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Sag immer die Wahrheit!

Kolumne

Die Bilder waren nur schwer erträglich: da sieht man inmitten der landesweit ausgestrahlten Osterliturgie in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale den russischen Präsidenten, jenen menschenverachtenden Kriegstreiber, der über Leichen geht, wie er inmitten der göttlichen Liturgie andächtig eine rote Kerze in der Hand hält, sich immer wieder bekreuzigt und dem Patriarchen Kyrill I. zum Abschluss ein kostbar verziertes Osterei überreicht. Wie zum Hohn muss es klingen, wenn Putin dem Patriarchen zu diesem „bedeutenden Feiertag“ gratuliert und zum Ausdruck bringt, dass dieses Osterfest „in den Menschen die hellsten Gefühle, den Glauben an den Sieg des Lebens, des Guten und der Gerechtigkeit“ weckt. Und während die orthodoxe Osterliturgie den Sieg des Lebens über den Tod verkündet, setzt Russland mit unverminderter Härte seine Großoffensive im Osten und Süden der Ukraine fort. Shame on you!

Es ist bitter, wenn der oberste Repräsentant der russisch-orthodoxen Kirche von dem “großen Sieg unseres Erlösers über die Sünde, über den Fluch, über den Tod“ spricht, ohne auch nur das Leiden und Sterben der Menschen in der Ukraine zu erwähnen, und stattdessen die Gläubigen dazu aufruft, von der «absoluten Gewissheit des endgültigen Sieges der Wahrheit» überzeugt zu sein. Das erinnert fatal an den Sarkasmus eines Pilatus, der dem gefolterten Jesus gegenüber abschätzig bemerkt: „Was ist Wahrheit“ – ganz so, als ob die herrschende Wahrheit immer die Wahrheit der Herrschenden sei.

Sag immer die Wahrheit“, so lautet das Lebensmotto des mittlerweile hochbetagten Benjamin Ferencz, der einst hinter den Frontlinien des Zweiten Weltkriegs und in den befreiten Konzentrationslagern wegen Kriegsverbrechen ermittelt und als Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen genau diese oft so verborgene und verbogene Wahrheit aufgedeckt hat. So wird auch eines Tages die ganze Wahrheit über die Gräueltaten der russischen Invasoren ans Licht kommen, und ich bin sicher: Es gibt eine letzte Wahrheit, vor der sich jeder Mensch einmal für sein Tun verantworten muss und nach seinen Taten gerichtet wird. Denn auch das gehört zur Wahrheit der Osterbotschaft, wie wir sie im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes, lesen können: „Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen“ (Offb 21,3). Daran glaube ich.

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Wenn es drauf ankommt, sind wir da!

Kolumne

Von „Zeitenwende“ ist in diesen Tagen viel die Rede, nicht nur in geopolitischer Hinsicht. Auch in der Gesellschaft vollzieht sich ein Bewusstseinswandel. Alte Sicherheiten und Selbstverständlichkeiten schwinden, die Unbeschwertheit und Selbstzufriedenheit unserer Wohlstandsgesellschaft verflüchtigt sich. Wenn selbst Rosenmontagszüge zu Friedensdemonstrationen werden, dann offenbart das eine neue Ernsthaftigkeit, auch im gesellschaftlichen Miteinander. Noch 2014, nach der Annexion der Krim, mahnte der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch auf der Internationalen Buchmesse in Wien: „Europa hat in seiner absolut erfolgreichen Entwicklung das Endziel erreicht, es ist vor allem zu einer Zone des Wohlstands, Komforts und der Sicherheit geworden, oversecured, overprotected, overregulated, ein Territorium aufgeblähter und irgendwie beigelegter Probleme und Konflikte, politisch korrekt und steril. In der Ukraine aber wird Blut vergossen, und das ist noch milde ausgedrückt.“  (19.11.2014)

