespannt sein, ob es dem Papst im Verein mit der Jugend gelingt, auf der Synode aus dem Korsett verfestigter Strukturen, Gewohnheiten, Denkmuster ... auszubrechen, ohne deswegen aufzugeben, was gut, wahr und heilig ist. Was Papst Johannes XXIII. einst als die Figur des „Aggiornamento“ in den kirchlichen Diskurs eingebracht hat: dass die Kirche sich je neu im „Heute“ den gesellschaftlichen Herausforderungen stellt, greift auch Papst Franziskus auf, wenn er mehr als einmal betont, „wir müssen eher Prozesse in Gang bringen als Räume besetzen. Gott offenbart sich in der Zeit und ist gegenwärtig in den Prozessen der Geschichte. Das erlaubt, Handlungen zu priorisieren, die neue Dynamiken hervorrufen“ (29.8.2013)[2]. Dabei scheint es, dass der Papst nicht minder ungeduldig ist, eben solche Prozesse zu befördern und neue Wege zu gehen, auch gegen Widerstände. In der jungen Generation, in ihrem Idealismus und ihrer Bereitschaft, sich der Dynamik des Geistes anheimzugeben, sieht der Papst offensichtlich Verbündete in seinen Reformbemühungen, wie man nicht erst seit den letzten beiden Weltjugendtagen weiß. „Junge Menschen sind betroffen von und befassen sich mit Themen wie Sexualität, Sucht, gescheiterte Ehen, zerbrochene Familien wie auch größeren gesellschaftlichen Problemen wie organisierter Kriminalität, Menschenhandel, Gewalt, Korruption, Ausbeutung, Frauenmord, allen Formen von Verfolgung sowie Umweltzerstörung“, wie es in dem Abschlussdokument der Vorsynode heißt (Nr. 1). Sie „sind es gewohnt, Verschiedenheit als Reichtum zu erkennen“ und erwarten von der Kirche, dass sie sich „in einer pluralistischen Welt [...] für Toleranz und Dialog“ einsetzt (Nr.2), ja sie „sehnen sich nach einer Kirche, die eine lebendige Zeugin dessen ist, was sie lehrt“ (Nr. 7) . Ihr Appell richtet sich explizit an die Hierarchie: „Seid transparent, offen, ehrlich, einladend, kommunikativ, zugänglich, freudig und eine Gemeinschaft im Austausch. Eine glaubwürdige Kirche hat keine Angst, als verletzlich zu gelten.“ (Nr.11). Themen, die auch Papst Franziskus sich zu eigen macht und sie u.a. mit schonungsloser Offenheit in seinen Weihnachtsansprachen an die römische Kurie benannt hat. Denn „die Klage darüber, wie barbarisch die Welt heute sei,“ so der Papst selbstkritisch, „ will manchmal nur verstecken, dass man in der Kirche den Wunsch nach einer rein bewahrenden Ordnung, nach Verteidigung hat. Nein - Gott begegnet man im Heute.“

Wir dürfen gespannt sein, ob und wie es dem Papst gelingt, die Dynamik der Jugend für die „Kirche in der Welt von heute“ (vgl. GS) fruchtbar zu machen und umgekehrt die Wahrheit und Weisheit der Kirche den jungen Menschen als Lebens- und Sinnhorizont näherzubringen und sie mit der Kraft des Geistes zu inspirieren. „Eure Alten werden Träume haben“, und es ist nicht ausgeschlossen, dass manche dieser Träume wahr werden, auch und gerade in der Kirche ...

 

[1] Abschlussdokument des Vorbereitungstreffens der Bischofssynode, Rom, 19.-24. März 2018 (24.3.2018, hg. Deutsche Bischofskonferenz, Bonn)
[2] Antonio Spadaro SJ , Das Interview mit Papst Franziskus, 19., 23. und 29. August 2013 Teil 2, in: Stimmen der Zeit, HERDER 2013 - Aktualisiert am 22.01.2018.

