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Was ist mit Dir los, Deutschland

Kolumne

Was ist mit Dir los, Deutschland, du selbsternanntes Volk der Dichter und Denker, der Tüftler und Erfinder? Du einzigartige Kulturnation, die mit Stolz auf die sozialen und politischen Errungenschaften der letzten 70 Jahre blicken kann, eine Erfolgsstory mit Wirtschaftswunder, Westintegration, Wiedervereinigung und einem Grundgesetz, um das uns andere Völker beneiden; das unwiderruflich festhält, dass die Würde des Menschen, jedes Menschen unantastbar ist: für jeden, wer immer hier bei uns lebt, ob hier geboren oder zugewandert.

Doch was ist los mit uns, dass ausgerechnet in Zeiten, in denen es uns doch relativ gut geht, viele Zeitgenossen den Eindruck haben, nicht hinreichend wertgeschätzt und beachtet zu werden - in dem Gefühl, dass ihre Lebensleistung, ihre Rechte, ihre Anliegen nicht angemessen gewürdigt wird; die sich gekränkt fühlen und sich im subjektiven Bewusstsein moralischer Überlegenheit das Recht nehmen, die eigene Empörung und Wut zu kultivieren.

Was ist mit uns los, dass in der Mitte unserer Gesellschaft (wieder!) Hass und Hetze blühen, anonym im Netz und offen ausgetragen, wenn Polizisten angegriffen, Rettungssanitäter angepöbelt, Andersdenkende verunglimpft werden.

Was ist nur mit uns los, uns selbsternannten Weltverbesserern, die wir uns oft genug in der Pose der Besserwisser und Rechthaber gefallen? Warum fällt es uns offenkundig so schwer, andere abweichende Meinungen, Empfindungen, Lebensstile gelten zu lassen? Dabei zeugt es doch von menschlicher Größe, auch gönnen zu können: die Leistung anderer anzuerkennen, den Erfolg des Mitwerbers, des politischen Gegners … Wenn demnächst die parlamentarische Sommerpause zu Ende geht, könnte das im politischen Betrieb doch eine neue Spielregel werden.

Bei der Campus-Akademie, die heute beginnt, kommt wieder der bewährte sports4peace-Würfel zum Einsatz. Eine der wichtigsten Grundregeln darauf lautet, gewissermaßen das Motto für das Zusammenspiel in den nächsten Tagen: „Celebrate! Freu dich über den Erfolg des Anderen wie über deinen eigenen“. Eine Grundregel auch für unser gesellschaftliches Zusammenleben, Voraussetzung für gelingende Demokratie. Daran haben wohl die Väter und Mütter unseres Grundgesetzes gedacht: dass jeder Mensch Respekt verdient und jeder Mensch die unveräußerliche Würde des anderen zu respektieren hat - „im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“ (Präambel GG).

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Ich bin dann mal weg

Kolumne

Ich bin dann mal weg“ … Ein fröhliches Händeschütteln, ein flüchtig hingeworfenes „Ciao“, und schon sehe ich den Rücklichtern des Urlaubsautos hinterher. Ich gönne ihnen von Herzen den Urlaub; sie haben in den letzten Wochen und Monaten schwer gearbeitet und sich die Auszeit mehr als verdient. Aber ein wenig peinlich war es ihnen dann doch. Denn auf meine wohl etwas unbedarfte Frage, wohin die Reise denn gehe, kam die verschämte Antwort: „Zunächst mit dem Flieger nach Mallorca und dann aufs Schiff.“ Das klang etwas nach schlechtem Gewissen; schließlich waren auch die heranwachsenden Söhne der befreundeten Familie freitags immer mit auf der Straße: „Fridays for future“ – die neue Solidaritätsbewegung der Schülerinnen und Schüler, die auch die Elterngeneration längst erfasst hat. - Natürlich möchte jeder Mensch ein möglichst gelungenes Leben führen, unbeschwert und lebensfroh, aber auch mit der beruhigenden Aussicht auf eine sichere und sorgenfreie Zukunft. Doch reichen die Ressourcen für beides: die „Taube auf dem Dach“ und (zumindest) „den Spatz in der Hand“?