Man meint noch die tiefsitzende Enttäuschung Andruchowytschs herauszuhören angesichts der Zögerlichkeit des Westens, sich für die Werte Europas einzusetzen: für Frieden und Freiheit, für die Integrität der Person und die Unverletzlichkeit der Grenzen. Das hat sich allerdings geändert, seit unser „Gemeinsames Haus Europa“, wie der damalige russische Präsident Michail Gorbatschow es nannte (,,Evropa, naš obščij dom“), von einem seiner Nachfolger mutwillig angegriffen und in Brand gesetzt wird. Die Bilder zerbombter Städte, das Leid all derer, die in ungeheizten Kellern Schutz suchen, ohne Nahrungsmittel, Wasser und Medikamente, nicht zu reden von den Millionen Frauen, Kindern und alten Menschen auf der Flucht – all das rührt uns zutiefst und führt bei aller gefühlten Ohnmacht und Hilflosigkeit zu einer unglaublichen Welle der Solidarität, der konkreten Hilfs- und Spendenbereitschaft: Menschen, die ihre Häuser und Wohnungen für Geflüchtete öffnen, die Hilfsgüter sammeln und an die polnisch-ukrainische Grenze bringen, die in zahllosen Initiativen protestieren und mit ihren Gebeten den Himmel bestürmen. Und die es hinnehmen, dass hier bei uns die Energiepreise steigen, es zu einem weiteren Einbruch der Wirtschaft kommt, dass wir auch weiterhin mit Einschränkungen werden leben müssen. Auch das ist der Preis der Freiheit: dass das Bekenntnis zu unseren Werten uns etwas kostet. Doch wenn es drauf ankommt, sind wir da: ob bei der Flüchtlingswelle 2015, dem Ausbruch der Corona- Pandemie oder der Flutkatastrophe im Ahrtal. Darauf dürfen wir, bei aller Begrenztheit, auch ein wenig stolz sein.

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Abstimmung mit den Füßen

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„Nicht meine Kirche“, so denken viele, die in diesen Tagen aus der Kirche austreten. Ich kann sie verstehen. Die immer neuen Enthüllungen von Missbrauchsfällen, die schleppende Aufarbeitung, der beschämende Umgang mit den Betroffenen… all das erschüttert und entsetzt, gerade weil es so diametral all dem entgegensteht, wofür Kirche eigentlich steht: dass Menschsein gelingt unter den Augen Gottes, dass jeder Mensch eine unhintergehbare Würde besitzt, dass die Güter dieser Erde gerecht verteilt werden und wir darauf hoffen dürfen, dass wir das Leben nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt.

Dass ausgerechnet Seelsorgende, unterwegs im Namen der Kirche, so unsägliches Leid über ihnen Schutzbefohlene gebracht haben, macht mich fassungslos – wie auch all jene, die sich heute in den Pfarreien und kirchlichen Einrichtungen in den Dienst ihrer Mitmenschen stellen und sich für Nächstenliebe, für Gerechtigkeit und das Wohl anderer einsetzen. So skandalös die mittlerweile bekannten Vorgänge auch sind, so notwendig ist es doch gerade auch heute, dass die Liebe gelebt wird und Menschen einstehen für die Hoffnung, die ihnen der Glaube gibt.  

Auch wenn es mich bedrückt und ich mich schäme für alles, was da an dunklen Machenschaften ans Licht kommt: Es ist auch weiterhin meine Kirche, und ich weiß, dass meine Kirche mich braucht. Gerade jetzt. Nicht weil ich wegschaue oder das, was geschehen ist, ignoriere oder relativiere. Ganz im Gegenteil: weil es gerade jetzt Menschen braucht, die sich mit ganzer Kraft für das Evangelium einsetzen und Prozesse der Erneuerung in der Kirche in Gang bringe, in Rückbindung an ihren Ursprung: dass sie dem entspricht, was ihr ursprünglicher Auftrag ist.  

Die Synodale Versammlung, die Ende letzter Woche getagt hat, bringt dazu ein ganzes Reformpaket auf den Weg: „Wir wollen, dass Macht in der Kirche geteilt wird, dass Macht kontrolliert wird, dass Macht nicht mehr in Händen Einzelner liegt, sondern von vielen getragen wird. Wir wollen, dass Frauen in Dienste und Ämter der Kirche aufgenommen werden können. Dass gleiche Rechte, gleiche Würde von Frauen und Männern in der Kirche gelten. Wir wollen, dass die Geschlechterdifferenz, die es gibt, auch die Geschlechtervielfalt, die es gibt, Akzeptanz findet in der katholischen Kirche.“ (Bischof Georg Bätzing) Man mag einwenden, das sei längst überfällig, aber umso wichtiger ist doch, dass dies jetzt konkret vor Ort umgesetzt wird; und bei manchem wird Papst Franziskus froh sein, dass die katholische Kirche in Deutschland hinter ihm steht, wenn es um den Reformprozess in der Weltkirche geht. Abstimmung mit den Füßen: das kann auch bedeuten: zusammenzukommen und gemeinsam die neuen Wege beschreiten, auf die uns der Geist Gottes heute führen will. Ich jedenfalls bin dabei. Trotz allem.