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Theologische Bildung

Kolumne

Studieren Sie! Studieren Sie! Studieren Sie! Kaufen Sie Bücher, machen Sie Schulden...!“ Der Rektor versuchte den Studienanfängern die hohe Schule der Theologie nahezubringen, um dann bedächtiger fortzufahren: Aber am Ende des Studiums muss all Ihr Wissen einen großen Resonanzboden bilden: wie bei einer Geige, auf der Sie eine einfache, zarte Melodie spielen:“ Ein faszinierendes Bild, das in bestechender Plastizität den Zusammenhang von Wissen und Weisheit zeichnet, ein Spannungsbogen, der auf die seltene, aber notwendige Gabe und Begabung anspielt, profundes Wissen einfühlsam und verständlich ins „Spiel“ zu bringen: konzentriert, kreativ, kommunikativ. Es braucht Neugier, Ausdauer und Fleiß, ja Leidenschaft (manche sprechen von Eros), „dahinter“ kommen zu wollen: Hintergründe und Zusammenhänge zu erkennen und sich nicht mit der Repetition des (vom Dozenten selbst herausgegebenen) Skripts zufrieden zu geben. Wie umgekehrt „Bücher-Nerds“ Gefahr laufen, aus der Zeit zu fallen und in ihrer theologischen Sonderwelt den Kontakt zur Lebenswirklichkeit der Zeitgenossen zu verlieren. Der Theologe von heute, so hatte Kardinal Marx einmal formuliert, halte in der einen Hand die Bibel und in der anderen die Tageszeitung (mit Wirtschaftsteil und Feuilleton). Umfassende theologische Bildung darf nicht an der Oberfläche bleiben, sondern erfordert Weite und Tiefendimension.

Aber wer studiert heute noch, indem er dicke (oder gar mehrere) Bücher liest? Die Frage klingt subversiv. Hat sich das Bildungs- und Studierverhalten nicht grundlegend verändert? In einer sich immer schneller drehenden Welt und schnelllebigen Zeit braucht man schnelle Antworten – und die findet man natürlich auf der Benutzeroberfläche im Internet, bei Google und Wikipedia: für gedanklich wendige und methodisch versierte „Pfadfinder“ durchaus hilfreich in der Orientierungsphase, wie ja auch (vormals) Lexikon-Artikel kurz und kompakt einen ersten Überblick über eine Fragestellung, einen Themenkomplex ... verschaffen können. Aber entscheidend wird sein, ob es gelingt, umfassendes theologisches Wissen anzueignen und zugleich sprachlich und intellektuell im binnenkirchlichen wie interkulturellen und interreligiösen Gespräch dialog-und anschlussfähig zu sein. So wenig schon in der Vergangenheit „ewige Wahrheiten“ einfach von oben herab doziert werden konnten, sondern plausibel und damit einsichtsfähig gemacht werden mussten, so sehr ist in einer globalen, polyzentrischen (Wissens)Welt die Notwendigkeit dialogischen Denkens gefragt, mithin die Bereitschaft zum Hören und Lernen, Deuten und Übersetzen. (Ob jeder Theologe dann des Hebräischen, Altgriechischen und Lateinischen mächtig sein muss, sei dahingestellt; an Auslandserfahrungen und Grundkenntnissen in modernen Sprachen sollte es jedenfalls nicht fehlen.)

Doch wo angesichts der ungeheuren digitalen Informationsflut und des weltweit exponentiellen Wissenswachstums mehr denn je eigenständiges und dialogisches Denken gefragt ist, verleitet das Internet zu unkritischer Übernahme ganzer Textpassagen –eine vornehme Umschreibung für „Textdiebstahl“, so der Medienwissenschaftler Stefan Weber in seinem Buch "Das Google-Copy-Paste-Syndrom" (2007). Die Beziehung zum Text ist dann „nicht mehr inhaltlicher, sondern 'editorischer' Natur“, denn wer mit Textbausteinen aus dem Netz jongliert, liest flüchtig und erfasst Inhalte höchstens oberflächlich.[1] Wenn heutzutage viele Bachelor- und Masterarbeiten aus einer Aneinanderreihung von Zitaten bestehen und nur eine oberflächliche Analyse betreiben, wohingegen der Blick für die großen Zusammenhänge fehlt, muss das zu denken geben. Denn im digitalen Zeitalter erfordert (theologische) Bildung auch Medienkompetenz, da „das Lesen von Online-Texten“, so Nicholas Carr, „zu oberflächlichem Lernen und hastigem Denken führt. Durch die Überfrachtung mit Reizen werden – anders als beim Lesen eines Buches – die aufgenommenen Informationen gar nicht im Langzeitgedächtnis abgelegt“.[2]

Vielleicht liegt darin die eigentliche Herausforderung für die WissensCommunity: vom „hastigen Denken“ wieder umzuschalten auf das Ausloten des Wahrheitsgehalts von Informationen, das Bedenken der Konsequenzen und das Einordnen in größere Zusammenhänge: sich das angelesene Wissen auch anzueignen und zu lernen, souverän und kreativ damit umzugehen, vielleicht sogar - warum nicht – im Spiel jener „einfachen, zarten Melodie“ der persönlichen Überzeugung.