Ich bin dann mal weg.“ – Es ist leicht, sich einfach einmal für ein paar Wochen davonzustehlen und ansonsten das solidarische Miteinander für eine bessere Zukunft einzufordern. Wobei es mir in keiner Weise ansteht, in irgendeiner Weise die Urlaubsplanung meiner Freunde zu kommentieren. Schließlich habe auch ich da meine blinden Flecken. Wie es scheint, müssen wir die widerstreitenden Gefühle und uns überfordernden Ideale aushalten, zunächst und vor allem in uns selbst. Das bewahrt dann auch davor, vorschnell und moralisierend auf andere zu verweisen.

Denn auch ich „bin dann mal weg“, und das nicht nur mit Fahrrad und Elektroroller. Ich brauche die Zeit und auch Rückzugsorte, um abzutauchen, durchzuatmen, aufzutanken - durchaus ohne schlechtes Gewissen. Aber ich „bin auch da“, wenn es darum geht, mich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt einzusetzen, für Randständige und Verlierer unserer Gesellschaft, für Nachhaltigkeit und Solidarität, auch wenn das mit persönlichen Einschränkungen verbunden ist. Darin zeigt sich letztlich auch eine christliche Grundhaltung: in dem Vertrauen, dass Er, Gott, da ist und all unser Mühen mit seinem Segen begleitet. Oder, wie es in einem chinesischen Gebet heißt:

Herr, erwecke deine Kirche, und fange bei mir an!
Herr, baue deine Gemeinde, und fange bei mir an!
Herr, lass Frieden überall auf Erden kommen, und fange bei mir an!
Herr, bringe deine Liebe und Wahrheit zu allen Menschen, und fange bei mir an!

Daran will ich mich halten, auch wenn ich dann „mal weg“ bin.

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You’ll never walk alone

Kolumne

Herr Pfarrer, machen Sie, was Sie wollen! Aber ein Lied darf bei unserer Hochzeit auf keinen Fall fehlen: You'll never walk alone“. – Keine Frage: für den Hard Core -Fan des BVB war die Fußballhymne ein absolutes MUSS, auch für die anstehende kirchliche Trauung. Eine etwas ungewöhnliche Ansage, aber kein wirkliches Problem, auch wenn die Hymne nicht gerade auf der Favoritenliste kirchlicher Gesangbücher steht. Aber was kann einem Brautpaar Besseres passieren, als dass beide Partner sich gegenseitig versichern, einander immer beizustehen, sich nie allein zu lassen, auch in dunklen Momenten und stürmischen Zeiten. „Walk on, walk on, with hope in your heart, and you'll never walk alone“, so die liedmäßig unterlegte Zusicherung: die Aufforderung, nicht stehen zu bleiben, sondern „immer weiter zu gehen, mit Hoffnung im Herzen“, und man kann den beiden nur wünschen, dass sie sich in schweren Momenten dieses Mutmachlied immer wieder  vorsingen und zu ihrem Wort stehen: nicht voneinander zu lassen, in guten und in bösen Tagen - „denn du bist nie allein auf dem Weg!“ Und das Beste daran: es ist zugleich das Versprechen, das Gott denen macht, die ihren gemeinsamen Lebensweg bewusst in der Kirche besiegeln.

Dabei habe ich mich schon bei der Hochzeit gefragt, was jenem Bräutigam wohl durch den Kopf geht, wenn sein Hochzeitslied bei jedem Heimspiel seines Vereins aus gefühlt 80.000 Kehlen gesungen – nein: hinausgeschrien wird. Jedes Mal eine eindrucksvolle Solidaritätsbekundung für eine Mannschaft, die soeben das letzte Spiel der Saison gewonnen und doch den Titel knapp verpasst hat. Da sah man die eine oder andere Träne, aber auch das befreite Lachen, mit dem sich die Mannschaft nach dem Spiel ihren Fans gestellt hat. Und die Bilder dieser Symbiose, die um die Welt gehen, sprechen eine eindeutige Sprache: Wir sind stolz auf euch! Wir stehen zu euch! „You'll never walk alone!“ Gänsehaut pur.