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Weihnachts-Posting

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Weihnachtspost. Alle Jahre wieder. Auch wenn wir den Rest des Jahres weithin über Social Media – Kanäle miteinander kommunizieren, per E-Mail oder SMS, auf WhatsApp oder Instagram … Zu Weihnachten muss es Briefpost sein; kunstvoll bedruckte Weihnachtskarten, mit einem persönlichen Gruß, gern auch originell verpackt oder von Hand bemalt. Etwas, das man in den Händen halten, das man aufbewahren kann: gleichsam um sich zu vergewissern: Weihnachten findet statt, wie jedes Jahr, mit Weihnachtsbaum und Geschenken, der Krippe und den alten Liedern. Es ist der Tag, jedenfalls bei uns, an dem die Familie zusammenkommt, und sei es auch nur für ein paar Stunden, zu fröhlicher Bescherung und festlichem Essen – im besten Fall. Auch wenn das Religiöse in unserem Alltag immer weniger eine Rolle spielt und vielen Zeitgenossen der christliche Glaube mit den Jahren irgendwie abhanden gekommen ist: Weihnachten ist ein Fixpunkt im Rhythmus des Jahres, ein Markstein im gleichmäßig dahinfließenden Strom der Zeit. Erinnerung an längst verblasste Kindertage, irgendwie aus der Zeit gefallen, und doch ein Wink „von oben“, der dem Leben Richtung weist.    

Mich hat dieser Tage dann doch ein digitaler Weihnachtsgruß erreicht: von Dom Bernardo, einem deutschen Franziskaner, der in den Weiten des Amazonas dort Bischof ist. In seiner E-Mail das Foto einer Krippe, aufgestellt in einem Krankenhaus. Das Kind liegt da in einer Hängematte, wie es in den Hütten dort üblich ist. Frei Mariano, ein Franziskanerbruder, der diese Krippe gestaltet hat, ist im vergangenen Jahr an Covid 19 verstorben. Wie so viele, die sich eingesetzt haben, um das Leben anderer zu retten. Die Krippe, Botschaft gottgeschenkten neuen Lebens, erinnert so zugleich an die vielen Toten, aber auch an alle, die sich immer wieder für andere eingesetzt und sich um sie gekümmert haben. Leben und Tod – beides haben wir nicht „im Griff“. Dass sich neues Leben schenkt: es ist ein Wunder! Dass das Leben vergeht, hinüberwächst ins himmlische Weihachten: Vollendung.

Jene Weihnachtspost vom breiten Strom, dem Amazonas: Mich erinnert sie daran, dass gerade auch in den Dunkelzeiten dieser Tage, gezeichnet von Corona und der Ungewissheit, was mit der Omikron-Variante noch alles auf uns zukommt, unser Leben geschenkt und zugleich begrenzt ist. Aber in der Botschaft von Weihnachten liegt doch auch ein Zauber, dass unser Leben – von Anfang bis Ende – in Gottes Hand liegt. Für mich ist es bei aller Unübersichtlichkeit etwas Tröstliches und Befreiendes. Es verleiht dem gegenwärtigen Augenblick etwas von jenem Glanz der Weihnacht. Möge sie hineinleuchten auch weit in das neue Jahr!

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Engel über Dortmund

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Heute um 16.30 Uhr. Wie von Geisterhand illuminiert, erhebt sich dann gegen den Abendhimmel jene kosmische Lichtgestalt, die das Marktgeschehen in den Niederungen mit einer Ahnung von Transzendenz überzieht. Engel über Dortmund, aufgerichtet an der Spitze des überdimensionalen Weihnachtsbaums - „the biggest in the world“, wie eine junge Studentin ihrem japanischen Kommilitonen im Vorübergehen cool erklärte.