[1] vgl. ZEIT online, 29. März 2007, 14:00 Uhr Aktualisiert am 19. März 2008, 11:58 Uhr.
[2] Tanja Walter, rp-online.de, 13. April 2016 | 13.15 Uhr)

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Spiritualität atmen

Kolumne

Im Anfang [...]schwebte Gottes Geist über den Wassern“ (Gen 1,1f). Was für ein großartiger Auftakt biblischer Heilsgeschichte! Gottes Atem, sein Geist, so die Botschaft von den ersten Zeilen an, ist Lebensprinzip all dessen, was ist. Mehr noch: Es ist derselbe Geist, sein Geist, den Gott allen Lebewesen einhaucht. Auch dem Menschen „er blies in seine Nase. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ (Gen 2,7). Was literarkritisch zwei unterschiedlichen Schöpfungsberichten zuzuordnen ist[1], gibt in der kanonischen Sichtweise doch ein Ganzes. Der Gott der Schöpfung ist auch der Herr des Lebens, der den Menschen mit seinem Geisthauch lebendig macht.[2] Gott gibt von dem, was sein ist; und alles Leben verdankt sich dieser elementaren Zuwendung Gottes: „Verbirgst du dein Angesicht, sind sie verstört, nimmst du ihnen den Atem, so schwinden sie hin und kehren zurück zum Staub. Du sendest deinen Geist aus: Sie werden erschaffen und du erneuerst das Angesicht der Erde.“ (Ps 104, 29f) Eine großartige Sicht der Bibel: Nichts und niemand, ob er an Gott glaubt oder nicht, ob er um ihn weiß oder nicht, ist von seinem lebenspendenden Geist ausgeschlossen.

Doch diese vorgängige göttliche Lebenskraft, die jedem Menschen innewohnt, will bewusst wahrgenommen, mit Namen genannt werden. Das meint: anerkennen, woraus ich lebe; dem gegenübertreten, dem ich mich verdanke. So jedenfalls verstehe ich das Gebet, das dem heiligen Augustinus zugeschrieben wird (und in einer modernen Liedfassung auch Eingang ins neue Gotteslob gefunden hat): „Atme in mir, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges denke“.

Was in dem Titel dieses Themenheftes – vielleicht der Urlaubssaison geschuldet - so leichtfüßig daherkommt: „Spiritualität atmen“, ist ganz im Gegenteil ein spirituelles Schwergewicht, ein elementarer existenzieller Akt. Denn was in der Urgeschichte noch amorph über den Wassern schwebt und unbewusst jedem Menschen als Lebensprinzip innewohnt, bekommt für die Jünger Jesu in der Begegnung mit dem Auferstandenen eine neue, lebensverwandelnde Bedeutung, und auch dies geschieht in einem Anhauch, der Lebensweitergabe durch den Auferstandenen. Während sich die Jünger Jesu nach dessen Tod noch ängstlich abgeschottet hatten, ratlos, wie es weitergehen sollte, zeigt sich dieser ihnen völlig unerwartet als der Lebende. Eine phantastische Geschichte, die Johannes da glaubhaft wiedergibt, der eine reale Erfahrung mit dem Auferstandenen zugrundeliegt, denn eben dieser totgeglaubte Jesus „trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! ... Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!“(Joh 20,19.22). Das beschreibt nichts anderes als die neue Existenz des Jüngers Christi wie der Kirche als ganzer: sich je neu den Geist Christi schenken lassen und aus seiner Kraft und nach seinen Maßstäben leben. „Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott stammt, damit wir das erkennen, was uns von Gott geschenkt worden ist.“ (1 Kor 2,12) Doch den Geist „besitzt“ man nicht, sondern muss sich seiner Dynamik je neu anheimgeben: „erkennen, was von Gott geschenkt“wird; hören, „was der Geist den Gemeinden sagt“ (vgl. Offb 2-3). Wer danach lebt, ist alles andere als ein vollkommen vergeistigtes, welt- und lebensfremdes Wesen. Ganz im Gegenteil. Leben „im Geist“ („en pneumati“ findet sich 19 Mal bei Paulus) bedeutet, „mit Leib und Seele leben, aber ganz erfüllt von Gott, ein vollständiger Mensch sein, allerdings jetzt in einer Form, die keine Grenzen, Schwächen, Bedrängnisse oder Todesdrohungen mehr kennt. Wer nach dem Geist lebt, hat eine Körperlichkeit, für die Raum, Zeit und Welt keine Grenzen mehr sind, sondern nur noch Kommunikation, Offenheit und Gemeinschaft mit Gott und mit der ganzen Schöpfung , darstellen.“[3] So „atmet“ man Spiritualität, in dem Bewusstsein, von Gottes Geist durchdrungen zu sein, dazu gedrängt, Gottes Taten zu vollbringen. Denn, und auch das ist hohe Theologie, wie sie in einem Gotteslob-Lied zum Ausdruck kommt, „wohin sein Feueratem fällt, wird Gottes Reich lebendig“. Gelebte Spiritualität, die die Welt verändert.