Aber in solch emotional bewegenden Momenten, im Chor zigtausender Gleichgesinnter, ist es auch leicht, sich gegenseitig Mut zu machen und füreinander einzustehen. Dann kann man auch Niederlagen verschmerzen und Enttäuschungen wegstecken. Allein dagegen ist es schwer. Das mögen auch die beiden schon erfahren haben, die sich diese BVB-Hymne als Lebensmotto für ihre Ehe ausgesucht haben. Und vielleicht kommt ihnen dabei in den Sinn, was der Pfarrer ihnen bei der Trauung damals noch dazu gesagt hat: „Was Ihr euch gegenseitig versprochen habt, das hat Gott euch schon längst zugesichert. Auch wenn der Weg einmal mühsam und beschwerlich wird: Er geht den Weg mit. You'll never walk alone! Darauf könnt ihr euch verlassen!“

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Der Zug war pünktlich

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Kein Aprilscherz! „Heute sind wir mal pünktlich.“ Mit einem Lächeln hielt mir die Zugbegleiterin beim Aussteigen die Tür auf. Augenzwinkernd verabschiedeten wir uns. Kurz zuvor hatte sie mir im Gang erzählt, dass sie sich oft von Fahrgästen unflätige Bemerkungen anhören und persönliche Kränkungen gefallen lassen muss, wenn die Bahn mal wieder Verspätung hat, ein Zug ausfällt oder schlicht ein Lokführer fehlt. Natürlich ist es ärgerlich, wenn man den Anschlusszug verpasst, die Fahrt  wegen umgestürzter Bäume oder – schlimmer noch - „Personen im Gleis“ unterbrochen wird.  Aber muss man deshalb Wut, Spott und Häme bei denen auskübeln, die im Service oder bei der Auskunft ihre Arbeit tun und am wenigsten dafür können, dass der Zeitplan durcheinander gerät? Und die auch dann noch höflich und freundlich reagieren ...

Die Gattung „Erlebnisse mit der Bahn“ gehört mittlerweile zum Standardrepertoire in jeder Konversation; da kann jeder mitreden, angereichert noch mit Schauergeschichten über Flugausfälle, Stauerfahrungen  und Busfahrerstreiks. Doch warum machen uns solche Zwischenfälle und Zwangspausen so zu schaffen? Offenkundig ist unser Zeitplan so eng getaktet, dass er nur aufrecht erhalten werden kann, wenn alles reibungslos funktioniert. Verzögerungen und Ausfälle sind nicht vorgesehen, schon gar nicht höhere Gewalt oder menschliches Versagen. Wenn dann auch noch ein Schlaumeier meint, so eine Unterbrechung hätte doch auch ihr Gutes: gewissermaßen „geschenkte Zeit“, dann ist das auch nicht unbedingt ein Stimmungsaufheller. Dabei bräuchte es gerade dann die Einsicht, dass all unserem Planen und Tun, so perfektioniert und ausgeklügelt es auch sein mag, mitunter Grenzen gesetzt sind, die wir nicht zu verantworten haben. Das anzuerkennen verweist allerdings schon auf die hohe Kunst einer Alltagsspiritualität, wie sie der amerikanische Theologe Reinhold Niebuhr in ein Gebet gekleidet hat: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann; den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann; und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Unlängst war ich übrigens auf dem Weg zum Bahnhof wieder einmal spät dran und hastete mit letzter Kraftanstrengung die Treppen zum Bahnsteig hoch, um gerade noch die erlösende Ansage aus dem Lautsprecher zu hören: „Der Zug hat einige wenige Minuten Verspätung.“ Auch dies zum Glück kein Aprilscherz!


 

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Stella

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Dortmunds anonyme Tote. Stella und das Rätsel um ihre Identität!“ So der Aufmacher vor wenigen Tagen in dieser Zeitung. Die Story hat das Geheimnis um jene unbekannte Frau zwar nicht gelüftet, aber mit der Erwähnung ihres Namens immerhin das einsame Ableben eines Menschen in Erinnerung gerufen. „Stella“, so soll sie sich genannt haben, die junge obdachlose Frau, die vor einigen Monaten tot aufgefunden wurde. Ein schöner Name. Vielleicht die Erinnerung an eine glückliche Kindheit, als ihre Mutter sie liebevoll „mein Stern“ genannt hat; oder an einen Liebhaber, für den sie sein „Augenstern“ war. Oder sie hat sich selbst diesen Namen ausgedacht, weil sonst keiner ihren Namen gekannt, sie angesprochen, sie persönlich gemeint hat. „Stella Diamant“, so hat sie ihre Personalie angegeben: ein Rest von Würde, den sie sich bewahrt hat.