Dortmund also im Bannkreis des Engels? Doch wofür steht der Engel? Der Weihnachtsengel über der Krippe kann es ja schwerlich sein; wir haben ja noch nicht einmal Advent. Für den kommerzialisierten Versicherungsagenten ist er zu entrückt, der Engel über unserer Stadt, und an jene verkitschte „Jahresendgestalt“, wie der Engel im offiziellen DDR-Deutsch listigerweise hieß, der im ansonsten völlig säkularisierten Weihnachtsgeschäft für etwas Romantik zu sorgen hatte, wird man in der besonnenen Dortmunder Bürgerschaft ja gewiss nicht gedacht haben.

Bliebe also, eingedenk der zeitlichen Nähe zum gestrigen Toten- oder Ewigkeitssonntag, der versteckte Hinweis, dass die Stadtväter bzw. Stadtmütter in das vorweihnachtlich-geschäftige Treiben bewusst jenen mahnenden Posaunenengel eingebaut haben, der bei aller vergnüglichen Glühweinseligkeit auf eine andere Wirklichkeit verweist: im Diesseitigen auf das Jenseits, im Vergänglichen auf das Ewige, im Nebensächlichen auf das Wesentliche.

Engel über Dortmund: dezente Einladung, hin und wieder einmal aufzuschauen, über den Tellerrand vordergründiger Wohligkeit hinaus, und sich anrühren zu lassen von dem Botschafter einer anderen Welt, der auch dann noch an seinem Platz steht, wenn der Platz schon längst geräumt ist, denen überlassen, die zwischen Unrat und Müll frierend nach Essbarem suchen. Da zeigt der Engel schließlich doch noch sein wahres Gesicht: als Weihnachtsengel, der inmitten idyllischer Krippenlandschaft dafür steht, dass Gott angekommen ist - mitten hinein in die Obdachlosigkeit unserer Welt.

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Gut erholt und gut gerüstet?

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Und, haben Sie sich gut erholt?“ – Das Wohnmobil war noch nicht wieder auf seinem alten Stellplatz, die letzten Reiseutensilien wurden noch ins Haus getragen, da erwarten die Urlaubsheimkehrer schon interessierte Blicke und neugierige Fragen. Ja, man war wieder zu Hause, in der vertrauen Nachbarschaft, die während der Urlaubsreise auf Haus und Wohnung aufgepasst hatte.

Diesmal die Ferien waren wirklich nötig gewesen, nach der langen Zeit der Einschränkungen und Entbehrungen. Einfach einmal abschalten und „normal“ Urlaub machen, sofern man es sich denn leisten konnte. Wenigstens ein paar unbekümmerte Tage erleben, auch wenn die Sorge um die neue Delta-Variante mit im Reisegepäck war. Maskenpflicht und Abstandsregeln galten ja schließlich überall, auch im Urlaub, und man konnte auch nicht sicher sein, ob das Feriendomizil nicht doch über Nacht zum Hochinzidenzgebiet erklärt wurde. Wie soll man da unbeschwert Ferien machen, vor allem wenn man die Bilder von reißenden Sturzfluten sah, die die Menschen im Schlaf überraschten, die alles mit sich fortrissen und ein Bild der Zerstörung hinterließen. Dazu Hitzewellen und Feuerwalzen im Mittelmeerraum, die vielerorts im wahrsten Sinn des Wortes „verbrannte Erde“ hinterlassen haben, eine gespenstische Mondlandschaft.

Haben wir uns angesichts solcher Schreckensszenarien gut erholt? Konnten wir abschalten und trotz alledem „auftanken“, um gerüstet zu sein für die Aufgaben und Herausforderungen, die bereits auf uns warten? Auch wenn meist der erste Impuls ist, alles hinter sich zu lassen und einfach nur rauszukommen aus allem, was einen einschränkt und beengt: nach der kurzen Auszeit sind all die Sorgen und Probleme ja wieder da.