 

[1] Die Wendung „Hauch des Lebens“ [nischemat  chajjîm] im jahwistischen Schöpfungsbericht (Gen 2) steht synonym für den Topos „Gottes Geist“ [ruach elohim] in der Priesterschrift (Gen 1).
[2] Vgl. Julius Steinberg, Materialien zur Genesis, Kap. 4: Warum gibt es im Buch Genesis zwei „Schöpfungsberichte“? Version August 2015.
[3] Leonardo Boff, Kirche: Charisma und Macht: 25 Jahre Befreiungstheologie, Gütersloher Verlagshaus, 16.12.2011 (3b)

 

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Pilgern

Kolumne

In seinem „Bericht des Pilgers“ schildert Ignatius von Loyola (1491-1556) die äußerlich und innerlich bewegte Reise seines Lebens: Kriegsverletzung und Krankenlager, Bekehrung und neue geistliche Erfahrung, Pilgerfahrt nach Rom und ins Heilige Land, Inquisitionsprozesse und Untersuchungshaft, Studium und Priesterweihe, Sammlung der ersten Gefährten und Gründung des Jesuitenordens. – Ein wirklich bewegtes Leben voller Widersprüche und Ungereimtheiten, wie wir es vielleicht auch kennen. Ist das Leben, unser Leben, letztlich ein unentwirrbares Knäuel zufälliger Ereignisse und Konstellationen? Sind wir Menschen auf dem Spieltisch der Geschichte wie eine Billardkugel, die zufällig angestoßen mal in die eine, mal in die andere Ecke rollt? Oder zeigt sich in all dem ein roter Faden, ein geheimnisvoller Plan, der erst nach und nach im Laufe der Lebensreise seinen Sinn enthüllt?

Mit dem Titel seines „Berichts“ liefert Ignatius seinerseits bereits eine Deutung seines Lebenswegs, die für ihn selbst jedenfalls absolute Plausibilität besitzt. Was sich in der Unmittelbarkeit des Erlebens oftmals als Laune eines unberechenbaren Schicksals darstellt, ziel- und sinnlose Kehren und Wendungen eines unentwirrbaren Labyrinths, offenbart sich für Ignatius – jedenfalls in der Rückschau – als ein von Gottes Hand liebevoll geführter Pilgerweg, nicht nur für ihn selbst, sondern auch für alle, die durch ihn und seine Gefährten durch die Jahrhunderte den Weg zum Heil finden sollten - zur größeren Ehre Gottes. Großartig, wenn man das so sehen kann; noch großartiger, wenn man das noch zu Lebzeiten erleben und anderen bezeugen darf!