Stella. Der Zeitungsartikel zeigt noch einmal Dein verletzliches Gesicht, das letzte Foto, das man von Dir gepostet hat - wie auf einem Fahndungsfoto, um doch noch in Erfahrung zu bringen, wer Du warst, wo Du gelebt hast, wie Du gestorben bist. „Fälle wie der von Stella landen in Dortmund auf den Schreibtischen des KK 11. Tötungsdelikte, Todesermittlungen, Vermisstenfälle, Waffendelikte und andere schwere Fälle laufen hier auf.“ Am Ende bist Du ein ungelöster Fall in der Kriminalstatistik, ein Vorgang auf einem Schreibtisch einer Behörde, die Deinen Tod, Deine Herkunft aufklären soll, damit die Akte mit dem Eintrag ins Personenstandsregister endlich geschlossen werden kann.

Aber vielleicht gibt es da gar nichts aufzuklären, jedenfalls nichts, was Dich betrifft, die Du das Leben und die Lebenden hinter Dir gelassen hast. Stella, ich habe Dich nie kennen gelernt und weiß nicht, was für Dich im Leben wichtig war, woran Du geglaubt, worauf gehofft hast. Was hast Du an Ungerechtigkeiten ertragen, was möglicherweise an Unrecht begangen? Ich glaube daran, dass im Tod jeder Mensch mit seiner Wahrheit konfrontiert, aber auch von den Tröstungen Gottes gleichsam umarmt wird. „Die Seelen der Gerechten aber sind in Gottes Hand, und keine Folter kann sie berühren. In den Augen der Toren schienen sie gestorben, ihr Heimgang galt als Unglück, ihr Scheiden von uns als Vernichtung; sie aber sind in Frieden. In den Augen der Menschen wurden sie gestraft; doch ihre Hoffnung ist voll Unsterblichkeit.“ (Weish 3,1-4). Das sind meine Gedanken, wenn ich Dein Foto in der Zeitung sehe. Und ich glaube daran, dass Du bei Gott den Frieden findest, der Dir auf Erden versagt geblieben ist. Ruhe also in Frieden!

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Von Sterntalern und Sternsingern

Kolumne

„Waren die drei verkleideten Mädchen gestern auch bei Ihnen?“ Ich  wusste erst gar nicht, worauf die Nachbarin hinauswollte. „Na, die Sterntaler. Die haben so nett gesungen. Da habe ich ihnen natürlich auch was gegeben“.  – Es brauchte noch eine Zeit, bis bei mir endlich der „Groschen“ fiel. Die Dame meinte natürlich die Sternsinger, die an diesem Wochenende  wieder unterwegs waren.  Und ja, sie hatten ihre Spendenbox dabei und baten auch bei mir um einen „Taler“ (wobei ihnen „Scheine“ lieber waren). Es kam dann noch zu einem kurzen Nachbarschaftstalk, in dessen Verlauf ich meine treuherzige Nachbarin aufklären konnte, dass es sich bei den jungen Bittstellern nicht um eine originelle Adaption des Sterntaler-Märchens handelte, sondern um Kinder aus der Kirchengemeinde, die im Gewand der heiligen drei Könige unterwegs waren, voran mit einem selbstgebastelten Stern, mit dem sie symbolisch in die Häuser und Wohnungen leuchten. Eine durchaus ehrenwerte Aktion, mit der sie in diesem Jahr für behinderte Kinder in Peru sammeln.