Ich bin da in meinem Urlaub auf ein prophetisches Wort gestoßen, das mich seitdem begleitet und mir hoffentlich hilft, mit größerer Gelassenheit und innerer Kraft, aber auch mit Ernsthaftigkeit all dem zu begegnen, was demnächst wieder auf mich einströmt: „Weißt du es nicht, hörst du es nicht? Der HERR ist ein ewiger Gott, der die Enden der Erde erschuf. Er gibt dem Müden Kraft, dem Kraftlosen verleiht er große Stärke.“ (Jes 40, 28f) Was für ein Wort, gerade angesichts der Katastrophen, derer wir in diesen Wochen gewahr werden. Ermutigend, ohne irgendetwas zu verharmlosen oder zu beschönigen. Denn es gibt diese Momente der inneren und äußeren Erschöpfung, der Kraftlosigkeit – aber auch die Erfahrung, dass einem in solchen Situationen auch ungeahnte Kräfte zuwachsen, innere Ruhe und mentale Stärke. Das ist auch die Lebensweisheit, die aus diesem jahrtausendealten Text spricht: „Die Jungen werden müde und matt, junge Männer stolpern und stürzen. Die aber auf den HERRN hoffen, empfangen neue Kraft, wie Adlern wachsen ihnen Flügel. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt.“ (Jes 40, 28-31) Dass wir in diesem Sinn gut in die Herbst- und Wintersaison starten können, erholt an Leib und Seele, mit neuer Kraft und innerer Stärke, wünsche ich uns allen.

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Die Welt in Farben

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Schöne bunte Welt, unsere Welt in Farben. Blau-weißer Freudentaumel in Bochum, die für abgestiegene Schalker die Fahne hochhalten; und auch Gelb-Schwarz weht überall, wo man nach dem Pokal die Champions League-„Quali“ feiert. Und wo das farbenfrohe Bremer Grün fehlt, flattern schon jetzt die Fürther Vereinsfahnen, ebenfalls Grün-Weiß. Da braucht es keinen Fahneneid; denn es gibt schon längst „echte Liebe“, unterlegt mit inbrünstigen Treueschwüren: „You‘ll never walk alone“. Da sage noch einer, Fahnen würden keine Identität stiften. Das führt zwar manchmal auch zu körperbetonten Auseinandersetzungen, die natürlich in keiner Weise tolerabel sind:  unreife Übersprunghandlungen von Anhängern, die das spielerische Aushandeln von Stärke (und Finanzmacht) noch nicht verstanden haben.

Denn wer erkennt nicht den zivilisatorischen Fortschritt darin, wenn nationale Identitäten sich vor allem in Sport- und Kulturveranstaltungen behaupten. So auch beim European Song Contest an diesem Wochenende in Rotterdam, wo euphorisierte Fangruppen ihre nationalen Symbole als farbige Winkelemente (miss)brauchen. Eine hübsche Idee, internationale Konkurrenz friedlich in Liederwettbewerben statt auf den Schlachtfeldern auszutragen. Man muss den gruftigen Italo-Rock ja nicht mögen als Ausweis paneuropäischen Musikgeschmacks; und wenn Europa sich so in Harmonie übt (Dissonanzen nicht ausgeschlossen), kann man sogar den vorletzten Platz für den deutschen „No Hate“-Beitrag verschmerzen.

Die Welt in Farben. Bunt. Nicht schwarz-weiß. Nicht: ICH oder DU, sondern WIR, so bunt und vielfältig, wie das Leben nun einmal ist. Diversität zulassen - das meint, andere Meinungen gelten lassen, den Anderen gelten lassen, obwohl und weil er bzw. sie anders ist. Was ist so schwer daran? Man muss ja nicht die eigene Überzeugung verleugnen. Wir sollten uns schämen, dass Ausgrenzung, Rassismus, Antisemitismus … immer noch ein Thema ist - nach Jahrhunderten bemühter Zivilisation und Kultur! An Pfingsten lernen wir Christen, Einheit in Vielfalt wieder neu ins Miteinander umzusetzen: „Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens! Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung …, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist.“ (Eph 4,5) Unsere Reifeprüfung, ob wir die göttliche Farbenlehre verstanden haben: Gott mag uns bunt – egal, welchem Glauben wir anhängen.

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RETRO oder AVANTI?

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Ein Bekenntnis vorweg: Ich besitze keinen TikTok-Account und kenne mich damit auch nicht besonders aus. Wenn man allerdings etwas über neue Jugendtrends wissen will, darüber, wie Teens und Twens so „ticken“, dann ist TikTok doch auskunftsfähig. Das hat nicht nur die Mode-Industrie entdeckt. Die neuen Kollektionen orientieren sich am Retro-Trend einer ganzen Generation. Deren nostalgische Selbstinszenierung ist nicht nur stilbildend. Sie ist auch ein Markt.