Ist unser irdischer Pilgerweg, glaubt man Ignatius, mit all seinen Irrungen und Wirrungen im Letzten also ein Weg ins Glück? Man möchte daran glauben, und die Kirche selbst versteht sich ja als „pilgerndes Gottesvolk“, das der „ewigen Heimat“ zustrebt, im Bemühen, die Wegmarken in der Zeit im Licht dieses Glaubens zu deuten (vgl. GS 4). Aber da sind auch all die „religiös Unmusikalischen“ (Max Weber), die weltanschaulich Ungebundenen, auf deren Marschroute nicht unbedingt das Ziel irdischer Pilgerschaft verzeichnet ist. Die französische Soziologin Danièle Hervieu-Léger hat schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass es auch unter den Christen den Typus des „Pilgers“ gibt[1], der „auf der Suche nach dem Geheimnis seines Lebens [...] immer wieder nach religiösen Fundstätten Ausschau [hält]. Seine Verbindlichkeit liegt aber nicht im Verweilen, sondern in der Suche“[2]: Phänotyp des Gläubigen, der nicht (mehr) im Gleichschritt in der Formation der Gläubigen unterwegs ist, sondern selbst als Suchender immer wieder Orte und Zeiten religiöser Orientierung und Vergewisserung aufsucht. „Seine an eine Territorialpfarrei gebundene regelmäßige religiöse Praxis ersetzt er durch mehr oder weniger häufige und regelmäßige Besuche von sogenannten religiösen ‘hauts lieux’ oder ‘moments forts’“[3]. Solche „herausgehobenen Orte und starken Momente“ werden auch heute gesucht und gefunden, auf den Weltjugendtagen und den Gebetstreffen der Taizè–Gemeinschaft, an den „klassischen“ Wallfahrtsorten wie in den neuen geistlichen Gemeinschaften. Bei allen veränderten Sozialformen der Religiosität zeigen sich auch hier die Ankerpunkte geistlicher Pilgerschaft: Spiritualität und Kommunität, geistliche Erfahrungen und verbindliche Gemeinschaften – nicht anders als zu Zeiten eines Ignatius und seiner „compania de Jesu“.

Was sich, vielleicht überraschend, als Zielpunkt postmoderner Pilgerschaft präsentiert, hat seine Wurzeln in einer Suchbewegung der Menschen durch die Jahrhunderte. Denn die Pilger unserer Zeit verweisen auf den Schatz, den die Kirche seit Jahrhunderten durch die Zeiten trägt. Oft sind es gerade jene, die sich an dem fraglos Vorgegebenen, dem Eingefahrenen und Verfestigten stoßen, die zugleich offen sind für das Wehen des Geistes, aber einer Hermeneutik und verstehenden Begleitung bedürfen. Das mag eine heilsame Unruhe auch bei denen auslösen, die allzu selbstsicher und heilsgewiss in ihren Denkmustern, Riten und Traditionen verharren: eine Herausforderung auch für sie, sich selbst wieder bewusst auf den Weg geistlicher Pilgerschaft zu begeben. Denn wer selbst mit einer Hoffnung und einer Verheißung unterwegs ist, wird sich leichter tun, ohne Scheuklappen danach zu fragen, was an Hoffnungspotential auch in dem vordergründig Hoffnungslosen steckt.

 

[1] Le pèlerin et le converti. La religion en mouvement, Paris 1999; deutsch: Pilger und Konvertiten : Religion in Bewegung. (Ergon) Würzburg 2004.
[2] Manfred Scheuer, Predigt zur Priesterweihe von Jesuiten, Innsbruck, 17. September 2016.
[3] Klaus Nientiedt, HK 8/1999, 401.

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Die eigene Seele im Blick!

Kolumne

Die eigene Seele im Blick!“ – ein wohlmeinender Hinweis, gewissermaßen die pastoraltherapeutisch gemilderte Fassung des martialischen Ausrufs früherer Volksmissionen: „Rette Deine Seele“! Wie ein durchkreuztes Ausrufezeichen prangt diese Aufforderung noch heute in so manchen Kirchen. Die Botschaft ist unmissverständlich: Es geht um Deine Existenz, sorge Dich um Dein ewiges Heil! Oder, noch drastischer, in geschwungenen Lettern über dem Beichtstuhl in einem westfälischen Wallfahrtsort: „Bekenne oder brenne!“ Abgesehen von dem Befremden, mit dem ein Wallfahrer unserer Tage vermutlich auf eine solche direktive Ansprache reagierte, zeigt sich hier ein über Jahrhunderte gepredigtes Frömmigkeitsideal, das heute doch anachronistisch wirkt . Vor allem die religiöse Reformbewegung der Devotio Moderna und ihr Hauptwerk, die »Nachfolge Christi« (Thomas von Kempen, um 1420) - nach der Bibel bis heute die meistgelesene Schrift des Christentums[1] -, forderte den einzelnen zum Kampf gegen die eigene Sündhaftigkeit und gegen eine sündhaft korrumpierte Welt auf, um mit den Mitteln der Askese, des Gebets und der Selbstkasteiung das Ziel der Selbstverleugnung zu erreichen.