Der Wortwechsel  ging mir noch länger nach. Erstaunlich, dass da jemand im Zeitalter von Harry Potter oder der Sendung mit der Maus noch das Grimmsche Märchen von den Sterntalern kennt. Das erzählt von einem armen Mädchen, dass alles her geschenkt hat, zuallerletzt noch das sprichwörtlich letzte Hemd. „Und wie es so dastand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel, und waren lauter blanke Taler; und ob es gleich sein Hemdlein weggegeben, so hatte es ein neues an, und das war von allerfeinstem Linnen. Da sammelte es sich die Taler hinein und war reich für sein Lebtag.“[1] Ein Wunder, wie es nur im Märchen vorkommt.

Doch eigentlich unterscheidet sich das arme Mädchen, dessen Freigiebigkeit selbst den Himmel rührt, gar nicht so sehr von jenen Sterndeutern in biblischer Zeit: Menschen, umgetrieben von der Frage, wohin das Licht des Himmels sie führen mag. Da fallen zwar keine Sterne vom Himmel, aber sie kommen letztlich dort an, wo der Himmel die Erde berührt. Und sie, die vor dem Kind in der Krippe ihre Schätze ausbreiten, sind die eigentlich Beschenkten: den gefunden zu haben, der ihrem Leben Perspektive und Orientierung gibt. Davon singen auch die Sternsinger, und manch einer, der dazu seinen „Taler“ gab, hat schon erfahren, dass etwas von dem Glanz des Sterns zurückgeblieben ist.

 

[1] grimmstories.com

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Ich schenk Dir mein Herz …

Kolumne

Neulich auf dem Weihnachtsmarkt am Glühweinstand. Lachen und Lärmen. Dichtes Gedränge. Entspannte Atmosphäre. Mitten in all dem Trubel erzählt mir ein Freund von Chantal: 25 Jahre, studiert Kommunikationswissenschaften und spielt Hockey in der Bundesliga, als Torfrau beim Bremer HC. Was kaum einer weiß: sie lebt mit einem neuen Herzen. Als Kind hatte sie eine Herzmuskelentzündung und war an ein Kunstherz angeschlossen, bis der erlösende Anruf kam und ihr ein Spenderherz eingepflanzt wurde.

Wie fühlt sich das an: leben mit einem neuen Herzen? Leben, weil ein anderer gestorben ist. Leben, weil ein anderer sein Herz geschenkt hat. Vermutlich hatte er einen Organspenderausweis in der Tasche, als er verunglückte. Mir kommt (in dem Zusammenhang völlig unpassend) der Song von Höhner, der kölschen Kultband, ist den Sinn: „Schenk mir dein Herz, ich schenk' dir mein's, nur die Liebe zählt“. Wie banal das klingt, wenn einer tatsächlich ein neues Herz braucht, mit dem Herzen eines anderen lebt. Und doch: Ist es nicht genau das? Nur die Liebe zählt. Ist nicht auch das Liebe, bereit zu sein, für den Moment des eigenen Todes sein Herz – und andere Organe – her zu schenken? Da lebt dann gewissermaßen etwas von mir in einem anderen weiter, selbst wenn ich nicht mehr „da“ bin.

Schwere Gedanken in fröhlicher Runde unter dem Dortmunder Weihnachtsbaum. Wäre ich – Nein: Bin ich bereit, meine Organe ebenfalls zu spenden für den Fall, dass mir morgen – oder heute? – etwas zustößt? Solange ich hier mit Freuden am Glühweinstand stehe, lache, scherze, guter Stimmung bin, finde ich solche Gedanken ziemlich störend und abwegig. Aber ich brauche nur ab und zu in der Ferne die Sirene eines Rettungswagens wahrnehmen, um mir bewusst zu werden, wie ernst diese Frage ist, und wie schnell mich jene andere Realität einholen kann, wo es auf Leben und Tod geht.

Und da ist noch so eine Erinnerung, die in mir hochkommt. Als für Gerda, eine liebe Freundin, die Entscheidung der Beinamputation unausweichlich war, habe ich sie - mit Verweis auf die Bibel - zugegebenermaßen etwas herb zu trösten versucht: „Du kannst auch mit einem Bein in den Himmel kommen.“ Warum nicht auch ich, wenn es drauf ankommt, mit einem verschenkten Herzen?