Doch woher kommt die „junge Lust am Gestrigen“ (ZEIT[1])? Denn Retro ist mehr als nur Mode, sondern ein Lebensgefühl. Da inszenieren sich 15- bis 25-Jährige in Video-Clips als „stille, verträumte, bildungsbeflissene Menschen, die in düsteren Bibliotheksräumen posieren, vor gewaltigen Regalen mit ledergebundenen Bänden, oder sie laufen zu dramatisch schwelender Streichermusikbei schlechtem Wetter an gotischen Gebäuden vorbei“. Das allgegenwärtige Gefühl der Isolation wird, je länger der Corona-Lockdown dauert, nicht beklagt oder betrauert, sondern ästhetisch überhöht und ins Romantisch-Melancholische gewendet. „Generation Z“, die sich in den „Leiden des jungen Werther“ (Goethe) wiederfindet; die existenzialistische Denker wie Schopenhauer, Kierkegaard oder Nietzsche für sich entdeckt und deren Fragen nach Sinn und Bedeutung der menschlichen Existenz, der Angst und Einsamkeit des Einzelnen.

Je unsicherer und ungewisser die Zukunft ist, desto größer ist die Faszination einer Vergangenheit, die man nie erlebt hat, von der man sich aber Stabilität, Kontinuität, Identität verspricht. Je größer das Gefühl der Enge und Isolation, desto reizvoller der Ausflug ins Imaginäre. Doch wie geht das: den Aufbruch ins Ungewisse zu wagen – und doch seiner selbst gewiss zu sein? „Man muss weggehen können und doch sein wie ein Baum: als bliebe die Wurzel im Boden, als zöge die Landschaft und wir ständen fest“ (Hilde Domin).

So waren auch die Ostererfahrungen, von denen die Evangelien berichten. Die Weggefährten des ermordeten Jesus sind verstört, ratlos, gefangen im Kokon ihrer Traurigkeit. Wie soll es weitergehen, wenn die Hoffnung stirbt? Da will man wenigstens die Erinnerung an „gute alte Zeiten“ konservieren, und es braucht Weggemeinschaft, wo man sich den ganzen Frust von der Seele redet, aber auch aufhorcht, wo sich der Nebel des Nichtverstehens lichtet und Neues sich anzeigt. „Brannte uns nicht das Herz, als er mit uns auf dem Weg war“, so bekennen sie im Nachhinein, und es gehen ihnen die Augen auf: dass das Leben nicht im Nichts versinkt, sondern zur Fülle reifen will. Also nicht Retro, sondern Avanti. Wir können dem Leben trauen, denn es kommt von Gott.

 

[1] https://www.zeit.de/2021/14/tiktok-trend-dark-academia-literatur-bildun…

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Priorisierungen

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Dieser Tage haben wir ein neues Wort gelernt: Priorisierungen. Um es einfach zu sagen: wenn Millionen Menschen gleichzeitig durch eine Tür gehen wollen, sprengen sie den Rahmen. Es hilft nichts: man muss regeln, wer zuerst durch die Tür darf und wer erst später hindurchkommt. Mag ich auch subjektiv überzeugt sein, ein Recht auf eine Vorzugsbehandlung zu haben, so muss ich mich doch damit abfinden, wenn die Prioritäten anders gesetzt werden. Priorisierungen können im Einzelfall ungerecht sein, aber es bleibt einem nichts anderes übrig, als geduldig zu warten, bis man selbst an der Reihe ist. Vordrängeln gilt nicht – nicht in der Schlange beim Bäcker, nicht im Stau auf der Autobahn, auch nicht auf der Warteliste beim Impfen.

Das ist nicht leicht, denn die Ungeduld wächst und die Nerven liegen blank. Man kann gegen die vermeintliche Benachteiligung ankämpfen, sich lautstark zu Wort melden oder sich frustriert und beleidigt zurückziehen. Man kann aber auch die wahrnehmen, denen es ähnlich geht, die ebenfalls zurückstehen und jene unbefriedigende Situation aushalten müssen. Da ist es doch ein Gebot der Fairness, Rücksicht zu nehmen auf alle, die noch schlechter dran sind und denen zuerst geholfen werden muss. Warum nicht mit Gelassenheit und Großzügigkeit ihnen den Vortritt lassen?