Die Bewahrung oder Rettung der eigenen Seele also um den Preis von Weltflucht oder gar Weltlosigkeit?[2] Sieht so Erlösung aus? Das klingt heute doch merkwürdig suspekt. Denn ganz grundsätzlich stellt sich zunächst einmal die Frage, wie man etwas retten soll, das man nicht sehen und nicht anfassen kann: die eigene Seele, wenngleich man intuitiv ahnt, dass es so etwas wie eine innerste existenzielle Mitte des Menschen gibt, einen unsterblichen Wesenskern – oder wie es im Theologendeutsch heißt: „das Leben und die Lebenskraft des Menschen in seiner psychosomatischen Ganzheit als Individuum und Person mit seiner wesenhaften Offenheit für Gott“ (Haag, LThK 9, 374). Das also soll man im Blick haben. – Das klingt schon ziemlich kompliziert: eine Sonderaufgabe für Spezialisten.

Aber gottlob haben wir Menschen seit Urgedenken ein vorbegriffliches Wissen darum, dass in uns etwas auf Transzendenz, auf Ewigkeit, auf Gott hin angelegt ist, und es steht uns zu Gebote, mit ganzem Herzen und ganzer Kraft - und eben auch „mit ganzer Seele“ (vgl. Mt 22,37) - den Herrn, unseren Gott, zu lieben (und nicht nur unseren ihn). „Jeder Mensch trägt von seinem innersten Wesen nur einen Bruchteil nach außen. Wir zeigen unsere Individualität, unsere Unteilbarkeit besonders dort, wo wir sie (mit)teilen: in der Liebe. In ihr entäußert sich die Seele. In Beziehungen, lebendigen, guten, starken, ehrlichen Beziehungen, wird die Seele erkennbar“, so schreibt Sabine Rückert lebensnah über das „Wesen der Seele“ (ZEIT Magazin, 20. 12.2017): Lebendige Seel-Sorge eben in einem ganz elementaren, positiven, über sich selbst hinausgreifenden Sinn. Erst in der Dynamik der Liebe: von sich weg – auf den anderen hin, findet der Mensch sich selbst. Ein Paradox, auf das schon Jesus seine Jünger hingewiesen hat, „denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt?“ (Lk 9,24f). Anstatt sich in selbstmitleidigen Klagen zu ergehen: „Ich kann machen, was ich will!“ oder „Ich bin dazu verdammt, der zu sein, der ich bin!“, heißt es in der Logik Jesu vielmehr: „Ich werde, der ich bin“. Der Blick für die eigene Seele, will sagen: der Weg zu sich selbst – und auch zu Gott – führt bezeichnenderweise über den Bruder und die Schwester: leben vom anderen – leben für den anderen. Eine höchst dynamische, identitätsstiftende Spannungseinheit der Liebe, anders als etwa der „Denker“ Desacartes sich das vorgestellt hat:
Amor ergo sum: Ich werde geliebt, also bin ich.
Amo ergo sum: Ich liebe, also bin ich.
Eine solche anthropologisch begründete, jesuanisch einladende Beziehungsspiritualität bewahrt dann in letzter Konsequenz auch vor individualistischer Engführung und führt im Gegenteil zu einem geistlich und menschlich erfüllenden Leben, das hier auf Erden beginnt und sich einmal im Himmel vollendet: „Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder [resp. Schwestern] lieben.“ (1 Joh, 3,14).

 

[1] Vgl. Michael Schneider, Zur Geschichte der christlichen Spiritualität. Edition Cardo; Bd. 79, Köln 2001, 83.
[2] „Der Mensch muss sich von allem Vergänglichen, d.h. Geschöpflichen freimachen, auch von seinem Leib (dem »Leibeskerker«), und wissen, dass er »in der Verbannung«, nicht im »Vaterland« lebt.“ Michael Schneider, aaO., 84.

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