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„Und ob wir das schaffen!“

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Die Flüchtlingsfrage - „die Mutter aller Probleme“? Eine grandiose Fehleinschätzung, wie sich gezeigt hat, was zu den entsprechenden Verschiebungen in der politischen Landschaft geführt hat. Anstatt mit Stolz und gesteigertem Selbstwertgefühl auf das Geleistete zu verweisen, wurde immer wieder mal leise stöhnend, mal laut polternd, vor allem aber höchst medienwirksam die Problemlösungskompetenz unserer Bürgergesellschaft in Frage gestellt. Aber eine Gesellschaft, die es versäumt, ihre eigene Erfolgsgeschichte herauszustellen und sich für die anstehenden Zukunftsaufgaben zu begeistern, verharrt im lähmenden Wartestand widerstreitender Meinungen und zerlegt sich selbst im Kampf um die Deutungshoheit der Gegenwart.

Der kleinmütige, den Siegeswillen zersetzende Ruf der Bedenkenträger: „Warum schaffen wir das nicht“, führt am Ende zur Selbstverzwergung gerade jener Kräfte, die doch bislang in großartiger und erfolgreicher Weise für den gesellschaftlichen Zusammenhalt gesorgt und „Einigkeit und Recht und Freiheit“ in unserem Land bewahrt haben, was ja bekanntlich „des Glückes Unterpfand“ ist. Wer allerdings nicht daran glaubt, die anstehenden Herausforderungen bewältigen zu können, sollte auch nicht den Anspruch erheben, andere führen zu wollen. Quälende Selbstzweifel sind – jedenfalls in der Wirtschaft – ein absolutes Ausschlusskriterium bei der Besetzung von Führungsaufgaben.

Doch kann die Realität nicht einfach ausgeblendet, dürfen Probleme nicht klein geredet werden. Woher also soll uns die Kraft kommen angesichts der eigenen Grenzen und Schwächen, des Gefühls der Überforderung und des Eindrucks der Vergeblichkeit?

Gott mit dir, du Land der Bayern!“, so beginnt die Bayern-Hymne. Nach der gestrigen Wahl mag sie manch einer mit besonderer Inbrunst singen und dabei den Geist der Gründerväter und –mütter beschwören. Die Wahlkämpfer von gestern täten sicher gut daran, angesichts des Bergs an Aufgaben, der auf sie wartet, sich auf die alten Tugenden zu besinnen und sich daran zu erinnern, wo Menschen in bedrängter Zeit schon immer die Kraft zur Veränderung und zur Annahme der anstehenden Herausforderungen gefunden haben:

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen: Woher kommt mir Hilfe? 
Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
Er lässt deinen Fuß nicht wanken; er, der dich behütet, schläft nicht.“ (Ps 121, 1-3)

Darauf dürfen wir vertrauen. Nicht nur in Bayern!

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Der vergessene Krieg

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Kürzlich ein überraschendes Wiedersehen. Tim, seit einem Jahr in der Ost-Ukraine, arbeitet für eine politische Stiftung in Charkiw. Die Begegnung weckt Erinnerungen an einen fast schon vergessenen Krieg, unmittelbar vor der europäischen Haustür. Auch heute noch sterben jede Woche dort Menschen; über 500 Zivilisten allein im letzten Jahr. Der lange Schatten des Kriegs reicht bis nach Charkiw, der Metropole im Nordosten, 250 Kilometer entfernt vom Kampfgebiet. Da sind nicht nur die 1,5 Millionen Flüchtlinge, die aus der umkämpften Zone hier Zuflucht gesucht haben: auf der Suche nach Wohnung und Arbeit, nach finanzieller Unterstützung und vor allem menschlicher Zuwendung. Da sind die verwundeten und traumatisierten Soldaten, die sich ins Leben zurückkämpfen und doch oft scheitern; über 500 Veteranen haben sich seit 2014 das Leben genommen. Menschliche Schicksale, von denen wir im behüteten Westen so gut wie nichts mitbekommen.