Ich muss in diesen Tagen oft an Franz von Assisi denken, der ein Draufgänger gewesen sein muss, frei nach der Maxime: „rausholen, was drin ist“. Doch diese Lebenseinstellung hat bei ihm auch Wunden geschlagen, was letztlich dazu geführt hat, noch einmal andere Prioritäten zu setzen. In einem ihm zugeschriebenen Gebet heißt es: „Herr, lass mich trachten, nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste; nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe; nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.“ Mir helfen diese Gedanken, nicht um mein (vermeintliches) Recht zu kämpfen und mich in der Warteschlange, wenn möglich, weiter nach vorne zu schieben, sondern mit all denen solidarisch zu sein, die ebenso geduldig (oder auch weniger gelassen) warten, bis sie „dran“ sind. Mit manchen komme ich dabei unverhofft ins Gespräch, und ich erahne, dass auch der letzte Abschnitt des Gebetes eine tiefe Lebenserfahrung zum Ausdruck bringt – tröstlich in einer Zeit, in der viele Menschen für immer zurückbleiben müssen: „Denn wer sich hingibt, der empfängt; wer sich selbst vergisst, der findet; wer verzeiht, dem wird verziehen; und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.“

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Größe zeigen – Großes wirken

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GREAT AGAIN – Ein Sehnsuchtsruf umweht in diesen Tagen das Capitol. War es nicht gerade diese Sehnsucht, die vor vier Jahren einen Präsidenten ins Amt gespült hat, der wie kein anderer die Sehnsucht all derer verkörpert hat, die sich als Verlierer fühlten, als Abgehängte, als ewig Gestrige, auf die man mit großmütiger Herablassung oder kalter Arroganz herabgeschaut hat. „Make America great again“, das klang wie ein Versprechen, das auf ein kollektives Minderwertigkeitsgefühl traf und zum Mantra einer politischen Bewegung wurde - mit einem selbsternannten Heilsbringer an der Spitze, der selbst diese Sehnsucht nach Größe, nach Anerkennung und Bedeutung verkörperte: einem „Selfmademan“, von allen unterschätzt, der es „denen da oben“ gezeigt hat, dem Establishment und den Jongleuren der Macht; eine Demonstration, wozu Menschen fähig sind, wenn sich die aufgestaute Wut entlädt.

Doch Trauma und Tragik liegen eng beieinander. Denn wer auch immer sich an der eigenen Größe berauscht, erlebt auch, wie es mühsam ist, sich selbst immer wieder in den Vordergrund zu spielen; wie anstrengend es ist, sich und der ganzen Welt beweisen zu müssen, wie wichtig und bedeutsam man ist, immer darauf bedacht, nicht „entlarvt“ und auf das Maß der eigenen Bedeutungslosigkeit zurückgestutzt zu werden. Denn wer mit der Selbsterlösungsformel „great again“ antritt, bekennt gerade den tiefsitzenden Zweifel am eigenen Selbst, der eigenen Bedeutsamkeit und Größe.

Doch „was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber Schaden nimmt an seiner Seele?“ (Mk 8,36) – eine schlichte und zugleich entlarvende Frage, die schon Jesus seinen Zuhörern gestellt hat. Will sagen: „Es kommt nicht primär darauf an, was du aus dir machst, sondern wer du bist“. Wer sich mit den Augen Gottes sehen kann, der ist keineswegs klein und unbedeutend, im Gegenteil: der erahnt etwas von der Größe, die jedem Menschen bereits von Anfang an zu eigen ist: von Gott geliebt, liebenswert und liebenswürdig – und deswegen „great“. Der kann sogar im Moment der Niederlage und des Scheiterns Größe zeigen! Auf dieser Erkenntnis gründet eine Weltreligion, die das Kreuz, das Symbol des Scheiterns, sogar zu ihrem Erkennungszeichen gemacht hat. Die Erfahrung und das Eingeständnis der eigenen Schwäche, so Paulus, einer der ersten Kronzeugen für diese Lebenswahrheit, schmälert nicht die eigene Größe; vielmehr wird so „deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt“ (2 Kor 7). Daraus erwächst die Kraft, auch selbst Gutes zu tun, Versöhnung zu stiften, Großes zu wirken. In diesem Sinn wäre jener Slogan dann doch noch eine Verheißung: „To Be Great At Doing Good “ (Nick Cooney).

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