Tim erzählt von Pavel, 30 Jahre, einem Mann der leisen Töne, ganz untypisch für einen Soldaten. Zwei Jahre lang kämpfte er für sein Land in der Region Donezk. Jede Nacht wiederholt sich der gleiche Traum. Wochenlang. Plötzlich tauchen Panzer vor ihm auf, ein zweistündiges Gefecht beginnt. Am Ende sterben acht Soldaten, zwölf sind verwundet. Als Binnenflüchtling zieht er nach seinem Einsatz aus dem Konfliktgebiet nach Charkiw, gemeinsam mit seiner Familie. Mittlerweile arbeitet er dort für die Caritas - wie so viele, die in dieser Metropole gestrandet sind und sich selbst um jene kümmern, denen es noch schlechter geht. So auch Jelena aus Lugansk, die ihre beiden Kinder nur vorübergehend in Sicherheit bringen wollte und nun schon seit drei Jahren in Charkiw festsitzt. Die 32-jährige arbeitet ehrenamtlich für die Hilfsorganisation „Ukrainian Frontiers“ und hört jeden Tag den Geflüchteten zu, wenn sie ihre Geschichte erzählen. Ein wenig Menschlichkeit in einem leidgeprüften Land.

Aber da ist auch die junge Generation. Während der blutigen Auseinandersetzungen der „Revolution der Würde“ auf dem Maidan wendeten sich viele Ukrainer der Religion zu. Besonders die jungen Leute entdeckten Gott für sich, und mancher erinnert sich an ein altes Sprichwort: „Im Krieg gibt es keine Atheisten“. Doch es gibt Zweifel, ob der Trend anhält. Am Ende sind es nicht die schönen Worte oder huldreichen Gesten, sondern die konkreten Taten: helfen, wo es Not tut. Eben darum ist Tim auch schon bald nach unserer Begegnung wieder aufgebrochen. Dorthin, wo es auf seine Kompetenz und Tatkraft ankommt, aber auch auf seine politische und persönliche Überzeugung. Kein Zweifel: Woraus er lebt, das strahlt auch aus.

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Endlich Ferien

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Endlich Ferien! Ein Stoßseufzer der Erleichterung, diesmal nicht aus dem Mund der Kinder und Jugendlichen, die schon längst in den Schulferien sind. Vielmehr meint man das hörbare Aufatmen einer gequälten Nation zu verspüren, die sich nach einem ereignisarmen „Sommerloch“ sehnt: ohne verbalen Schlagabtausch auf offener politischer Bühne, ohne persönliche Kränkungen und die Verunglimpfung Andersdenkender, ohne das präpotente Imponiergehabe selbstverliebter Potentaten auch auf der Weltbühne, die in ihrer Unberechenbarkeit selbst engste Verbündete vor den Kopf stoßen und eine ganze Weltordnung auf den Kopf stellen. Man möchte allen Akteuren, die immer weiter an der Erregungsspirale drehen, eine rekreative Urlaubspause gönnen, in der man wieder zu den Basics des Anstands, des Respekts und der Fairness im Umgang miteinander zurückfindet.

Aber was auf repräsentativer Ebene stattfindet, ist ja doch auch ein Spiegel der Gesellschaft. Jene Attitüde selbstgefälliger Überheblichkeit, der ausgefahrene Ellbogen zur Durchsetzung eigener Interessen, die ätzende Kritik, die andere mundtot macht, gerade auch im Schutz der Anonymität des Internets ... – all das ist uns ja auch in unserer Alltagswelt nicht gänzlich fremd. Da ist es an der Zeit, Abstand zu gewinnen, ideologisch abzurüsten, wieder einen klaren Kopf zu bekommen für das, was wirklich wichtig ist im Leben. Auch dazu könnte die Sommerpause beitragen: das Leben wieder neu zu lernen.

Dazu ein guter Tipp aus alter Zeit: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist.“ (Röm 12,2). So gesehen sind Ferien doch eine gute Gelegenheit, das eigene Denken, Reden und Tun auf den Prüfstand zu stellen – und als Chance, wieder achtsamer zu werden, neugieriger und unvoreingenommener, den Wandlungen des Lebens und den Herausforderungen der Zeit zugewandt. Ich bin überzeugt: das Leben würde danach anders weitergehen – in der großen Politik wie im gewöhnlichen Alltag.

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